Schlüter sieht's

«Schlüter sieht's»: Fernsehkinder an die Macht

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Joko, Klaas und Böhmermann müssen ins öffentlich-rechtliche Hauptprogramm, fordert unser Kolumnist.

Zugegeben: Ja, ich bin Fan dieses kultigen Nischenfernsehens, das Joko und Klaas in «neoParadise» oder Jan Böhmermann und Charlotte Roche in ihrer Talkshow bei ZDF.kultur abfeiern. Die Formate gehören zum Besten, was jüngere Zielgruppen derzeit in der deutschen TV-Landschaft sehen können und die (wenigen) Stammzuschauer wissen dies auch. Leider sind es noch zu wenige. Ich fordere daher deutlich prominentere Sendeplätze für die jungen Entertainer – wenn als Fan auch nicht ganz unvoreingenommen.

Doch auch objektiv gesehen wäre die Verlegung ins Hauptprogramm – also abseits der digitalen Mini-Sender – eine sinnvolle: Nach vielen Jahren der Dürre aufstrebender Entertainer haben wir nun mit Joko, Klaas und Böhmermann endlich wieder Künstler, die längst bewiesen haben, dass sie es können. Frühere Talentschmieden wie VIVA, MTV und GIGA haben das Fernsehen der 90er und frühen 2000er Jahre geprägt, mit aufstrebenden Stars wie Stefan Raab, Matthias Opdenhövel, Oliver Pocher oder Tobi Schlegl. Heute fehlen diese Talentschmieden größtenteils aufgrund des Kostendrucks und der Programm-Umstrukturierungen – Joko und Klaas werden vermutlich die Letzten sein, die mit eigenen Sendungen und viel Live-Erfahrung noch „gefördert“ wurden. Jan Böhmermann gehört bereits zur Riege öffentlich-rechtlicher Jungstars, die vor allem aus dem Radio kommen.

Kurz: Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten nun die Chance ergreifen, ihren Entertainern eine größere Bühne zu geben. Früher haben die Privaten für frische Gesichter und große Aufstiege gesorgt – und damit nebenher auch immer wieder ihr eigenes Programm neu erfunden. Nach Oliver Pochers Sat.1-Abgang setzen die Sender kaum noch auf neue Moderatoren: Erstens weil entsprechende Shows zu teuer sind, zweitens weil das Risiko zu groß ist, drittens weil eben die Talente fehlen.

Natürlich: Joko und Klaas haben bereits bei ProSieben angeheuert – aber dies wiederum ist nur ein Zeichen des fehlenden Mutes und Engagements, sie im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm zu etablieren. Zumal sich das Entertainer-Duo vermutlich für mehr Geld als bei ZDFneo, aber trotzdem deutlich unter eigenem Wert verkauft: «neoParadise» ist besser als die vielen ProSieben-Spielshows, welche Joko und Klaas meist nur auf ihren Duell-Charakter reduzieren. Und wer Jan Böhmermann derzeit in der Fernsehversion seiner «LateLine» (donnerstags, EinsPlus) erlebt, erkennt die Bühnenqualitäten dieses Mannes, der aus dem simplen Konzept einer Call-In-Sendung bisweilen großes Unterhaltungsfernsehen macht. Zwei Stunden lang, live, ohne Werbeunterbrechung.

Dies wäre der vielleicht wichtigste Punkt, warum die Öffentlich-Rechtlichen ihre jungen Künstler fördern müssen, um sie nicht an das Privatfernsehen zu verlieren: Anders als beispielsweise Oliver Pocher haben Joko, Klaas und Böhmermann das Zeug dazu, unterhaltsames sowie gleichsam hochwertiges Fernsehen zu stemmen. Fernsehen, das den Zeitgeist trifft, das die so umworbenen jungen Zielgruppen erreicht, das bissig und satirisch ist, das mit spannenden Interviews und im Sinne des Meta-TV nur so vor popkulturellen und gesellschaftlichen Referenzen trieft. Fernsehen also, das nicht nur die Lachmuskeln stimuliert, sondern auch ein wenig den Intellekt. Nichts, was bei den großen Privatsendern noch eine wirkliche Zukunft hätte…

Jan Schlüters Branchenkommentar gibt es jeden Mittwoch nur auf Quotenmeter.de.

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