Die Kritiker

«Das verschwundene Kind»

von

Julia Koschitz, Mark Waschke, Anna Schudt und Hans Löw spielen Eltern aus einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt, deren Beziehungen durcheinanderpurzeln.

Stab

Darsteller: Julia Koschitz, Mark Waschke, Anna Schudt, Hans Löw, Sammy Schrein, Jona Levin Nicolai
Schnitt: Nicola Undritz
Musik: Richard Ruzicka
Kamera: Moritz Schultheiß
Drehbuch: Silke Zertz
Regie: Sabine Bernardi
In der Mittleren Elbtalaue, wo die Landschaft offenbar eigens dafür geschaffen wurde, dass Menschen ihre Zivilisationsmüdigkeit in ein nachhaltiges Lebensmodell übersetzen, haben sich vier Freunde einen Traum erfüllt. Sophie und Thies, Inga und Bodo leben zusammen, teilen ihren Alltag und wollen ihre Kinder gemeinsam großziehen.

Man möchte annehmen, dass sie über ausreichend Gesprächskultur verfügen, um Konflikte frühzeitig zu erkennen. Doch dann gibt es Aaron, zwölf Jahre alt, aggressiv, verschlossen und schwer zu erreichen. Er provoziert, scheitert in der Schule und belastet die Gemeinschaft so lange, bis deren Ideal von Zusammenhalt beträchtliche Risse bekommt. Als Aaron eines Tages verschwindet, muss sich zeigen, wie viel von der Freundschaft noch übrig ist – und ob nicht insgeheim alle erleichtert waren, als das vermeintliche Problem plötzlich nicht mehr da war.

Der Stoff, den Regisseurin Sabine Bernardi nach Motiven des Romans „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff inszeniert, besitzt zweifellos eine unangenehme, produktive Schärfe. Er fragt, wie viel Solidarität eine Gemeinschaft tatsächlich aufbringt, wenn ein einzelnes Mitglied dauerhaft anstrengend ist. Was geschieht mit dem Ideal des Gemeinsamen, wenn Fürsorge nicht mehr als beglückende Haltung, sondern als tägliche Zumutung erlebt wird? Und wie ehrlich sind Menschen, die sich für besonders reflektiert halten, wenn ihre Überzeugungen mit den eigenen Bedürfnissen kollidieren?

«Das verschwundene Kind» hat also etwas zu verhandeln. Nur wird aus der interessanten Versuchsanordnung kein überzeugend entwickeltes Drama. Denn der Film scheint seiner moralischen Pointe so sehr zu vertrauen, dass er die Figuren allzu häufig zu deren Beweisführung abstellt. Die Erwachsenen geraten in Konflikte, die ihre verborgenen Ressentiments offenlegen sollen; die Kinder werden dann zum Austragungsort dieser Spannungen. Vieles wirkt dabei weniger wie ein organisch gewachsener Zerfall der Gemeinschaft als wie eine sorgfältig arrangierte Reihe von Belastungsproben. Sobald die Geschichte ihre dunkle Seite zeigen möchte, wird die Konstruktion sichtbar.

Besonders heikel gerät dabei der Umgang mit Aaron. Ein Kind, dessen Verhalten seine Umgebung an Grenzen bringt, ist eine dramaturgisch besonders anspruchsvolle Figur. Es darf schwierig sein, ohne zum kleinen Monster erklärt zu werden; es darf leiden, ohne dass jedes seiner Verhaltensmuster automatisch als Hilferuf entschlüsselt werden muss. Der Film deutet diese Widersprüchlichkeit an, findet aber keinen wirklich souveränen Zugang zu ihr. Aaron erscheint vor allem als Störfaktor, an dem sich die Überforderung der Erwachsenen ablesen lässt. Damit wiederholt der Film ausgerechnet jene Perspektive, die er eigentlich untersuchen müsste: Das Kind wird zum Problem erklärt, während die Erwachsenen ihre moralischen Befindlichkeiten sortieren.

Auch die Landschaft der Elbtalaue bleibt in ihrer Funktion etwas zu eindeutig. Die Schönheit der Umgebung soll den Kontrast zur häuslichen Zerrüttung verstärken: draußen Weite, drinnen Enge; draußen Natur, drinnen die misslingende soziale Konstruktion. Das ist als Bild verständlich, aber nicht sonderlich überraschend. Die Natur wird zum kommentierenden Hintergrund, statt eine eigene, ambivalente Präsenz zu entwickeln. Ähnlich verhält es sich mit dem Verschwinden selbst. Es liefert dem Film eine dramatische Zuspitzung, die seine Konflikte bündeln soll, nimmt ihnen aber zugleich die Gefahr, sich unabhängig von diesem Ereignis zu entfalten.

Am Ende bleibt eine Geschichte, deren Fragen deutlich interessanter sind als ihre Antworten. Gemeinschaft ist eben nicht automatisch solidarisch, nur weil man sich gemeinsam für solidarisch hält. Und Elternliebe schützt nicht davor, ein Kind irgendwann als Belastung zu erleben. Das hätte einen präzisen, stillen und gerade deshalb verstörenden Film ergeben können. «Das verschwundene Kind» macht daraus ein moralisches Drama, das seine Ambivalenzen zwar erkennt, ihnen aber nicht immer vertraut.

Der Film «Das verschwundene Kind» wird am Montag, den 19. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

Kurz-URL: qmde.de/176656
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