Die Kritiker

«Der Gott des Gemetzels»

von

Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und John C. Reilly begeistern in einer vor urkomischen Dialogen sprühenden Situationskomödie mit Hintersinn.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Roman Polański
  • Drehbuch: Roman Polański und Yasmina Reza, basierend auf Rezas gleichnamigen Theaterstück
  • Besetzung: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly
  • Produktion: Saïd Ben Saïd, Oliver Berben und Martin Moszkowicz
  • Musik: Alexandre Desplat
  • Kamera: Pawel Edelman
  • Schnitt: Hervé de Luze
Hinter dem Titel «Der Gott des Gemetzels» verbirgt sich kein Fantasyspektakel über einen zur Erde herabgestiegenen Gott. Genauso wenig stellt diese gerade einmal 80 Minuten lange Regiearbeit von Roman Polański einen Horrorfilm dar, in dem eine Schauergestalt unzählige Körper niedermetzelt. Und dennoch lässt der Regisseur von «Rosemaries Baby» und «Die neun Pforten» einmal mehr die Hölle losbrechen. Die wahrhaftige und daher langfristig deprimierende Hölle der menschlichen Niedertracht – dargeboten in Form des womöglich erbittertsten Streitgesprächs der Kinogeschichte. Und des wohl auch komischsten.

Alles nimmt seinen Anfang durch eine Prügelei zwischen zwei Kindern, bei der eines verletzt wird. Bald darauf treffen sich die Eltern der zwei Jungen, um über den Vorfall zu sprechen und auszuhandeln, was nun zu tun sei. Zunächst verläuft alles ganz ruhig, mit betonter Höflichkeit und Zurückhaltung bemühen sich das Ehepaar Cowan (die Eltern des „Täters“) und das Ehepaar Longstreet (die Eltern des „Opfers“ und zudem Gastgeber des Treffens) um eine rasche Bereinigung der Sache. Dann aber besteht Kunstliebhaberin Penelope Longstreet (Jodie Foster) sehr zum Ärger des zynischen Anwalts Alan Cowan (Christoph Waltz) auf eine harsche Wortwahl, um den Tathergang zu beschreiben. Bevor die Situation entgleitet, bitten die Longstreets ihre Gäste, noch etwas länger zu verweilen und bei Kaffee und Kuchen freundschaftliche Bande zu knüpfen. Der Frieden währt aber nur äußerst kurz. So gerät der genügsame Haushaltswarenhändler Michael (John C. Reilly) vor Augen der Cowans an seine Gattin Penelope, was Anlageberaterin Nancy (Kate Winslet) leichtfertig kommentiert. Ein Gesprächsthema führt zum nächsten, stets fühlt sich irgendjemand beleidigt und die Emotionen kochen immer weiter über. Die Ehepaare zanken miteinander sowie untereinander, schließlich bilden sich Geschlechterfronten, doch genauso schnell zerfallen diese wieder …

Aus dieser so banal erscheinenden Grundsituation schuf Roman Polański eine Komödie der obersten Güteklasse. Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück der französischen Schriftstellerin Yasmina Reza entfacht «Der Gott des Gemetzels» nämlich ein Dialogfeuerwerk, das ebenso erschütternd ehrlich wie hintergründig ist. Obwohl: Wenn sich die vier Protagonisten dieses Kammerstücks an einzelnen Worten reiben dürfen, so darf auch diese Kritik ihre Wortwahl hinterfragen. Und der Begriff „Dialogfeuerwerk“ mag zwar treffend beschreiben, wie temporeich der Humor in den bissigen Gesprächen zwischen den Cowans und den Longstreets zündet. Und er vermag es auch einzufangen, wie brillant die Texte sind, die das herausragende Schauspiel-Quartett von sich gibt. Trotzdem ließe sich dieses Lob mit ausreichend böser Absicht missverstehen. Denn Feuerwerkskörper sind nach einmaligem Gebrauch abgebrannt.

«Der Gott des Gemetzels» aber gehört zu eben jenen glänzenden Komödien, die selbst nach mehrmaligem Ansehen keinerlei Abnutzungserscheinungen aufweisen. Mehr noch: Diese 25-Millionen-Dollar-Produktion ist nicht nur immer wieder unterhaltsam, sondern funktioniert obendrein auf zahlreichen Ebenen. Etwa ganz schlicht als erwachsene Situationskomödie mit unvergleichlicher Beobachtungsgabe für das fehlerbehaftete Verhalten Erwachsener. Wohl jeder dürfte am eigenen Leibe einige der Situationen erlebt haben, die in «Der Gott des Gemetzels» zu sehen sind. Und da sie, einzeln betrachtet, so direkt aus dem Leben gegriffen sind, hier jedoch in überwältigender Menge aufeinandertreffen, bleibt dem Betrachter nur noch eine Reaktion: Der boshaften Wahrheit ins Gesicht lachen. Darüber lachen, wie dumm es ist, wegen einer unglücklichen Formulierung einen Streit nochmal aufzurollen, den man bereits niedergelegt hat. Und darüber, wie nervig es ist, wenn man gehen will, aber von den Gastgebern festgehalten wird. Und über Pantoffelhelden, die glauben, sie werden zu besseren Menschen, wenn sie mit ihren versteckten Schattenseiten prahlen. Und, und, und …

Die Drehbuchautoren Reza und Polański geben aber nicht nur das irrsinnige Benehmen streitender Paare wieder. Durch die von ihnen geschriebenen Figuren kommentieren sie vortrefflich, wie leicht die Fassade eines Menschen zum Bröckeln gebracht werden kann. Wie der kein Ende nehmende Zoff zwischen den vier Archetypen Alan, Michael, Nancy und Penelope vorführt, besteht das sich selbst als zivilisiert feiernde Bürgertum letztlich nur aus sich selbst beweihräuchernden Lügnern. Lügner, die sowohl ihrem Umfeld als auch sich selbst etwas vormachen, hoffend, dadurch Anerkennung zu erfahren. Sei es die sich als kämpferisch verstehende Idealistin Penelope, die ihren Erfolg in Wahrheit allein daran misst, wie sehr sie anderen Menschen ins Gewissen reden kann. Sei es der simple Michael, der seine heimlichen Gemeinheiten als Geniestreiche aufgefasst sehen will. Sei es die nervöse, zurückhaltende Nancy, aus der dann plötzlich alles herausbricht. Oder der wortgewandte Alan, dessen gekünstelte Höflichkeit Aggressionen auszulösen vermag und der sich so lange darin suhlt, dass seine nihilistische Weltsicht Bestätigung erfährt, bis auch er in die Schusslinie gerät.

Polańskis bei den 68. Filmfestspielen von Venedig mit einem kleinen Goldenen Löwen ausgezeichnetes Kammerstück ist vor allem aber ein Fest für jeden Freund großer Schauspielkunst. Minutiös fängt die von Pawel Edelman geführte Kamera die charakteristischen Macken ein, die ihnen die Oscar-Preisträger Waltz, Winslet und Foster sowie der mehrfache Oscar-Kandidat Reilly verleihen. Und anders als in Filmen über politische Skandale oder Naturkatastrophen gibt es in diesem prägnanten Meisterwerk über den Schrecken der menschlichen Persönlichkeit nichts, was vom furiosen Mienenspiel der Akteure ablenken könnte. Mit unbändigem Eifer, wohldosierten Manierismen und einem glänzenden Timing liefert sich das vierköpfige Ensemble einen Wettstreit, bei dem es unter den Figuren nur Verlierer geben kann. Und dennoch gibt es einen klaren Gewinner dieses verbalen Gemetzels – den Zuschauer!

Fazit: Spitzzüngig, scharfsinnig beobachtend und in seiner tief blicken lassenden Wahrhaftigkeit schreiend komisch. Unter der pointierten Regie Roman Polańskis reißen in «Der Gott des Gemetzels» vier hervorragende Schauspieler die Fassade des kleinlichen Bürgertums nieder, um die erschreckend unterhaltsamen Abscheulichkeiten offenzulegen, die in jedem von uns stecken.

«Der Gott des Gemetzels» ist am Montag, den 21. Juli 2014, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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