360 Grad

Wenn SPON Journalismus simuliert

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"Spiegel Online" lädt ein zur Strategiesimulation: Tun Sie so, als seien Sie Angela Merkel und spielen Sie die Ukraine-Krise durch. Die Sache hat einen Haken: Sie ist völlig kappes. Ein Kommentar.

Wie fühlt sich das an, so als Bundeskanzlerin, wenn man sich mit Wladimir Putins Katz-und-Maus-Spielchen herumschlagen muss? Sie können das jetzt im Einzelnen durchspielen, in einem Planspiel ganz im Stil der Erlebnispädagogik, in einer Art Erlebnisjournalismus. Nein, nicht bei „Bild.de“, sondern bei „Spiegel Online“.

Machen wir mal, was „Spiegel Online“ hier von uns will, und tun so, als seien wir Angela Merkel. Denn dieses nette Simulationsspiel ist in mehrerlei Hinsicht erhellend. Es simuliert nämlich nicht nur politische Vorgänge, sondern auch Journalismus.

Aber der Reihe nach: Nehmen wir an, Sie erteilen als Angela Merkel Janukowytsch in Vilnius eine Abfuhr, warten danach erstmal ab und gehen schließlich in den Machtkampf mit dem Kreml, wenn bei Ihnen – deutlich später als damals bei der Bundeskanzlerin – die Alarmglocken schrillen. Dann passiert, was so auch in der Realität passiert ist: Gefechte auf dem Maidan, die Protestbewegung übernimmt die Macht in der Ukraine und Putin lässt die Krim annektieren.

Jetzt haben Sie die Wahl: Sie können wieder abwarten oder „toben und sofort Putin sprechen wollen“.

Wenn Sie sich für letztere Option entscheiden, liefert Ihnen die „SPON“-Simulation als nächstes Ereignis folgendes: „Sie drohen Präsident Putin mit einer breiten Palette an Sanktionen und liefern den EU-orientierten Demonstranten auf dem Maidan Waffen.“ Die politische Konsequenz: „Sie haben soeben den dritten Weltkrieg heraufbeschworen! Putin fühlt sich angegriffen und schickt umgehend Militär in die Ukraine, um dort die Demokratiebewegung niederzuschlagen. Weil die Nato sich bedroht sieht, greift sie in den Konflikt ein.“

Ja, das steht da wirklich.

An dieser Simulation ist freilich vieles kappes: Allein schon die Vorstellung, außen- und sicherheitspolitische Vorgänge seien mit deterministischen Eskalationsmodellen sinnvoll zu analysieren oder gar zu prognostizieren, in denen auf Operation A unweigerlich Ereignis B folgt und nicht etwa Ereignisse C oder D. Oder auch mal gar nichts.

Wenn man schon so weit von jeglichem Sinn für die politischen Realitäten abgedriftet ist, ist es natürlich nur noch ein kleiner Schritt, um aus „toben und Putin sprechen wollen“ direkt „Waffenlieferungen an die Demonstranten auf dem Maidan“ zu machen. Als lägen dazwischen nicht Welten.

Natürlich ist das nicht nur eine intellektuelle Zumutung, sondern Ausfluss einer gewissen Ideologie, die hier suggestiv proklamiert werden soll: einer, die in einer energischen Reaktion auf die russische Politik gleich den dritten Weltkrieg sieht. Das ist jedoch eine kühne These, eine geradezu tollkühne sogar. Leider wird sie in dieser „Strategiesimulation“ als unausweichliche Kulmination dargestellt, und nicht als das weit hergeholte Schreckensszenario, das sie ist.

Da hilft auch der Disclaimer ganz am Schluss nicht mehr, dass diese „Strategiesimulation“ nicht die tatsächlichen Ereignisse abbilde und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe.

Mit Journalismus hat das nicht sonderlich viel zu tun. Das kann ihn nicht einmal simulieren.

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