Sonntagsfragen

Dane DeHaan: 'Die Drehtage in den USA sind viel länger und härter'

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«A Cure for Wellness»-Hauptdarsteller Dane DeHaan spricht mit Quotenmeter.de über den deutschen Arbeitsethos, den Reiz komplizierter Rollen und seine eigene Arbeitshaltung.

Zur Person: Dane DeHaan

  • 1986 in Allentown, Pennsylvania geboren
  • Seine erste größere Rolle hatte er in der TV-Serie «In Treatment – Der Therapeut»
  • Seinen Durchbruch hatte DeHaan mit dem von der Kritik gefeierten Found-Footage-Film «Chronicle – Wozu bist du fähig?»
  • DeHaan ist mit seinem «Chronicle»-Co-Star Anna Wood verheiratet
  • Er spielte in seinem bislang einzigen klassischen Blockbuster «The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro» den schurkischen Harry Osborn
  • Drehte unter anderem schon mit Steven Spielberg, Derek Cianfrance und Luc Besson
Ihre Rolle ist im Film stellenweise sehr schwer zu fassen, ich hätte Probleme, Lockhart in nur einem Wort zu beschreiben. Wie ist es Ihnen ergangen, wann kam für Sie der Moment, an dem Sie gesagt haben: "Ja, jetzt weiß ich, wie die Figur tickt!"
Es war ein ständiger Findungsprozess. Lockhart ist eine komplizierte Person, jeden Tag war er für mich ein wenig anders als am Tag zuvor. Und er ist in fast jeder Szene des Films zu sehen, also hat sich die Entwicklung der Figur für mich über einen längeren Zeitraum abgespielt als bei den meisten anderen meiner Rollen. Beim Dreh hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl: „So, nun habe ich die Figur völlig durchschaut.“ Aber sowas gefällt mir. Denn ich habe die Befürchtung, dass ich es mir ansonsten einfach machen und mich in meiner Darstellung zu sehr festlegen würde. Ich versuche immer, eine möglichste facettenreiche, dennoch stimmige Performance zu geben, und da kam es mir sehr zugute, dass diese Figur so schwer festzunageln ist.

Gore Verbinski nennt Thomas Manns «Der Zauberberg» als eine der Inspirationen für «A Cure for Wellness». Hat er Ihnen den Roman zur Vorbereitung als Hausaufgabe gegeben?
Nein, ich habe ihn nicht gelesen. Ich höre auch erst jetzt, seit wir auf Pressetour sind, immer wieder von ihm. Ich muss gestehen, dass ich gar nichts über den Roman weiß, aber wenn Gore sagt, dass er als Inspirationsquelle gedient hat … Vielleicht sollte ich das Buch jetzt endlich mal lesen! (lacht)

Wenn ich mir die Filme aussuche, die ich mache, ist es mir generell sehr wichtig, dass ich mit ihrer Botschaft übereinkomme. Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen: Ich finde, dass man darüber nachdenken sollte, was ein Film aussagt, wenn man in ihm mitspielt und anschließend über ihn sprechen wird.
Dane DeHaan
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Skript erhalten haben? Reizte Sie die Kapitalismuskritik, die in ihm brodelt?
Ja. Ich habe der Analogie zugestimmt, die der Film entwirft. Wenn ich mir die Filme aussuche, die ich mache, ist es mir generell sehr wichtig, dass ich mit ihrer Botschaft übereinkomme. Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen: Ich finde, dass man darüber nachdenken sollte, was ein Film aussagt, wenn man in ihm mitspielt und anschließend über ihn sprechen wird. Und «A Cure for Wellness» hat mich dahingehend gepackt. Ich denke ebenfalls, dass eine Krankheit in uns allen steckt …

Konnten Sie das Ausgebranntsein, das «A Cure for Wellness» unserer Leistungsgesellschaft attestiert, nachfühlen?
Ja, definitiv. Ich gehe zwar sicher, dass ich zwischen Projekten immer etwas Zeit finde, um ein gesundes, normales Leben zu leben, statt ständig nur zu arbeiten. Dennoch habe auch ich schon den Bogen überspannt. So wie wohl jeder von uns. Ich denke daher, dass dieser Film bei vielen einen Nerv treffen wird.

Lockhart muss in «A Cure for Wellness» allerhand über sich ergehen lassen – und Gore Verbinski ist ja nicht nur für seinen selbstverständlichen Umgang mit Digitaleffekten bekannt, sondern auch dafür, selbst knifflige Szenen real umzusetzen. Wie sah diese Balance bei «A Cure for Wellness» aus, wie viel mussten Sie am Set durchstehen, wie viel wurde am Computer getrickst?
Wir haben uns bemüht, so viel wie möglich auch wirklich zu machen. Wir haben natürlich nie Sicherheitsfragen außer Acht gelassen, dennoch ist es mir wichtig, dass meinem Schauspiel viel Wahrheit innewohnt. Also lag ich wirklich tagelang in diesem Wassertank, der ja bereits im Trailer zu sehen ist, und ich habe auch die Autounfall-Innenaufnahmen selber gedreht. Dazu wurde ein Auto quasi auf einer Rotisserie aufgebaut. Die Szene war übrigens die einzige, bei der ich tatsächlich körperlich in Mitleidenschaft gezogen wurde: Bei einem Take habe ich mir den Arm ausgekugelt – ich habe ihn mir aber auch sofort wieder eingerenkt.

Ich liebe es, wenn mich die Regie führt, ich genieße den Prozess der Zusammenarbeit mit meinen Regisseuren. [...] Was mich an der Gelegenheit begeistert hat, mit Gore zu drehen, war gerade der Umstand, dass er eine sehr klar definierte, künstlerische Vision hat und zudem ein überaus visueller Regisseur ist, der sehr cineastisch denkt.
Dane DeHaan
Sie arbeiten häufig mit Regisseuren zusammen, die eine starke künstlerische Handschrift haben. Ist dies gelegentlich hinderlich in der Ausübung Ihrer Schauspielkunst, weil die dominante Vision seitens der Regie Ihre eigene Kreativität hemmt?
Nein, das würde ich nicht sagen. Ich liebe es, wenn mich die Regie führt, ich genieße den Prozess der Zusammenarbeit mit meinen Regisseuren. Ich entwickle dabei trotzdem immer eine eigene Meinung, insbesondere über die Persönlichkeit meiner Figuren. Was mich an der Gelegenheit begeistert hat, mit Gore zu drehen, war gerade der Umstand, dass er eine sehr klar definierte, künstlerische Vision hat und zudem ein überaus visueller Regisseur ist, der sehr cineastisch denkt. Er hatte dennoch jederzeit ein offenes Ohr dafür, wie ich meine Figur verstehe und welche Gedanken ich zu mich betreffenden Szenen habe. Aber das wirklich Aufregende war es, seine Vision zum Leben zu erwecken, und bei jemandem wie Gore, der genau weiß, worauf er abzielt, ist es ein Leichtes, auf seine Vorstellung zu vertrauen.

Haben Sie Gore Verbinski somit nun auf Ihrer Wunschliste der Regisseure, mit denen Sie drehen möchten, abgehakt?
Keineswegs. Ich würde sehr gerne nochmal mit Gore zusammenarbeiten! Wir haben auch bereits darüber gesprochen. Was ich an diesem Film so cool finde, ist, dass er so andersartig ist und dennoch ein großes Studio eingewilligt hat, ihn zu machen. Ich hoffe, dass viele Leute dies ebenfalls an ihm wertzuschätzen wissen und ihn sich anschauen werden, so dass wir erneut etwas Originelles drehen können. Ich fände es klasse, wenn das zustande käme.

Mir kam zu Ohren, dass Sie nicht unbedingt der größte Fan des Horrorkinos und von Psychothrillern sind. War dieser Film daher eine größere Herausforderung als sonst, weil Sie auf ein kleineres Repertoire an Referenzen respektive Vorbildern zurückgreifen konnten?
Da muss man unterscheiden. Ich habe ein großes Faible für das Horrorkino und die Psychothriller der 70er-Jahre, und als ich mich mit Gore getroffen habe, um über diesen Film zu sprechen, hat er genau diese Ära des Schauerkinos angeschnitten. Er meinte, dass er einen Film in dieser Tradition drehen möchte, und das hat mich sehr gereizt. Hinzu kam, dass ich das Skript für sehr originell und ungewöhnlich halte … Ich bin wahrlich niemand, der darauf wartet, in einem Horrorfilm mitspielen zu können, jedoch hatte ich das Gefühl, dass dieser etwas Besonderes wird. Das Genre ist mir egal, so lange ich denke, dass der Film gut und meine Rolle eine spannende Herausforderung wird.

Die Drehtage in den USA sind viel länger und härter. In Europa sind sich die Leute dessen bewusst, dass sie für ihr eigenes Wohl Sorge tragen sollten, und dass dies keinesfalls bedeutet, dass man deswegen seine Arbeit vernachlässigt. [...] In Deutschland ist der Arbeitsethos echt gut und französische Arbeitszeiten sind ein regelrechter Traum!
Dane DeHaan
Der überwältigende Großteil der «A Cure for Wellness»-Crew war deutsch, von wenigen Szenen, die in der Schweiz entstanden abgesehen, wurde der Film auch komplett in Deutschland gedreht. Welchen Unterschied haben Sie im Vergleich zur Zusammenarbeit mit US-Crews ausgemacht?
Ich habe jetzt seit rund drei Jahren nicht mehr in den USA gedreht, sämtliche meiner jüngeren Filmprojekte entstanden außerhalb der Vereinigten Staaten. Und ich muss sagen: Die Drehtage in den USA sind viel länger und härter. In Europa sind sich die Leute dessen bewusst, dass sie für ihr eigenes Wohl Sorge tragen sollten, und dass dies keinesfalls bedeutet, dass man deswegen seine Arbeit vernachlässigt. Es gibt in Europa viel weniger Menschen vom Schlage eines Lockhart als in den USA. In Deutschland ist der Arbeitsethos echt gut und französische Arbeitszeiten sind ein regelrechter Traum! (lacht) Das gefällt mir so sehr an der europäischen Filmbranche: Die Leute stellen sicher, dass man neben der Arbeit ein eigenes Leben hat, sich ausruhen und um seine Familie kümmern kann – und dennoch gelingt es ihnen, ein qualitativ hochwertiges Produkt zu erzeugen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
«A Cure for Wellness» ist ab dem 23. Februar 2017 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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