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'Eine Hauptfigur braucht einen Makel'

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Anlässlich des Kinostarts von «Findet Dorie» hat sich Quotenmeter.de mit den Synchronsprechern Anke Engelke, Christian Tramitz und Franziska van Almsick sowie mit Regisseur Andrew Stanton unterhalten.

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Anke Engelke: „Für mich ist und bleibt das Synchronsprechen die härteste Aufgabe im Schauspiel“


Für mich kam nie in Frage, dass ich ablehne. Dafür habe ich die Figur zu gerne. Ich bin zudem einfach treu und dankbar: Ich habe so viele Komplimente für «Findet Nemo» bekommen, obwohl ich für die Story und die Machart nix kann, dass ich gerne zugesagt habe ohne das Geringste über den zweiten Teil zu wissen.
Anke Engelke
Wann und wie haben Sie davon erfahren, dass Sie nochmal Dorie sprechen werden?
Klingt jetzt vielleicht nach subversiver Geheimaktion, aber ich habe interessiert Ellen DeGeneres‘ Talkshow verfolgt, in der sie Pixar auf sehr charmante, aber direkte Weise mitgeteilt hat, dass sie es schon komisch findet, wie viele ihrer Filme weitererzählt werden – aber ausgerechnet «Findet Nemo» nicht. Als wir vor drei Jahren für die 3D-Fassung von «Findet Nemo» auf Tour waren, haben Christian Tramitz und ich dann endlich aus Andeutungen lesen können, dass wir in näherer Zukunft nochmal gebraucht werden …

Stand ab diese Moment für Sie fest, dass Sie definitiv zurückkehren werden, oder hätten Sie sich die Option vorbehalten, abzulehnen – etwa wenn Ihnen der Filminhalt nicht zusagt?
Nö, für mich kam nie in Frage, dass ich ablehne. Dafür habe ich die Figur zu gerne. Ich bin zudem einfach treu und dankbar: Ich habe so viele Komplimente für «Findet Nemo» bekommen, obwohl ich für die Story und die Machart nix kann, dass ich gerne zugesagt habe ohne das Geringste über den zweiten Teil zu wissen. Natürlich gibt es Fortsetzungen, die einfach Schrott sind, da sind wir uns alle einig. Aber ich konnte den Machern ja vertrauen.

Wie haben Sie darauf reagiert, als Ihnen klar wurde, dass Dorie von der Neben- zur Hauptfigur befördert wird?
Auch wenn das ein Animationswesen ist: Ich habe mich für Dorie gefreut, ich hatte sie als Figur einfach sehr liebgewonnen. Aber ich war auch eingeschüchtert: Mehr Zeit auf der Leinwand bedeutet mehr Text. Das bedeutet mehr Tage im Synchronstudio. Das bedeutet einen höheren Druck, mehr Stress. Für mich ist und bleibt das Synchronsprechen die härteste Aufgabe im Schauspiel. Die große Herausforderung daran liegt im Technischen. Du musst drei Dinge kombinieren: Dass wir uns die kurzen Satzfetzen merken müssen, das ist nicht anstrengend. Textlernen können wir. Dann kommt hinzu, dass man beim Sprechen ganz genau auf die Lippen seiner Figur schaut, damit man synchron ist. Und es geht nicht nur darum, dass der Mund auf ist oder zu, dazwischen liegen ja Welten, sondern auch, ob der Mund breit oder schmal ist. Das hinzukriegen … ist okay. Dann kommt aber noch das Schauspiel hinzu, die Emotionen müssen rübergebracht werden. Dieses Kombispiel ist in meinen Augen die Königsdisziplin der Schauspielerei.

Vertrauen spielt bei der Synchronisation eine Riesenrolle. Ich finde das schon recht anstrengend, die drei Aufgaben gleichzeitig zu meistern, da hilft es enorm, den Synchronbuchautoren und der Regie vertrauen zu können.
Anke Engelke
Der Film handelt auch vom Thema Vertrauen. Wie sehr hat auch Synchronarbeit mit Vertrauen zu tun?
Vertrauen spielt bei der Synchronisation eine Riesenrolle. Ich finde das schon recht anstrengend, die drei Aufgaben gleichzeitig zu meistern, da hilft es enorm, den Synchronbuchautoren und der Regie vertrauen zu können: Dann werden nämlich nicht nur Pointen aus dem Englischen in ebenso lustiges Deutsch übertragen; handlungsrelevante Texte, Idiome und der tiefergehende Sinn funktionieren dann in unserer Sprache genauso gut wie im Original. Dieses Vertrauen zu haben, fällt mir aber leicht. Meiner Erfahrung nach holt gerade Disney dafür nur die Besten aus dem Schrank.
Auch wichtig: Die Technik! Früher stand man im Studio vor einem massiven Baum von einem Pult, mittlerweile gibt es Pulte, die nur aus einem dünnen Holzrahmen und wenigen Metallschnüren bestehen, auf die wir nur ein einzelnes, vielleicht mal zwei Blätter legen dürfen. Denn die Disney-Leute in den USA, wo alles nochmal kontrolliert wird, sind überaus streng, was den Ton angeht. Es sind schon Szenen wieder zurückgegangen, mit der Anmerkung: „Da habt ihr doch ein normales Holzpult benutzt, der Hall stimmt nicht!“

Man begibt sich im Grunde komplett in die Hände der Regie – in diesem Fall der wundervollen Katrin Fröhlich. Es gibt eine sehr traurige Szene im Film, und damit ich wirklich traurig klinge, hat sie zu mir gesagt: „Du, ich zeig dir nun die komplette Szene am Stück, und mache anschließend sofort das Mikro auf. Ich warne dich dann vor, ab wann ich aufnehme …“ Wir müssen uns darauf einlassen, dass sie als Regisseurin weiß, wie sich das anfühlt, was ich spreche. Wenn ich, während ich spreche, auch noch darüber nachdenke, wie ich das Gefühl herstellen kann, dann klingt es gekünstelt.

Christian Tramitz: „Bei «Findet Nemo» habe ich aus Versehen so stark gegen das Mikro gehauen, dass es kaputt ging“


Ich durfte den Film vorab schon sehen – noch größtenteils in Storyboardform, und ich habe nach drei Minuten schon das erste Mal geheult.
Christian Tramitz
War es schwer, nach 13 Jahren Abstand zum ersten Teil wieder in die Rolle des Marlin zu schlüpfen?
Nein, das ging ganz schnell. Ich durfte den Film vorab schon sehen – noch größtenteils in Storyboardform, und ich habe nach drei Minuten schon das erste Mal geheult. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen, dass ich schnell wieder in diese Welt abtauchen konnte.

Sind Sie ein sehr körperlicher Synchronsprecher?
Ja. Ich zapple herum und haue öfter mal gegen diese sauteuren Mikrofone. Da fährt man immer zusammen, wenn dich der ultraböse Blick des Tonmeisters trifft. Aber das kommt halt vor. Wenn Marlin panisch vor etwas wegschwimmt oder sich durch Algen quetscht, dann muss ich das mitmachen – und ich gehe dabei auch voll mit. Bei «Findet Nemo» gab es damals eine Szene, da habe ich aus Versehen so stark gegen das Mikro gehauen, dass es kaputt ging. Da musste ich dann für die Reparatur aufkommen. (lacht) Junge, sind die Dinger teuer! So hat sich mir wenigstens die Marke dieser Mikrofone eingebrannt – die werde ich nie mehr vergessen!

Was erwartet uns mit «Bullyparade – Der Film»?
Ich glaube, der Film hat für uns ein bisschen was von Vergangenheitsbewältigung. Es war wirklich nicht ganz leicht, den über die Bühne zu bringen. Wenn man sich nach so langer Zeit wieder zusammensetzt, zumindest beruflich, privat haben wir uns immer wieder gesehen … Dann folgt auf die Aussage: „So, wir machen’s nochmal“ die Frage: „Was machen wir eigentlich? Wie haben wir das eigentlich gemacht?“ Wir haben zunächst überlegt, ob wir «Schuh des Manitu 2» machen sollten, oder «(T)Raumschiff Surprise – Periode 2». Oder ob wir nun doch Lissi als Realfilm machen, einer Idee, der wir abgeschworen hatten, weil sie immer an Bullys Kostüm scheiterte (lacht) … Letztlich, so viel darf ich schon sagen, haben wir praktisch mehrere kleine Filme gedreht. Und ich bin echt froh, dass wir das gemacht haben. Der Dreh war teilweise sehr rührend und hat sehr viel Spaß gemacht.

Franziska van Almsick: „Würde der Film in einem Zoologischen Garten spielen, hätte ich vielleicht abgelehnt“


Hätte ich einen lustigen Vogel sprechen sollen, wäre das wohl nichts für mich. Da würden sich die Kinogänger nur wundern
Franziska van Almsick
In welchem Zusammenhang stehen Ihre Synchronarbeit in «Findet Dorie» und die Aktion „Deutschland schwimmt“?
„Deutschland schwimmt“ ist in Vorbereitung zu diesem Film entstanden, dass sie stattfinden wird, stand fest bevor ich das Synchronangebot erhalten habe. Das fügt sich ja auch wunderbar mit meinem Engagement bei „Für Kinder e.V“, wo ich seit vielen Jahren auf dieses Thema aufmerksam mache, weil schwimmen Leben retten kann. Und ich glaube, so kam man bei Disney Deutschland auf den Gedanken, dass man mir auch eine kleine Rolle in der deutschen Synchronfassung geben könnte.

Hätten Sie zugesagt, egal welche Rolle Ihnen angeboten worden wäre?
Mir war da der erkennbare Zusammenhang zwischen meiner Tätigkeit und der Rolle wichtig. Würde der Film nicht in einem marinebiologischen Institut spielen, sondern in einem Zoologischen Garten, hätte ich das Angebot vielleicht abgelehnt. Und als Stimme dieses Instituts hat meine Rolle ja etwas mit Wasser zu tun, so ist das, wie ich hoffe, für die Zuschauer nachvollziehbar und authentisch. Hätte ich einen lustigen Vogel sprechen sollen, wäre das wohl nichts für mich. Da würden sich die Kinogänger nur wundern: „Hä, was soll die denn da?“

«Findet Dorie» ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 2D und 3D.

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