Hingeschaut

«Wer bietet mehr?»: Schaulaufen fürs Hauptprogramm?

von   |  1 Kommentar

Am Ostersonntag und -montag startete der NDR ein neues Auktionsformat mit Kai Pflaume, das auf Anhieb überzeugte - und damit auch höhere Ansprüche an seinen Sendeplatz anmeldet.

Experten-Quartett in «Wer bietet mehr?»

  • Marcel Struck (gelernter Stuckateur, schätzt vor allem industrielles Design)
  • Jenny Falckenberg-Blunck (Kunstagentin, betreut junge Nachwuchskünstler)
  • George Mullen (Kunstexperte, Auktionator und Galeriebesitzer)
  • Thomas Käfer (Geschäftsführer eines Münchener Leihhauses)
Der Norddeutsche Rundfunk kann zufrieden mit seinem Unterhaltungsangebot sein: Das mittlerweile erfolgreichste ARD-Vorabendquiz «Gefragt - Gejagt» hatte sich zunächst drei Staffeln lang hier beweisen müssen, bis man die Programmverantwortlichen von der Zugkraft dieses Konzepts überzeugt hatte. Das von Kai Pflaume moderierte «Kaum zu glauben» bejubelte zuletzt Rekord um Rekord und hat mittlerweile ebenfalls eine treue Anhängerschaft vorzuweisen, weitere kleinere Shows haben ebenfalls bereits auf sich aufmerksam gemacht und streben danach, es den Jägern um Alexander Bommes gleichzutun und ins Hauptprogramm befördert zu werden. In diese Liste darf man nach den am Ostersonntag und -montag ausgestrahlten ersten beiden Folgen auch «Wer bietet mehr?» einordnen, das gleich auf Anhieb sehr viel richtig macht - und zudem einen Markt bedient, der in diesen Tagen im Fernsehen angesagt ist.

Konkret wird der Zuschauer Zeuge einer Art Fernsehauktion, die man sich grob folgendermaßen vorstellen kann: Ein oder mehrere Kandidaten bieten vier Experten einen Gegenstand an, der zunächst einmal auf offener Bühne vorgestellt wird und unmittelbar beäugt und in den meisten Fällen auch angefasst werden darf. Nach dieser kurzen Vorstellungsrunde begeben sich die Experten in vier voneinander abgetrennte Räume, in die sich der Kandidat nacheinander begeben kann, um möglichst gute Angebote für sein Schmuckstück zu ergattern. Ist dem Anbieter die offerierte Geldsumme nicht hoch genug, hat er jederzeit die Möglichkeit, den Raum zu verlassen und zum nächsten potenziellen Käufer zu gehen - dann allerdings darf er nicht mehr auf vorherige Angebote rekurrieren. Die Experten erfahren untereinander nicht, ob der Kandidat zuvor schon bei ihren Kollegen war und welche Summen bereits im Raum standen.

Schon aufgrund des Rahmenkonzepts liegen hier natürlich Vergleiche zu «Bares für Rares» auf der Hand. Hinsichtlich der Grundstimmung des Formats fühlt man sich als Zuschauer aber wohl noch etwas mehr an die «Höhle der Löwen» erinnert: Die Optik ist ähnlich stilvoll, die Farbgebung zumindest in den "Experten-Räumen" ähnlich dunkel und dezent. Und führt man sich vor Augen, dass die Experten hier im Prinzip ebenfalls Investoren sind, wenn auch nicht in Gründer und Zukunftsvisionen, sondern schlicht direkt in Produkte anderer Händler, dann haben auch die Gespräche in den Räumen viel von den Pitches der VOX-Show. Und auch Pflaumes Funktion erinnert an Amiaz Habtu, der ebenfalls vor und nach dem jeweiligen Pitch mit den Kandidaten in Interaktion trat, dazwischen allerdings stark in den Hintergrund rückt.

Von einer Stärke der Löwenhöhle hätte sich «Wer bietet mehr?» aber stärker inspirieren lassen können: Den Mut, dem Zuschauer über mehr als zehn Minuten lang einen Schauplatz anzutun, auf die Dynamik des Dialogs zwischen Kandidat und Händler zu setzen und die Gespräche nicht bloß rein ergebnisorientiert zusammenzuschneiden, dass man also möglichst schnell erfährt, ob ein Deal zustande kommt oder nicht. Man müsste bei der Aufzeichnung des Formats dabei sein, um mit Sicherheit sagen zu können, inwiefern hier den Produzenten von UFA Show & Factual ein Vorwurf zu machen ist oder die Dialoge tatsächlich mitunter in wenigen Sekunden beendet sind. In jedem Fall ist hier dramaturgisch noch ein wenig Luft nach oben.

Denn die wirklich spannenden Momente kreiert das Format nicht dann, wenn ein Deal besonders schnell zustande kommt oder ausgeschlagen wird. Nein, es sind vor allem zwei Situationen aus Folge eins, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben: So versucht sich einmal ein Duo daran, einen Barschrank aus den 50er-Jahren an den Mann zu bringen - wobei nur der Mann in die Verhandlungen mit den Händlern geht, während die Frau gemeinsam mit Pflaume das Geschehen im Hintergrund betrachtet und emsig mitfiebert, wie ihr Gatte das gute Stück anzupreisen versucht. Eine andere Auktion profitiert vor allem von einer sehr engagierten Verkäuferin alter Barbie-Puppen aus den 60ern, die nicht bloß auf die Zahlen schielt, sondern ihr Gegenüber auch verbal gekonnt von der Qualität und vom Wert ihres Produkts zu überzeugen versucht, um das Angebot noch ein wenig nach oben zu schrauben. Hier entfaltet die Sendung ihr größtes Potenzial.

Wie hat Ihnen der Auftakt von «Wer bietet mehr?» gefallen?
Sehr gut, würde mir weitere Folgen wünschen.
48,2%
War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
12,4%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
19,0%
Habe es (noch) nicht gesehen.
20,4%


Wenn es also etwas gibt, das den Verantwortlichen von «Wer bietet mehr?» nach den ersten beiden Episoden als Hausaufgabe mitgegeben werden kann, dann ist es wohl, sich mehr darauf zu konzentrieren, möglichst aus jeder Auktion ein kleines Highlight mit besonderer Geschichte zu machen, anstatt in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Deals unter Dach und Fach zu bringen oder platzen zu lassen. Ansonsten ist dem Neustart nicht viel anzulasten: Er ist hochwertig produziert, schaut sehr edel aus, wird von Pflaume angenehm zurückhaltend moderiert und hat vier Experten gefunden, die authentisch und interessiert wirken und vielleicht bloß noch ein wenig an Profil gewinnen könnten - das aber mit zunehmender Fernseherfahrung und zunehmender Zuschauerbindung aber ohne größeren Einfluss von Außen kommen kann.

Der NDR hat in jedem Fall eine neue Sendung im Köcher, die das Potenzial hat, schon bald vor größerem Publikum gezeigt zu werden. Immerhin begibt sie sich auf ein Feld, das derzeit im Fernsehen sehr erfolgreich läuft und noch nicht von Angeboten überflutet ist. Zudem weist das Format genug Eigencharakter auf, um nicht gleich als plumpe Kopie von «Bares für Rares» oder «Die Höhle der Löwen» verschmäht zu werden. Die Generalprobe hat jedenfalls schon einmal Lust auf mehr gemacht.

Kurz-URL: qmde.de/84598
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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
P-Joker
30.03.2016 02:44 Uhr 1
Nun habe ich mir beide Folgen in der Mediathek mal angeschaut.



Mit Mühe und Not bin ich dabei nicht eingeschlafen.

Als bekenneder Fan von "Bares für Rares" ist mir diese Sendung hier einfach zu langweilig.

Dazu kommt:

1. Sie hat nicht den unterhaltsamen Charme der Lichter-Sendung.

2. Bei "Bares für Rares" erfährt man sehr viel über die angeboten Waren (z.B über Alter, Herkunft, tatsächlicher Wert). Hier erfährt man praktisch fast nichts davon.

3. Sowohl die Experten, als auch die Händler bei "Bares für Rares" kommen weitaus sympathischer rüber.

4. Die Preisverhandlungen hier sind hier gähnend langweilig.



Interessant ist allerdings zu sehen, dass auch hier einige Verkäufer absurde Preisvorstellungen haben



Einziger Lichtblick: Pflaume endlich mal ohne Krawatte. :-)



Mein Fazit:

Hier und da werde ich mal reinschauen, aber ziehe "Bares für Rares" in jedem Fall vor.

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