Mit «Das Geheimnis der gestohlenen Maske» bringen die beiden Autorinnen einen Kinderkrimi über koloniale Raubkunst ins Kino. Im Interview sprechen sie über kulturelle Identität, die Verantwortung europäischer Museen und die Frage, wie man Kindern schwierige Geschichte vermittelt.
«Das Geheimnis der gestohlenen Maske» verbindet einen spannenden Kriminalfall mit Themen wie Kolonialgeschichte, Identität und Freundschaft. Wie entstand die Idee, all diese Ebenen in einem Kinderfilm zu vereinen?
Wir beide sind Autorinnen, die in Büchern und Filmen leidenschaftlich gerne für Kinder und Jugendliche erzählen. Natürlich müssen Geschichten für Kinder spannend sein und deren Lebenswelten zeigen. Was bietet sich da besser an als eine Krimi- und Freundschaftsgeschichte, die ganz in der Gegenwart spielt und in der die Vergangenheit trotzdem wichtig ist? Die erste Idee zum Film „Das Geheimnis der gestohlenen Maske“ hatten wir 2021, als Frankreich als erstes europäisches Land geraubte Kulturgüter offiziell an Benin zurückgegeben hat. Bei einer Veranstaltung in Berlin haben wir Videos gesehen, wie die Menschen vor Ort diese Rückgabe gefeiert haben, und dieser Jubel hat uns nicht mehr losgelassen. Daraus sind die ersten Ideen zu unserer Geschichte entstanden. Wir sind dann häufig nach Leipzig gefahren, ins Grassi Museum für Völkerkunde, das damals als eines der ersten deutschen Museen konkrete Restitutionspläne hatte, und haben viel mit der damaligen Direktorin Léontine Meijer-van Mensch und dem museumspädagogischen Team gesprochen.
Im Mittelpunkt steht eine gestohlene Makonde-Maske. Warum eignet sich gerade dieses Objekt so gut, um Kindern das Thema koloniale Raubkunst näherzubringen?
Im Museum haben wir gelernt, dass die vielen, dort ausgestellten Holzmasken traditionell von Männern getanzt wurden. Wir haben aber eine Maske gesucht, die zu Johanna als Mädchen passt. So sind wir auf die weiblichen Masken gestoßen, die aus Ton gefertigt sind und von Frauen in eigenen, geheimen Ritualen getanzt wurden. Das passte perfekt zu Johannas Weg der Selbstfindung. Und noch etwas hat uns bewegt: Zu einer Maske gehören eigentlich ein Kostüm, Musik, Rhythmus, ein Ritual. Sie in einer Vitrine in einem europäischen Museum zu sehen, herausgelöst aus all dem, allen Blicken ausgesetzt – das tut weh. Dieses Gefühl wollten wir auch Kindern vermitteln.
Der Film erklärt historische Zusammenhänge, ohne belehrend zu wirken. Wie schwierig war es, die richtige Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung zu finden?
Wir sind ja Geschichtenerzählerinnen, keine Historikerinnen oder Politikerinnen. Für uns stand von Anfang an fest: Wenn eine Geschichte nicht spannend ist, will sie niemand sehen oder lesen – egal, wie wichtig das Thema ist. Also war die zentrale Frage: Wie erzählen wir dieses komplexe Thema so, dass Kinder es verstehen und mitfühlen können? Um diese Balance hinzukriegen, war und ist Johanna, unsere Protagonistin, als Identifikationsfigur ganz zentral. Sie hat Ärger mit ihrer besten Freundin Sweta und ist zugleich durch den Besuch ihres Großvaters aus Tansania ganz schön gefordert. „Wer bin ich überhaupt?“, diese Frage stellen sich fast alle Kinder, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Bei Johanna spielt natürlich mit, dass sie als Schwarzes Mädchen in Leipzig in einer überwiegend weißen Gesellschaft lebt. Gleichzeit ist unsere Johanna eben für alle Kinder eine sympathische Hauptfigur, mit der sie einfach gerne mitgehen und mitfiebern.
Johanna erfährt durch ihren Großvater Kito viel über ihre eigene Familiengeschichte. Wie wichtig war Ihnen, dass die persönliche Geschichte der Figuren immer im Mittelpunkt bleibt und nicht die politische Botschaft?
Kitos Auftauchen löst bei Johanna einen Prozess der Identitätsfindung aus, und das ist etwas, an das gerade Kids of Color unmittelbar anknüpfen können. Gleichzeitig ist die Auseinandersetzung mit Herkunft und Familie ein Thema, das für Kinder jeder Herkunft relevant ist. Uns war wichtig, dass Johanna am Ende verschiedene Facetten ihrer Identität zusammenfügen kann. Sie hat im Laufe dieses Abenteuers viel gelernt. Nicht nur über die Makonde und ihre Traditionen, sondern auch über ihre Leipziger Familie und ihre neu gefundenen Verwandten in Tansania – und über ihre wunderbaren Freunde Sweta und Anton.
Mit Johanna, Anton und Sweta steht ein sehr unterschiedliches Trio im Zentrum. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Figuren entwickelt, damit sie sich gegenseitig ergänzen?
Die drei sollten sich in ihren Fähigkeiten ergänzen und trotzdem (oder gerade deshalb) auch aneinandergeraten. Erst über alle Gegensätze und anfänglichen Konflikte hinweg wachsen sie zu einem echten Ermittlerteam zusammen. Uns war wichtig, dass jede Figur etwas Eigenes einbringt: Sweta ist sehr sportlich und kann Hindernisse kletternd überwinden, Anton ist ein Computerspezialist und Johanna eine sensible Nachdenkerin, die auch technisch einiges drauf hat und gerne zeichnet und tüftelt. Mutig auf ihre je eigene Weise sind sie alle drei. Und alle drei wissen zum Schluss des Films: Das Wichtigste ist ihre Freundschaft!
Kinder erleben Geschichte oft anders als Erwachsene. Welche Chancen bietet ein Kinderfilm, wenn es darum geht, über Kolonialismus, kulturelles Erbe und Gerechtigkeit zu sprechen?
Generell kann ein Kinderfilm dieselben Frage stellen wie ein Film für Erwachsene, aber auf Augenhöhe mit jungen Zuschauer*innen. Auch das pädagogische Team des Grassi-Museums hat uns immer bestärkt: Es braucht dringend Kinderfilme, die sich trauen, schwierige Themen wie Kolonialismus und seine Folgen aufzugreifen. Zugleich waren wir uns einig: Kinder haben einen großen Gerechtigkeitssinn und werden leicht einen eigenen Umgang mit Fragen rund um die Rückgabe von Kulturgütern finden. Denn ist es nicht eigentlich selbstverständlich: Was mir nicht gehört, gebe ich zurück? Auch Themen wie heutiger Rassismus können und dürfen in einem Film wie unserem nicht einfach ausgeklammert werden. Über das Wie haben wir uns im Team lange ausgetauscht. Rassismus wird nun insbesondere über die Backstory von Kito und seinem Sohn Marco thematisiert. In Johannas Gegenwart kommt er hingegen eher am Rande vor - über neugierige oder abschätzige Blicke, die sie irritieren, oder über Figuren wie die Polizistin, die mit ihren Verdächtigungen gegen Kito lächerlich wirkt. Wir hoffen, Kinder zu empowern, in ihrer ganzen Diversität zu sich selbst zu stehen. Dies scheint uns auch angesichts der Tatsache wichtig, dass es im deutschen Kinderfilm noch immer nur wenige Schwarze Protagonist*innen gibt.
Der Film verzichtet auf einfache Antworten und zeigt unterschiedliche Perspektiven auf die Rückgabe von Kulturgütern. Warum war Ihnen diese Offenheit wichtig?
Einfache Antworten gibt es ja nicht. Die Menschen, die vor über hundert Jahren beraubt wurden, leben nicht mehr. Ländergrenzen, Regierungsformen und Zugehörigkeiten haben sich seitdem verändert. An wen soll zurückgegeben werden? Wer vermisst die Objekte? Wer hat welches Recht darauf? Diese Fragen nicht zu vereinfachen, das war uns wichtig.
Neben dem Kinofilm, der am 29. Oktober startet, ist auch ein Roman erschienen, der bereits im Handel erhältlich ist. Wie unterscheiden sich Buch und Drehbuch bei der Erzählweise derselben Geschichte?
Den Roman mit dem Titel „Johanna und die Maske der Makonde“, erschienen im im Hase & Igel-Verlag, erzählen wir ganz nah dran an Johanna, während wir im Film mehr Perspektiven haben. Das liegt an bestimmten Notwendigkeiten beim Drehen: Kinder dürfen ja nur wenige Stunden am Tag arbeiten, deswegen haben wir Plotelemente auf mehrere Kinderfiguren verteilt und insbesondere auch Erwachsenen – etwa der Lehrerin oder dem Polizisten-Duo – mehr Spielzeit eingeräumt. Dies hat auch mit der jeweiligen Besetzung der Rollen zu tun: Zum Beispiel sind Julian Janssen (Polizist) und Marina Blanke (Lehrerin) den Kindern im Zuschauerraum vertraut als Checker Julian und Checkerin Marina und werden auf der Leinwand freudig wieder erkannt. Insgesamt fließen in einen Film natürlich die Visionen und technischen Möglichkeiten von vielen Gewerken hinein – vom Casting bis zur Maske, von der Schauspielkunst bis zur Regie, von der Musik bis zum Schnitt –, während wir beim Schreiben eines Romans „nur“ nach einer passenden literarischen Stimme suchen müssen.
Sie haben zusätzlich Begleitmaterial für Schulen entwickelt. War von Anfang an geplant, dass der Film auch im Unterricht eingesetzt werden kann?
Das war von Anfang an unser Ziel, ja. Es ist uns ein großes Anliegen, das Thema – über Roman und Film – im Schulunterricht zu verankern, und zwar früher als bisher im Lehrplan. Wobei die Schulmaterialien nicht von uns Autorinnen erstellt wurden, sondern für den Roman von Katrin Klöckner und für den Film von Olaf Selg. Beide haben viel Erfahrung in der didaktischen Aufbereitung von Themen für den schulischen Unterricht.
Trotz der ernsten Themen ist «Das Geheimnis der gestohlenen Maske» vor allem ein Abenteuerfilm. Welche Bedeutung hatte der Humor, damit die Geschichte für junge Zuschauer zugänglich bleibt?
Über das „Wieviel“ an Humor haben wir im Team viel gesprochen. Was uns dabei allen wichtig war und ist: Der Humor des Films und somit das befreiende und entspannende Lachen im Zuschauerraum darf nicht auf Kosten der Schwarzen Figuren oder kultureller Unterschiede erfolgen.
Die Geschichte spielt in einem Museum, das fast selbst zu einer Hauptfigur wird. Was hat Sie an diesem Schauplatz besonders gereizt?
In den ethnologischen Museen Europas befinden sich unzählige „Objekte“,
cultural belongings, in unserem Fall Masken, zu denen eigentlich Kostüme, Musik und Rituale gehören. Sie liegen zusammengewürfelt in Vitrinen, herausgelöst aus ihrem Zusammenhang. Das Museum als Ort in seiner Widersprüchlichkeit – ein Ort des Wissens und der Bewahrung, der für andere gleichzeitig ein Ort des Verlusts ist – hat uns besonders interessiert. Auch das Magazin eines Museums ist natürlich ein visuell spannender Ort – und zugleich ein Ort der Trauer. Hunderttausende Kulturgüter liegen unbeachtet in den Kellern europäischer Museen und haben in der Kultur ihrer Herkunftsländer große Wunden und Narben hinterlassen.
In den vergangenen Jahren wird die Rückgabe kolonialer Kulturgüter intensiver diskutiert als je zuvor. Hat diese gesellschaftliche Entwicklung Ihre Arbeit am Drehbuch beeinflusst?
Ja, sehr direkt. Das war unser erster Anstoß für die Geschichte. Seit 2021 haben wir dann diese Debatte nicht nur beobachtet, sondern waren in gewisser Weise, auch durch unsere Recherchepartner*innen am Grassi Museum, mittendrin. Auch die Gespräche mit der Schwarzen Aktivistin, Künstlerin und Kuratorin Patricia Vester waren für uns eine große und kontinuierliche Bereicherung, ebenso wie unser Austausch mit Schwarzen Familien und Kindern und Jugendlichen.
Das Geheimnis der gestohlenen Maske
Nancy Mac Granaky-Quaye hat die Geschichte schließlich inszeniert. Wie eng haben Sie während der Dreharbeiten zusammengearbeitet und was hat sie Ihrer Geschichte aus Ihrer Sicht hinzugefügt?
Schon beim Schreiben des Drehbuches haben wir sehr eng mit Nancy zusammengearbeitet. Dieser Austausch mit ihr war wahnsinnig schön und intensiv – nicht zuletzt, weil Nancy in der Geschichte von Johannas Vater und Opa Aspekte ihrer eigenen Biografie gesehen hat. Auch daher war Nancy von dem Stoff emotional sehr berührt. Unmittelbar vor dem Dreh haben wir noch einmal viel mit ihr über alle Figuren, deren Hintergründe, Backstorys und Erfahrungen gesprochen. Nancy hat eine sensible Perspektive und eigene Schwerpunktsetzungen in das Projekt hineingetragen, die nicht nur für Johannas Geschichte unverzichtbar sind, sondern den gesamten Film maßgeblich geprägt haben.
«Das Geheimnis der gestohlenen Maske» ist ab Donnerstag, 29. Oktober, in den deutschen Kinos zu sehen.
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel