Die Kino-Kritiker

«Collide»

von

Internationale Autoaction. Made in Germany. «Collide» ist rasant, hohl, spaßig.

Filmfacts «Collide»

  • Regie: Eran Creevy
  • Produktion: Joel Silver, Ben Pugh, Brian Kavanaugh-Jones, Rory Aitken, Daniel Hetzer
  • Drehbuch: F. Scott Frazier, Eran Creevy
  • Darsteller: Nicholas Hoult, Felicity Jones, Marwan Kenzari, Ben Kingsley, Anthony Hopkins
  • Musik: Ilan Eshkeri
  • Kamera: Ed Wild
  • Schnitt: Chris Gill
  • Laufzeit: 99 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
«Collide» eröffnet mit den Folgen eines gewaltigen Unfalls auf einer deutschen Autobahn, begleitet von einem in Pathos schwimmenden Erzählerkommentar. Protagonist Casey (Nicholas Hoult) erklärt in einem Autowrack, welch enormen Antrieb die Liebe einem verleihen kann. Daraufhin dreht Regisseur Erin Creevy die Zeit zurück, um am eigentlichen Startpunkt seiner Actionfilmstory neu anzusetzen. In diesen wenigen Augenblicken hat der vornehmlich für Musikvideos bekannte Regisseur bereits die Karten offen auf den Tisch gelegt. Er ist kein Stück weit an Ruhe, Feinheiten oder Untertreibungen interessiert. Er lässt seine komplett in Deutschland spielende, vornehmlich in Köln und Umgebung gedrehte, internationale Gemeinschaftsproduktion nahezu durchweg so flott wie möglich voran preschen.

Die von Creevy und F. Scott Frazier verfasste Handlung, die sich nach diesem Prolog entfaltet, ist so dünn und geradlinig, dass jeder beliebige «Fast & Furious»-Film daneben wie ein komplexes und verworrenes Gesellschaftsdrama wirkt. Der Autodieb Casey verließ die ihm heimischen USA, als ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde. In seiner Wahlheimat Köln übernimmt er kleine Ganovenaufgaben für den filmvernarrten, zugedröhnten türkischen Gangster Geran (Ben Kingsley). Zumindest, bis ihm die bildhübsche Barkeeperin Juliette (Felicity Jones) begegnet und er ihr verspricht, ein besserer Mensch zu werden. Das naive Liebesglück wird jedoch jäh gestört, als bei Juliette ein Nierenversagen festgestellt wird. Um an das unverzichtbare Kleingeld für die rettende OP zu gelangen, willigt Casey ein, für Geran einen letzten, riskanten Job zu übernehmen: Er soll Drogenbaron Hagen Kahl (Anthony Hopkins) berauben …

Das Pedal immer voll durchdrücken. Das ist in «Collide» die Antwort auf alles. Creevy zeichnet die Beziehung von Juliette und Casey nicht als kleine Turtelei, sondern direkt als große, jeglichen Atem stocken lassende Liebe, die Schicksale überwindet. Inhaltlich untermauert werden die ausschweifenden, inszenatorischen Gesten Creevys nicht – es ist nahezu unmöglich, ein Persönlichkeitsprofil von Juliette zu erstellen oder zu erklären, was die beiden Liebenden charakterlich aneinander finden. Was Creevy und Frazier auf Skriptseite an Substanz auslassen, wird doppelt und dreifach auf bild- und klangästhetischer Ebene wett gemacht. Das Kennenlernen Caseys und Juliettes verschmilzt mit Ausblicken auf ihre nachfolgende Beziehung, bis diese das Geschehen komplett übernehmen und Creevy somit einen Zeitsprung vollzogen hat. Untermalt von gleichermaßen kraftvoller wie schmachtender Popmusik und dargestellt durch Ed Wilds markante fotografische Impressionen wird einem die Funktion dieser Szenenfolge eingehämmert: Liebe ist intensiv. Liebe lässt das Zeitgefühl verschwinden. Wer frisch verliebt ist, der rast unbesorgt durchs Leben, denkt, alles sei möglich.

Es ist eine sehr stylische, die „Der Schein ist Sein!“-Stimmung dieses Actioners schürende Passage. Denn die Figuren in «Collide» handeln allesamt gemäß der Genredoktrin und manövrieren sich somit durchweg in „Ich regle das schon alleine!“-Risikosituationen, die nur durch lockere Sprüche, aberwitzige Tricks und vor allem jede Menge Action lösen lassen. Durch den Einstieg ist all dies aber auch überdeutlich in einem vergnügten, sich nie zu ernst nehmenden Filmuniversum verortet. Nein, «Collide» ist keineswegs eine Actionfarce. Und die Beziehung zwischen Casey und Juliette wird zwecks narrativer Effizienz mit Pathos aufgeladen. Doch niemals versucht sich «Collide» am figurenbasierten, redseligen Drama der in «Fast & Furious» dauerpräsenten „Alles für die Familie“-Manier. «Collide» fährt seine ganze Strecke in nur zwei Gängen: Strikte Action und das überdrehte, nicht aber parodistische Dazwischen.

Und wer handgemachte Autoaction sehen will, bekommt sie hier auch wiederholt um die Ohren gepfeffert: Von einer lachhaft-offensichtlichen, aus dem Computer stammenden LKW-Frontaufnahme abgesehen setzt «Collide» auf spektakuläre Autostunts. Nicht im Sinne „Welche aberwitzigen Dinge kann man mit Autos anstellen? Wollen wir ein paar aus einem Flugzeug schmeißen?“ Sondern im Sinne: „Wie haben die das nur gedreht?“ Immer und immer wieder krachen Autos in hohem Tempo ineinander, überschlagen sich, werden beschossen, düsen knapp aneinander vorbei und explodieren. Stuntgewitter pur, so, als hätte man es in den Actionstrecken dieses Films mit einer stunttechnisch einfallsreicheren, besonders kostspieligen «Alarm für Cobra 11»-Episode zu tun. Was gar kein so absurder Vergleich ist: Creevy bediente sich tatsächlich an der Stuntcrew des RTL-Dauerbrenners.

«Collide» als Gesamtwerk mit «Alarm für Cobra 11» gleichzusetzen, wäre indes ungerecht, geht Creevy doch viel verspielter mit der Alibistory um. Allein schon Ben Kingsley als inkohärent daherschwafelnder, sich selber überschätzender Verbrecherboss kitzelt mit seinen Abschweifungen wiederholt die Lachmuskeln, und auch Nicholas Hoults Kombination aus verwundertem Blick und todernster Miene wird pointiert eingesetzt. Anthony Hopkins dagegen hat sichtbare Spielfreude daran, das Abziehbild eines belesenen Oberschurken zu geben: Hagen Kahl lamentiert theatralisch vor sich hin und ist somit auch ohne Wortwitz eine amüsante Figur. Sinn ergibt sein Vorgehen nur gelegentlich, und manchmal wissen Creevy und Cutter Chris Gill wohl nicht, die Schere anzusetzen, bevor es zu viel des Überbetonten wird. Dafür sind die Actionszenen umso besser geschnitten: Rasant, aber nie so wild, dass die haptischen Stunts bis zur Unkenntlichkeit kleingehackt würden.

Die Strecken, die Casey und seine verbitterten Verfolger hier blitzschnell geografisch zurücklegen, sind zwar ebenso fraglich, wie der von glücklichen Zufällen lebende Plan des überschaubar skizzierten Helden. Und die Frage „Wie kann man das alles überleben?“ hat während «Collide»-Kinovorführungen besser Saalverbot. Aber Creevy packt seine hohle, vorwärtsgetriebene Action in ein so mitreißend-zügiges, tonal in sich schlüssiges, klanglich kraftvolles Paket, dass es wenigstens ehrlich und unverfälscht ist. Leider geil!

Fazit: Temporeich, humorvoll und dennoch geradlinig: Mit saustarken Stunts, energiereicher Musik und ansehnlicher Optik bietet «Collide» sehr vergnügliche, hohle Autoaction-Unterhaltung.

«Collide» ist ab dem 4. August 2016 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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