«Stralsund»: 90 Minuten erstaunliche Leere bei „Dunkle Tiefe“

Ein Mord im letzten Fischereibetrieb Stralsunds stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Vor allem, da ein Überwachungsvideo auf eine Täterin hinweist, die den Mord aber nicht begangen haben kann, war sie zum Zeitpunkt des brutalen Mordes doch auf hoher See, weit weg vom brutalen Geschehen an Land.

«Stralsund – Dunkle Tiefe»

REGIE: Neelesha Barthel; DREHBUCH: Lars Henning, Jan Paul Bachmann; PRODUKTION: Wolfgang Cimera; KAMERA: Alina Albrecht; SZENENBILD: Benjamin Speiswinkel; BESETZUNG: Sophie Pfennigstorf (Jule Zabek), Alexander Held (Karl Hidde), Hannah Schiller (Ella Brodersen), Christian Näthe (Martin Reimers), Lena Stolze (Vera), Thomas Büchel (Winfried Göricke).
Das klingt erst einmal interessant, und doch entpuppt sich das fertige Werk als herbe Enttäuschung. «Stralsund – Dunkle Tiefen» schleicht sich als Krimi an, der mit dem brutalen Mord erst einmal Aufmerksamkeit zu erschaffen versucht, um im Anschluss selbst die dramatischsten Ermittlungsansätze im Keim zu ersticken und fast gänzlich ohne erzählerischen Puls auszukommen. Packende Wendungen? Hochspannung? Nicht wirklich. Eher 90 Minuten erstaunliche Leere. Es wird viel geredet, dann ist die Geschichte aus und als Zuschauer bleibt man unweigerlich mit der Frage zurück: Und das war es jetzt wirklich?

Der gewaltsame Tod von Martin Reimers (Christian Näthe) gibt den Ermittlern Rätsel auf, da die Spuren am Tatort auf eine gezielte Hinrichtung hindeuten, die dem Opfer im Vorfeld einen langen Todeskampf abverlangte. Der arme Kerl wurde in ein Fischernetz gewickelt und dann ertränkt, bei vollem Bewusstsein. Zunächst gerät der Bruder des Opfers ins Visier von Kommissarin Jule Zabek (Sophie Pfennigstorf) und ihrem Kollegen Karl Hidde (Alexander Held), womit auch schon die heiße Phase der Spurensuche beginnt. Dennoch steht bald jemand anderes im Fokus: Die junge Fischerei-Auszubildende Ella Brodersen (Hannah Schiller) zieht Jules Aufmerksamkeit auf sich; nicht nur, weil sie als erste Verdächtige gilt (siehe Top-Alibi). Nein, da ist es noch etwas anderes an diesem Mädchen, das es zu ergründen gilt.

Parallel dazu ist Karl stark mit persönlichen Baustellen ausgelastet. Er kämpft mit gesundheitlichen Problemen, hinterfragt seine berufliche Zukunft und wird durch das Wiedersehen mit seiner früheren Partnerin Vera (Lena Stolze) zusätzlich gefordert. Jule hingegen vertieft ihre Nachforschungen zu Ella, in der sie eine Seelenverwandte mit ähnlichen tiefen emotionalen Wunden wie den ihren zu erkennen glaubt. Die entscheidenden Puzzleteile liefert schließlich Winfried Göricke (Thomas Büchel). Der Hausmeister des Betriebs Hark & Sea klärt Jule über die dunkle Vorgeschichte der Familie Brodersen auf: Einst betrieben Ellas Eltern einen konkurrierenden Betrieb, wurden jedoch von der Reimers-Familie (unter anderem vertreten durch Hark Reimers) wirtschaftlich in die Knie gezwungen, woraus sich eine familiäre Tragödie ergab. Gerade als die Ermittler glauben, dass sie einen echten Ansatz zur Lösung des Falles vorliegen haben, geschieht ein zweiter Mord, der ihre Arbeit vollkommen über den Haufen wirft.

Noch einmal: Die Story klingt ja keineswegs unspannend, sie besitzt eigentlich alles für einen knackigen Krimi. Einen Mord samt eines Opfers, das geschäftlich offenbar mit den harten Ellenbogen gespielt hat. Dazu eine Familientragödie im Umfeld der jungen Frau, die heute ausgerechnet für den Mann arbeitet, der an dieser Tragödie eine Mitschuld trägt: Was sie natürlich zur Hauptverdächtigen macht, nur dass sie eben ein Alibi hat. Ja, daraus ließe sich was machen. Gerade das Alibi, das quasi die einzige echte Verdächtige entlastet, daraus müsste doch ein Rätsel zu spinnen – und zu lösen sein. Aber die Inszenierung wirkt, als habe die Produktionsfirma mit dem Budget einer «Soko»-Episode agieren müssen. Es wird geredet, Menschen sitzen beieinander, Schauwerte sind weithin Fehlanzeige. Dieser Film wirkt wie ein TV-Krimi aus den Neunzigern, den frühen Zweitausendern, als sich ein deutscher ZDF-Krimi jenseits von «Derrick» erst noch finden musste. Das alles wirkt wie abgefilmtes Theater, nur etwas schöner ausgeleuchtet.

28. Film der Reihe


Dieser Eindruck wird auch dadurch verstärkt, dass „Dunkle Tiefen“ kaum versucht, aus seiner eigenen Ausgangslage mehr zu machen. Dabei wäre gerade jetzt einiges möglich gewesen. Denn mit diesem 28. Fall verabschiedet sich nicht nur eine Figur aus der Reihe, sondern ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Karl Hidde, gespielt von Alexander Held, war seit dem zweiten Film 2010 dabei. Held war das Gesicht, das «Stralsund» über anderthalb Jahrzehnte geprägt hat. Im Mai dieses Jahres ist der Schauspieler überraschend im Alter von 67 Jahren gestorben. „Dunkle Tiefen“ sollte tatsächlich sein finaler Auftritt werden, dass die Geschichte nun posthum läuft, ist mehr als eine tragische Note. So bekommt selbst das vergleichsweise unspektakuläre Spiel der Figur eine andere Farbe. Hidde wirkt müde, gesundheitlich angeschlagen, mit der eigenen beruflichen Zukunft beschäftigt und beim Wiedersehen mit seiner früheren Partnerin Vera ohnehin auf einem emotionalen Nebenschauplatz unterwegs. Das ist nicht unbedingt besonders aufregend erzählt, aber im Wissen darum, dass Alexander Held nicht mehr zurückkehren wird, bekommt es eine melancholische Qualität, die der Film gar nicht erst erzwingen muss. Da sitzt plötzlich ein Schauspieler in einer Szene, von dem man weiß, dass dies sein letzter Auftritt in dieser Rolle ist. Und das kann ein Krimi nicht herstellen. Das bringt das Leben mit.

Wer «Stralsund» seit 2009 verfolgt, wird sich deshalb spätestens beim Abspann darüber im Klaren sein, dass die Reihe nun endgültig eine Grenze überschritten hat. Mit Karl Hidde verschwindet der letzte Darsteller aus der Frühzeit der Serie. Und das ist durchaus bemerkenswert, denn «Stralsund» ist mit seinen Hauptfiguren nie besonders zimperlich umgegangen. Kaum jemand verabschiedete sich einfach irgendwann mit einem freundlichen „Dann mach’s mal gut“ in den wohlverdienten Ruhestand oder wurde mit einer Versetzung nach Buxtehude aus der Handlung geschrieben. Bei «Stralsund» wird der durchschnittliche Hauptkommissar eher erschossen. Man muss sich das einmal vor Augen führen: Die Galerie der ehemaligen Ermittler dürfte inzwischen genügend schwarze Bänder für einen ziemlich langen Flur liefern. Andere Krimireihen behandeln ihre Kommissare wie Familienbesitz, bei «Stralsund» hingegen scheint die Personalplanung gelegentlich nach dem Prinzip zu funktionieren „Wer noch lebt, hat Nachtschicht!“ Es ist eine der radikale Besonderheiten dieser Reihe.

Umso erstaunlicher ist, wie wenig „Dunkle Tiefen“ aus seinem Abschied macht. Der Film liefert zwar für Held durchaus einen Schlussakkord, aber der Weg dorthin ist so mühsam, dass Dienst nach Vorschrift den Fall zusammenfasst: Mord aufnehmen / Spuren verfolgen / Verdächtige befragen / familiäre Abgründe ausleuchten / noch einen zweiten Mord einbauen und am Ende alles irgendwie zusammenstecken.

Im kommenden Jahr wird «Stralsund» volljährig. Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt, einmal Luft zu holen mit einem Sabbatical: Für die Frage, was diese Reihe eigentlich noch sein möchte, wenn die Figuren, mit denen sie einst begonnen hat, allesamt hinfort sind. Immer wieder einfach nur neue Ermittler mit tragischen Vorgeschichten nach Stralsund versetzen? Nein, die Serie braucht mehr als neue Namen auf Klingelschildern. Sie braucht einen Grund, warum wir als Zuschauerschaft der Serie wieder gebannt folgen sollen. «Stralsund – Dunkle Tiefen» liefert diesen Grund nicht. Am Ende bleibt weniger die Erinnerung an einen besonders guten «Stralsund»-Thriller als an einen Schauspieler, dessen letzte Szene in diesem Film plötzlich mehr Gewicht besitzt als der gesamte Fall, den er eigentlich erzählen wollte.

Am Samstag, 31. Oktober 2026, 20.15 Uhr, ZDF. Bereits seit 24. Oktober in der Mediathek.
29.10.2026 12:40 Uhr Kurz-URL: qmde.de/176780
Christian Lukas

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• Stralsund – Dunkle Tiefen • Soko • Derrick • Stralsund


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