Die Kino-Kritiker

Hervorragendes Historienkino: «Die dunkelste Stunde»

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Der Big-Budget-Misserfolg «Pan» war kein Ausrutscher, sondern eine Zwischenstation: Regisseur Joe Wright fand durch den Fantasyfilm Zugang zu Winston Churchill – und konnte daher ein unterhaltsames, bewegendes, anspornendes Historiendrama über ihn erschaffen.

Filmfacts: «Die dunkelste Stunde»

  • Regie: Joe Wright
  • Produktion: Tim Bevan, Lisa Bruce, Eric Fellner, Anthony McCarten, Douglas Urbanski
  • Drehbuch: Anthony McCarten
  • Darsteller: Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, Lily James, Stephen Dillane, Ronald Pickup, Ben Mendelsohn
  • Musik: Dario Marianelli
  • Kamera: Bruno Delbonnel
  • Schnitt: Valerio Bonelli
  • Laufzeit: 125 Minuten
  • FSK: ab 6 Jahren
Als der Regisseur hinter den renommierten Filmen «Stolz und Vorurteil», «Abbitte», «Wer ist Hanna?» und «Anna Karenina» genoss Joe Wright große Anerkennung. Entsprechend neugierig verfolgten nicht wenige Filmliebhabende Wrights nächsten Karriereschritt nach der überaus kunstvollen Tolstoi-Adaption mit Keira Knightley in der Hauptrolle: Der Brite öffnete sich der Welt kostspieliger Fantasyware und lieferte den Möchtegern-Blockbuster und Franchise-Auftaktfilm «Pan» ab. Doch der farbenfrohe, einen Nirvana-Songs singenden Hugh Jackman aufweisende Peter-Pan-Film fiel bei der Kritik durch und bekam die eiskalte Schulter des zahlenden Publikums zu spüren.

In einem Interview mit dem Filmportal 'The Playlist' erläuterte der von klassischer Malerei inspirierte Regisseur, dass dieser Misserfolg ihn mitnahm. Es war keine bloße Enttäuschung, weil ein ambitioniertes Projekt scheiterte. Wright war erschüttert. Er fürchtete, dass der «Pan»-Flop seine Karriere beendet haben könnte. Schlimmer noch. Er fürchtete, dass «Pan» ihn als Künstler nachhaltig verdorben haben könnte: "Ich wusste nicht, ob ich überhaupt jemals wieder Filme machen möchte."

Was dies mit dem « Winston-Churchill-Drama zu tun hat? Nun: «Die dunkelste Stunde» ist nicht einfach der erste Kinofilm nach «Pan» in Wrights Vita. Die beiden Projekte sind untrennbar miteinander verbunden, da es stark bezweifelt werden darf, ob Wright «Die dunkelste Stunde» ohne den «Pan»-Misserfolg überhaupt gedreht hätte: Als Wright das von Anthony McCarten verfasste Drehbuch vorgelegt bekam, traf es einen persönlichen, offen liegenden Nerv bei ihm.

"Was mich an dem Drehbuch ansprach, ist dass es von Selbstzweifel handelt. Und davon, geschunden zu werden und neuen Mut zu sammeln", so Wright gegenüber 'The Playlist'. "Ich konnte mich damit identifizieren. […] Außerdem brachte mich das Drehbuch zum Lachen, was mich sehr überrascht hat. Ich habe geweint. Es ist auf seine eigene Art und Weise heldenhaft. Wie findest du Mut, wenn alles gegen dich spricht?"

Selbstredend ist sich Wright bewusst, dass er, ein preisgekrönter Regisseur, der sich von einem mehrere Dutzend Millionen Dollar schweren, Naserümpfen verursachenden Rückschlag zu erholen hat, sich in einer ganz anderen Situation befand als Churchill. «Die dunkelste Stunde» setzt im Mai 1940 an, als der Kampf Frankreichs und Großbritanniens gegen das Nazireich ergebnislos aussah und der amtierende britische Premierminister Neville Chamberlain als zu schwach angesehen wurde, um seine Nation durch diese Krisenzeit zu manövrieren. Chamberlain musste gehen, beide Parteien waren unfähig, ihren jeweiligen Favoriten durchzudrücken.

Churchill wurde als Notnagel gewählt, seine Ernennung zum Premierminister war ein ungeliebter Kompromiss. Und während Churchill mit dem Druck der eigenen Partei und der Antipathie der Opposition zu leben hatte, sah er sich in der Pflicht, eine noch viel größere, bedeutendere Hürde zu nehmen: Für ihn gab es nichts wichtigeres, als die freie Welt zum Durchhalten und Widerstandleisten anzustreben, den Kampf gegen das tyrannische Nazireich aufrecht zu erhalten. Ganz egal, wie sehr manche Stimmen im eigenen Land glaubten, dass die Briten nichts zu befürchten hätten, sollten sie Hitler nicht weiter bekämpfen, sondern auf sein diplomatisches Wohlwollen vertrauen.

Wright nimmt McCartens Skript nicht, um eine selbstreflexive Geschichte über die Wehwehchen eines Künstlers daraus zu formen, die sich im Gewand eines politischen Geschichtsdramas kleidet. «Die dunkelste Stunde» ist primär das, was Wright darin gesehen hat: Eine anspornende Verarbeitung eines wahren Wendepunkts in der Weltgeschichte, ein faszinierter, nicht mit Komik sparender Ausschnitt aus Churchills Leben. «Die dunkelste Stunde» ist für weitestgehend in Luftschutzbunkern, verrauchten und unaufgeräumten Wohnräumen sowie im minimalistisch ausgeleuchteten Parlament stattfindendes Historienkino erstaunlich humorvoll: McCarten und Wright lassen den eloquenten, nuschelnden, aufbrausenden Churchill beneidenswert pointiert-schlagfertig auftreten, gleichwohl ist «Die dunkelste Stunde» kein in Ehrfurcht vor seiner Hauptfigur erstarrendes Biopic. Die 30-Millionen-Dollar-Produktion skizziert Churchill als schrullig, unsortiert und oftmals unbequem – wenngleich seine neckend-selbstverständliche Beziehung zur von Kristin Scott Thomas gespielten Gattin charmant ist.

Und dennoch: So sehr Churchill im Fokus steht, beeindruckend verkörpert von einem groß aufspielenden und dennoch ebenso sehr die nuancierten Zwischentöne beherrschendem, magnetischem Gary Oldman … So sehr «Die dunkelste Stunde» ein engagiertes Drama über die Notwendigkeit ist, sich Tyrannen zu widersetzen und an das Allgemeinwohl (hier: das Wohl Kontinentaleuropa) zu denken, statt an das eigene Wohl (hier: Großbritannien und die eigene Politkarriere) … So sehr Wright und McCarten einen Geschichtsfilm über die Politik des Zweiten Weltkrieges und innenpolitisches Taktieren erschaffen haben … «Die dunkelste Stunde» wohnt gerade durch Wrights engagierte, von Verständnis für die ganz private, persönliche Ebene der Filmhandlung geprägte Inszenierung eine magnetische Wirkung inne, die nur wenige vergleichbare Filmstoffe haben.

Trotz einer Laufzeit von 125 Minuten vergeht «Die dunkelste Stunde» wie im Flug, so behände schreitet Wright durch das sich vor eintöniger, doch detailreich geratener Kulisse abspielende Geschehen. Belebt durch eine kraftvoll-dramatische, dezent hymnenhaft verfasste Filmmusik des Komponisten Dario Marianelli und eine wandlungsreiche Kameraarbeit wird aus einer "obligatorischen Kino-Geschichtsdoppelstunde" eine Passionsarbeit über die Macht des Wortes, der die persönliche Handschrift des Regisseurs unentwegt anzumerken ist, ohne dass sie sich je in den Vordergrund drängt.

Wright, Kameramann Bruno Delbonnel und Cutter Valerio Bonelli fangen in kunstvoll verarbeiteten, trotzdem nie das Handwerk über den ehrfürchtig verfolgten Inhalt stellenden Sequenzen, prägnant ein, welch unmenschlich schwere Entscheidungen Politiker wie Churchill im Kampf gegen Hitler fällen mussten. Oder wie beengend ein diplomatisches Telefonat sein kann. Und wie aufreibend das Halten einer Live-Radioansprache ist. Fließende Szenen- und Bildübergänge, ein sich Churchills Befindung anpassender Bildausschnitt und ein perfektes Schlussbild machen dieses Material sehr unterhaltsam. Und sie lassen so auch genügsam über eine sehr breit getretene Sequenz über das bemüht-situationskomischen Menscheln Churchills im dritten Akt hinwegsehen.

Fazit: Applaus! Und das bitte nicht nur für einen famosen Gary Oldman in der Hauptrolle! Mit spürbarer Begeisterung und einem Gefühl dafür, wie man ein historisches Kapitel des Verhandelns und Redenschreibens zu einer unterhaltsamen Geschichte voller Identifikationsanknüpfungspunkte formt, macht Joe Wright das Churchill-Drama «Die dunkelste Stunde» zu ganz großem, mitreißendem Historienkino.

«Die dunkelste Stunde» ist ab dem 18. Januar 2018 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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