Popcorn & Rollenwechsel

Die besten Film-Kritiker

von   |  4 Kommentare

Nein, hier werden nicht die besten Kritiker gewürdigt, die Filme besprechen. Sondern die besten Kritiker, die je aus Filmen hervorgebracht wurden. Wobei unser Kolumnist "die Besten" sehr freimütig definiert …

Escortservicekritiker The Erotic Connoisseur (Glenn Kenny) in «Girlfriend Experience - Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls»
Ein ekelerregender Schmarotzer höchster Güte: Er ist nur für den Ruhm und die Gratis... äh …bespaßung in diesem Metier. Das ist im Erotikgewerbe natürlich besonders schmierig, doch solche Leute gibt es in jedem Kritikerfach: Die, die es nur machen, weil sie Rezensionsexemplare / Umsonsturlaub / Gratisessen bekommen und hoffen, durch das schmarotzen berühmt zu werden. Seltsamerweise nutzen trotzdem einige von ihnen Pseudonyme. Paradox.

Theaterkritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan) in «Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)»
Eine ungepflegte, unbeherrschte Frau voller Vorurteile, die Stein und Bein schwört, die Karriere eines aus dem Unterhaltungskinos stammenden Schauspielers und Regisseurs zu zerstören. Sie lässt sich von Dingen, die nichts mit dem zu besprechenden Stück zu tun haben, lenken und düst am Ende eines Stücks davon, um zeitnah ihre Kritik zu veröffentlichen – sie hat keinen Sinn für die Besonderheit des Theatererlebnisses. Aber: Selbst sie lässt sich in ihren Vorurteilen belehren – wenngleich durch die denkbar klischeehafteste Weise, die man sich vorstellen kann. Eine arrogante, prätentiöse Natter, die sich erschreckend leicht an der Nase herumführen lässt und die eloquent an der Oberfläche kratzt, statt besonnen einen realen Sinn für tiefgreifende Kritik zu verwirklichen. Ein atmender, lebender (doch unbeseelter) Kropf am Kritikerkollegium – und in ihrer Charakterzeichnung gar nicht mal so unwahr, denn jeder aus der Branche kennt mindestens eine solche Person.

Faustregel: Wer sich durch diese Figur in «Birdman» auf den Schlips getreten fühlt oder alternativ versucht ist, zu schwören, dass Kritikerinnen und Kritiker ja gar nicht so sind, ist möglicherweise einer der Gründe, weswegen es diese Gestalt in Iñárritus Showbizsatiredrama geschafft hat …

Musikkritiker Cornelius (Jarl Kulle) in «Ach, diese Frauen»
Ein arroganter, großtuerischer Musikkritiker, der eine Biografie über einen berühmten Cellisten schreiben soll und sich daher in dessen Villa einquartiert. Der angesehene Künstler treibt sich aber sonstwo herum, was Cornelius zur Weißglut treibt. Wobei es ja nicht viel braucht, um Cornelius zu erzürnen – er hält sich nämlich für einen verkannten Komponisten, dessen Talent weit über dem schwebt, was die Leute zu bieten haben, die er in seinen Artikeln und Büchern behandelt. Als Cornelius der Geduldsfaden reißt, erpresst er den dauerabwesenden Cellisten, sein (mutmaßlich) wegweisendes Musikstück zu spielen. Übertrieben-spritzig-bissige Karikatur realer "Eigentlich sollte ich Filme machen / Bücher schreiben / Musikstar sein / als Sternekoch umjubelt werden"-Typen unter Kritikern.

Theaterkritiker Addison DeWitt (George Sanders) in «Alles über Eva»
Keineswegs eine der schmeichelhafteren Kritikergestalten in der Geschichte des Kinos, aber eine der komplexesten: Addison DeWitt ist ein scharfzüngiger, humorvoller Kritiker, der ebenso schelmisch wie schmierig ist. Er hat den Willen und das Ansehen, um übersehene Talente zu fördern, doch er ist sich dessen viel zu sehr bewusst und baut sich daher zu einem manipulativen, fiesen Egomanen auf, der genauso sehr nach dem Gegenteil strebt – der Zerstörung "unverdienter" Karrieren. Und dabei misst er mit sehr selbstsüchtigen Maßstäben. Aber er hat auch Momente der kritischen Selbstreflexion …

Filmkritiker Allan Felix (Woody Allen) in «Mach's noch einmal, Sam»
Eine neurotische, belesene Persönlichkeit, die jedoch im zwischenmenschlichen Umgang ungeschickt ist. Dieser Klassiker verehrende Filmkritiker ist frisch geschieden ("Bitte nimm's nicht persönlich", sagte seine Frau, als sie die Scheidung verlangt hat, "Ich nehm's nicht persönlich, aber ich nehme mir das Leben, wenn's dir recht ist", erwiderte er …) und händeringend auf der Suche nach einer Trostbeziehung. Dabei nimmt er seine Lektionen in Sachen Frauenumgarnen aus seinen Lieblingsfilmen. Wenn er Frauen vorgestellt wird, bittet er seine Freunde, seinen Beruf aufwärtszulügen. Er sei nämlich Schriftsteller. Das stimmt zwar nicht so wirklich, aber er hat das Alkoholproblem eines waschechten Autoren ("Ich bin bald bei zwei Litern am Tag", sagt er über Bourbon). Fazit: Eine sehr lebensnahe Darstellung der Kritiker Marke "seit Jahrzehnten im Print-Feuilleton"!

(Ex-)Musikkritiker Georg (Josef Hader) in «Wilde Maus»
Georg ist 55 Jahre alt, arbeitet seit 25 Jahren als Musikkritiker und ist angesehen, schlagfertig, kenntnisreich in seinem Metier und selbstironisch. Doch er hat ein gehöriges Problem: Er stammt aus einer Zeit, als Journalisten (und ähnliches) noch vernünftig bezahlt wurden. Das fällt eines Tages auch seinem Vorgesetzten auf, die ihn deswegen vor die Tür setzt – mit Georgs Gehalt lassen sich halt auch drei junge Redakteure bezahlen. Wovon die überleben wollen, ist ein Rätsel. Ein sehr reales Rätsel, nebenbei gesagt. Ebenso sehr rätselt Georg (vorübergehend), was er mit sich anstellen soll. Einen anderen Job kann er nicht, und der Vorschlag, den er erhält, lautet: "Schreib doch ein Buch über Musik." Stattdessen wählt er den Rummel – und kleine Racheakte gegen seinen Ex-Chef.

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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
Nr27
30.01.2018 20:42 Uhr 1
Gute Zusammenstellung, aber ich fand auch noch den von Bob Balaban verkörperten Arschloch-Filmkritiker in M. Night Shyamalans "Das Mädchen aus dem Wasser" witzig. :)
Sid
30.01.2018 21:37 Uhr 2
Danke, danke. :)



Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde die Figur eher lahm. Anders als einige der von mir gelisteten Fieslingskritiker funktioniert er für mich nicht als Satire auf unliebsame Kollegiumsvertreter sondern ist einfach nur Shyamalans im Frust verfasstes Kritikerzerrbild, ohne größeres Fundament in der Realität. Aber es ist der schlechteste Shyamalan-Film für mich. :(
Nr27
31.01.2018 11:21 Uhr 3
Genau deshalb finde ich den Kritiker so amüsant (und natürlich, weil Balaban ihn gut spielt) - weil Shyamalan einfach mal volle Kanne draufhaut. :) Finde ich zur Abwechslung durchaus erfrischend, auch wenn's natürlich alles andere als subtil ist. Davon abgesehen mag ich "Das Mädchen aus dem Wasser" trotz seiner unbestreitbaren Schwächen ganz gern. Richtig mies wurde Shyamalan für mich erst mit "The Happening" ...
Sid
01.02.2018 00:41 Uhr 4
Klar, ich habe ja auch nichts dagegen, wenn in Filmen Kritiker negativ dargestellt wird - manche aus meiner Liste sind ja auch alles andere als schmeichelhaft. Aber ich halte es für fundierte Karikaturen. Shyamalan hat sich in "Das Mädchen aus dem Wasser" in meinen Augen irgendeine Hassfigur herbeifantasiert. :lol:

Und ich würde mir viel eher nochmal "The Happening" anschauen als nochmal "Das Mädchen aus dem Wasser". Aber das tut ja nun auch nicht wirklich was zur Sache. :)

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