Die Kino-Kritiker

«Und wer nimmt den Hund?» - Ehestreit als Kammerspiel

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Das Komödien-Subgenre des Streitfilms erhält prominenten Zuwachs. Für «Und wer nimmt den Hund?» schickt Regisseur Rainer Kaufmann das von Martina Gedeck und Ulrich Tukur gespielte Ehepaar Lehnert in Paartherapie.

«Und wer nimmt den Hund?»

  • Start: 8. August 2019
  • Genre: Kinderfilm
  • FSK: o.Al.
  • Laufzeit: 89 Min.
  • Kamera: Klaus Eichhammer
  • Buch: Martin Rauhaus
  • Regie: Rainer Kaufmann
  • Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Julika Jenkins, Marcel Hansema, Giulia Goldammer, Lucie Heinze, Angelika Thomas
  • OT: Und wer nimmt den Hund? (DE 2019)
Kleines Setting, große Emotionen: Das Genre der Streitkomödie hat in den vergangenen Jahren einige starke und vor allem lustige Filme hervorgebracht. Die Franzosen («Der Vorname», «Nur eine Stunde Ruhe») können das dabei genauso gut (oder schlecht - je nachdem, wie die einzelnen Filme eben ausfallen) wie die Deutschen («Frau Müller muss weg») oder die Amerikaner («Der Gott des Gemetzels») und der Produktionsaufwand ist im Anbetracht der begrenzten Drehbedingungen gering. Regisseur Rainer Kaufmann («Eine ganz heiße Nummer 2.0») und sein Drehbuchautor Martin Rauhaus («Ein ganz normaler Tag») brechen inszenatorisch hin und wieder aus diesem engen Korsett aus, um ihre Geschichte von einer aus dem Ruder geratenen Paartherapie mit Aufnahmen aus dem Lebensumfeld der beiden Protagonisten anzureichern. Der emotionale Kern liegt allerdings im Gespräch mit der Therapeutin verborgen, wodurch sich ein schönes Wechselspiel aus mit Hysterie und Aufopferung kokettierender Comedy und melancholischem Drama über verpasste Chancen und Mittlebenskrisen entwickelt.

Das kommt in den besten Familien vor


Mitten in seiner Midlife-Crisis hat sich Georg (Ulrich Tukur) in seine wesentlich jüngere Arbeitskollegin Laura (Lucie Heinze) verliebt. Für Georgs Frau Doris (Martina Gedeck) bricht erst eine Welt zusammen, bevor sie ihren Noch-Ehemann zur Paartherapeutin schleppt. Bei der geduldigen Frau Dr. Bruhns (Angelika Thomas) kommen all die unausgesprochenen Ängste und Sehnsüchte der letzten Jahre auf den Tisch. Vor allem aber jede Menge Aggression. Während sich die zukünftig geschiedenen Eheleute krampfhaft um Konversation bemühen und ihre Auffassung der gemeinsamen Vergangenheit unterschiedlicher kaum sein könnte, gehen ihre Leben getrennt voneinander weiter. Dabei merkt Georg langsam, aber sicher, dass so eine dreißig Jahre jüngere Freundin ganz andere Ansprüche hat als seine gleichaltrige Ehefrau und Doris beginnt den Neuanfang kreativ zu nutzen und sich selbstständig zu machen. Doch für beide fangen die Probleme damit erst an…

«Und wer nimmt den Hund?» beginnt mit einigen kurzen Szenen aus der Therapiepraxis, bevor das Leinwandbild unscharf wird und Martina Gedeck und Ulrich Tukur (spielten Seite an Seite auch schon in Sven Taddickens «Gleißendes Glück») in bester Greenbox-Manier das Geschehen kommentieren. Auch wenn es schade ist, dass Rainer Kaufmann anschließend nur noch sehr vereinzelt auf dieses inszenatorische Gimmick zurückgreift, lässt sich hier doch eine tonale Richtung erkennen: «Und wer nimmt den Hund?» ist selbstreferenziell und spielt gehörig mit seiner Meta-Ebene, wenn aus den starken Dialogen mehrmals hervorgeht, dass die Figuren ganz genau um ihre klischeehafte Situation wissen.

Dazwischen hauen sich Tukur und Gedeck die Vorwürfe und Anfeindungen nur so um die Ohren: Sie die gehörnte Ehefrau, er der verzweifelte Gatte, der eigenen Angaben zufolge ja immer so viel einstecken musste und sich nun wenigstens eine junge Geliebte gönnen dürfen sollte (und natürlich ganz, ganz sicher keine Midlife Crisis hat) – man muss nicht selbst in der Situation gewesen sein, um emotional bei den beiden anzudocken und sich immer wieder dabei zu erwischen, wie man mal die Argumente des Einen, mal die des Anderen nachvollziehen kann.

Doch «Und wer nimmt den Hund?» funktioniert auch über eine andere Ebene – und erst durch die gewinnt der Film an Herz und Seele, denn so gut die Gags und so gewitzt die Dialoge auch sein mögen, so tragisch ist ja letztlich der Umstand, dass hier gerade ein 26 Jahre lang (vermeintlich) glücklich verheiratetes Paar vor den Scherben seiner Ehe steht. Diese Tatsache walzt Autor Martin Rauhaus mit genauso viel Beharrlichkeit aus wie das komische Drumherum. So tut es richtig weh, Martina Gedeck wie einen Schlosshund weinend in ihrem Schlafzimmer zu beobachten und Ulrich Tukur dabei zu sehen, wie dieser sich einredet, glücklich zu sein, obwohl er es eigentlich gar nicht ist. Beide Darsteller spielen hier so gut auf wie lange nicht mehr. Ihre Chemie, auch im Zusammenspiel mit Nebendarstellern wie Marcel Hansema («Das letzte Opfer»), Peter Jordan («Wackersdorf») und Angelika Thomas («Up! Up! To the Sky») ist hervorragend. So ist „Und wer nimmt den Hund?“ ein weiterer Beweis dafür, dass deutsche Filmemacher auch richtig komisch sein können.

Fazit


Ulrich Tukur und Martina Gedeck geben Vollgas als kurz vor der Scheidung stehendes Langzeit-Ehepaar, das miteinander genauso wenig kann wie ohneeinander. Und Regisseur Rainer Kaufmann bereitet diese unkonventionelle Therapiesitzung mit ebenso viel Feingefühl wie Sinn für Humor auf, sodass am Ende kein Auge trocken bleibt - wahlweise vor Lachen oder vor Rührung.

«Und wer nimmt den Hund?» ist ab dem 8. August in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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