Vermischtes

Die neue Druckmaschine steht im Rechenzentrum: Wenn Cyberangriffe den Journalismus treffen

Eine Redaktion kann vollständig besetzt sein.

Reporter können vor Ort recherchieren, Meldungen können geschrieben, Bilder produziert und Informationen geprüft sein – und trotzdem erreicht am Ende keine einzige Nachricht den Leser. Dafür muss heute weder eine Druckmaschine stillstehen noch ein Sendemast ausfallen. Es genügt, wenn die digitale Infrastruktur eines Medienhauses unter Beschuss gerät.

Was lange vor allem als Problem von Banken, Behörden oder großen Industrieunternehmen wahrgenommen wurde, ist längst im Mediengeschäft angekommen. Cyberangriffe gehören für viele Publisher inzwischen zum digitalen Alltag. Besonders Distributed-Denial-of-Service-Attacken, kurz DDoS, stellen Betreiber reichweitenstarker Nachrichtenseiten vor eine Herausforderung.

Das Prinzip dahinter ist vergleichsweise einfach: Ein Server wird mit einer enormen Zahl von Anfragen konfrontiert, bis reguläre Nutzer die angebotenen Dienste nicht mehr oder nur noch eingeschränkt erreichen können. Bei verteilten Angriffen stammen diese Anfragen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik weist darauf hin, dass die hohe Zahl gleichzeitig angreifender Rechner solche Attacken besonders wirksam macht.

Für Medienunternehmen entsteht damit eine paradoxe Situation: Je erfolgreicher die Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells verläuft, desto wichtiger wird die technische Infrastruktur hinter dem Journalismus.

Die Druckmaschine des digitalen Zeitalters


Über Jahrzehnte waren die neuralgischen Punkte eines Verlages offensichtlich. Ohne Papier keine Zeitung, ohne Druckmaschine keine Ausgabe, ohne funktionierende Logistik keine Zustellung.

Bei einem Digitalmedium sieht die Sache anders aus. Die entscheidende Infrastruktur arbeitet weitgehend unsichtbar. Server, Datenbanken, Content-Management-Systeme, DNS-Dienste, Netzwerkanbindungen und Schutzsysteme sind zu dem geworden, was früher Druckmaschine und Vertrieb gemeinsam waren.

Fällt diese Infrastruktur aus, verschwindet nicht der Journalismus – aber sein Weg zum Publikum.

Gerade bei Nachrichtenangeboten ist das entscheidend. Denn während ein Online-Shop einen mehrstündigen Ausfall möglicherweise vor allem in entgangenem Umsatz bemerkt, besitzt die Verfügbarkeit bei einem Nachrichtenmedium zusätzlich eine publizistische Dimension. Bei Unwettern, Großbränden, politischen Ereignissen oder anderen Nachrichtenlagen erwarten Leser gerade in dem Moment Informationen, in dem das öffentliche Interesse besonders hoch ist.

Cyberresilienz wird damit zunehmend zu einer journalistischen Infrastrukturfrage.

Medien geraten verstärkt ins Visier


Dass die Branche dabei keineswegs am Rand des Geschehens steht, zeigen aktuelle Entwicklungen. Nach von The Register ausgewerteten Cloudflare-Daten entfielen 2026 bislang 14,2 Prozent der registrierten DDoS-Angriffe auf den Bereich Medien, Produktion und Publishing. Damit war dieser Bereich besonders stark betroffen.

Auch jenseits klassischer DDoS-Attacken wächst der digitale Druck auf Medien. Der Media Freedom Rapid Response dokumentierte allein im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 736 Angriffe beziehungsweise Verstöße gegen die Pressefreiheit, von denen 1.174 Journalisten und andere Medienschaffende betroffen waren. Digitale und Online-Umgebungen spielten dabei eine bedeutende Rolle.

Wie konkret DDoS-Angriffe Medien treffen können, zeigte sich beispielsweise bei mehreren belarussischen Exilmedien. Das Committee to Protect Journalists berichtete im Juni über mindestens sechs Nachrichtenangebote sowie eine Journalistenorganisation, deren Websites seit März Ziel entsprechender Attacken geworden waren.

Dabei muss hinter einem Angriff auf ein Nachrichtenangebot keineswegs automatisch ein politisches Motiv stehen. Die Urheberschaft von DDoS-Attacken ist häufig schwierig festzustellen. Genau deshalb wäre es voreilig, aus einem technischen Angriff unmittelbar auf dessen Motivation zu schließen.

Das Problem für Medienunternehmen bleibt unabhängig davon dasselbe: Der Zugang zum journalistischen Produkt wird angegriffen.

Wenn plötzlich eine ganze Mediengruppe betroffen ist


Wie schnell diese abstrakte Bedrohung im redaktionellen Alltag ankommen kann, zeigte sich Ende August auch bei der Mediengruppe Presse Nord. Zu ihr gehören die regionalen Nachrichtenangebote Celler Presse, Hildesheimer Presse und Uelzener Presse.

Über viele Stunden waren die Systeme der Mediengruppe nach Unternehmensangaben einer größeren Angriffswelle ausgesetzt. Dabei wurde versucht, die Server auf breiter Front zu überlasten und die Nachrichtenseiten lahmzulegen.

Zeitweise wurden die Server vorsorglich heruntergefahren. Dabei handelte es sich nach Angaben des Unternehmens nicht um einen durch den Angriff erzwungenen Zusammenbruch der Systeme, sondern um eine bewusste Sicherheitsmaßnahme. Die Unterbrechung sollte Zeit schaffen, die Situation zu analysieren und die Abwehr gemeinsam mit den technischen Partnern an die laufende Attacke anzupassen.

Der Nachrichtenbetrieb konnte anschließend wieder aufgenommen werden, während der Angriff noch andauerte.

„Angriffsversuche gehören inzwischen zum Alltag. In diesem Fall hatten wir es allerdings wieder mit einer deutlich größeren Angriffswelle zu tun“, erklärt Tobias Franke, Chefredakteur der Celler Presse, auf Anfrage. Gemeinsam mit den technischen Partnern sei es gelungen, die Schutzmaßnahmen während des laufenden Angriffs anzupassen und die Angebote wieder verfügbar zu machen.

Zu Art und technischer Ausgestaltung des Angriffs äußert sich die Mediengruppe Presse Nord nicht im Detail. Auch zu den konkret eingesetzten Abwehrmaßnahmen macht das Unternehmen aus Sicherheitsgründen keine Angaben.

Der Fall zeigt damit auch, dass bei Cyberangriffen nicht ausschließlich die Frage zählt, ob ein Angriff verhindert werden kann. Entscheidend ist ebenso, wie schnell ein Medienunternehmen reagieren und seinen regulären Betrieb wiederherstellen kann.

Reichweite verändert auch die Verantwortung


Besonders interessant wird diese Frage bei regionalen Digitalmedien. Denn die Bezeichnung „Regionalmedium“ vermittelt schnell eine Größenordnung, die mit der Realität digitaler Nachrichtenangebote nicht mehr unbedingt übereinstimmt.

Allein im Archiv der Celler Presse befinden sich inzwischen rund 60.000 veröffentlichte Beiträge. Nach Angaben des Unternehmens erreicht das Angebot an besonders starken Tagen bis zu 1.000.000 Zugriffe.

Solche Größenordnungen zeigen, wie stark sich Regionaljournalismus im Internet verändert hat. Ein digitales Regionalmedium ist technisch betrachtet längst kein kleiner Internetauftritt mehr, der einige lokale Meldungen bereitstellt. Hinter ihm steht eine kontinuierlich wachsende Nachrichteninfrastruktur, die rund um die Uhr erreichbar sein soll.

Damit wachsen allerdings nicht nur Reichweite und publizistische Möglichkeiten. Auch die Anforderungen an Verfügbarkeit, Skalierbarkeit und Sicherheit steigen.

Ein erfolgreicher digitaler Publisher muss deshalb heute Kompetenzen beherrschen, die mit dem klassischen Bild einer Redaktion zunächst wenig zu tun haben: Lastverteilung, Redundanzen, Angriffserkennung, Backups und die Zusammenarbeit mit spezialisierten technischen Partnern werden indirekt zu Voraussetzungen journalistischer Arbeit.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht


Dabei wäre es ein Fehler, einen erfolgreich abgewehrten Angriff als Beweis für vollständige Sicherheit zu interpretieren.

Cybersecurity funktioniert nicht nach diesem Prinzip.

Angriffsmethoden verändern sich, Botnetze wachsen und technische Schwachstellen entstehen neu. Aktuelle europäische Daten deuten sogar darauf hin, dass DDoS-Angriffe trotz teilweise sinkender Fallzahlen erheblich intensiver werden können. Für das erste Halbjahr 2026 wurden Spitzen von 2,3 Terabit pro Sekunde gemeldet; zugleich waren mehr als die Hälfte der untersuchten Opfer innerhalb von 30 Tagen erneut betroffen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Kann ein Verlag garantieren, niemals angegriffen zu werden?

Das kann niemand.

Entscheidend ist vielmehr, ob ein Unternehmen vorbereitet ist, einen Angriff frühzeitig erkennt, technische Partner unmittelbar reagieren können und der redaktionelle Betrieb möglichst schnell wiederhergestellt werden kann.

Das BSI empfiehlt Organisationen entsprechend, sich sowohl präventiv als auch für einen akuten Vorfall vorzubereiten und verweist bei DDoS-Angriffen ausdrücklich auf die Möglichkeit, qualifizierte Mitigations-Dienstleister einzubinden.

Journalistische Unabhängigkeit braucht technische Unabhängigkeit


Damit bekommt ein vermeintlich trockenes IT-Thema am Ende eine überraschend journalistische Dimension.

Medienhäuser diskutieren seit Jahren darüber, wie unabhängig Journalismus von politischen und wirtschaftlichen Einflüssen sein muss. Im digitalen Zeitalter kommt eine weitere Voraussetzung hinzu: Ein Medium muss technisch überhaupt in der Lage sein, seine Öffentlichkeit zu erreichen.

Die beste Recherche ist wirkungslos, wenn sie nicht veröffentlicht werden kann. Die schnellste Redaktion verliert ihren Vorsprung, wenn ihre Plattform nicht erreichbar ist. Und eine große digitale Reichweite wird wertlos, sobald die technische Verbindung zwischen Medium und Leser unterbrochen wird.

Vielleicht müssen Verlage ihre technische Infrastruktur deshalb anders betrachten als bisher. Nicht als notwendige IT im Hintergrund und auch nicht lediglich als Kostenstelle.

Sondern als Bestandteil des journalistischen Produkts.

Denn die wichtigste Druckmaschine eines digitalen Medienhauses steht heute nicht mehr in einer Halle.

Sie steht im Rechenzentrum.


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