Die Kino-Kritiker

«Der König der Löwen» – Dieses Mal sind die Löwen pelzig

von

«Iron Man»-Regisseur Jon Favreau nimmt den Disney-Zeichentrickklassiker «Der König der Löwen» und inszeniert ihn mit fotorealistischen Computeranimationen neu. Das ist beeindruckend und langweilig zugleich.

Filmfacts «Der König der Löwen»

  • Regie: Jon Favreau
  • Produktion: Jon Favreau, Jeffrey Silver, Karen Gilchrist
  • Drehbuch: Jeff Nathanson; basierend auf dem Skript des gleichnamigen Zeichentrickfilms von Irene Mecchi, Jonathan Roberts, Linda Woolverton
  • Musik: Hans Zimmer
  • Kamera: Caleb Deschanel
  • Schnitt: Mark Livolsi, Adam Gerstel
  • Laufzeit: 118 Minuten
  • FSK: ab 6 Jahren
Jon Favreaus «The Jungle Book» wurde 2016 mit großem, positivem Kritikerecho begrüßt und spülte über 960 Millionen Dollar in die Kinokassen. Obwohl es damals hieß, Disney und Favreau werden auf die dramatischere, actionreichere Neuinterpretation des Zeichentrickklassikers «Das Dschungelbuch» und seiner literarischen Vorlage einen zweiten Teil folgen lassen, kommt nun erst einmal ein anderes Disney-Remake des «Iron Man»-Regisseurs heraus. Wie schon «The Jungle Book» nimmt «Der König der Löwen» einen Meilenstein des Zeichentrickmediums und adaptiert ihn in fotorealistischer Optik. Doch inhaltlich ändert sich dieses Mal deutlich weniger. Was, den enormen technologischen Fortschritten zum Trotz, ein arges Problem für dieses Remake darstellt.

Die Schattenseiten der fotorealistischen Tiere


Ja, die Landschaften im «Der König der Löwen»-Remake sehen atemberaubend echt aus, ja, man glaubt glatt, man könnte sich in der dichten Mähne Mufasas verlieren oder in die Leinwand greifen, sich Timon schnappen und hätte somit endlich ein leibhaftiges Erdmännchen adoptiert, nachdem der örtliche Zoo diese Anfrage mehrmals verneint hat. Aber: Egal, wie lebensnah sich die Haare der Figuren bewegen, ganz gleich, wie wirklichkeitsgetreu das Licht durch die Blätter in Timons und Pumbaas Oase gebrochen wird: «Der König der Löwen» ist noch immer eine Erzählung von Neid, Tod, dem Verdrängen und Ergreifen von Verantwortung und dem Verarbeiten von Kummer. Jon Favreaus «Der König der Löwen» erzählt exakt die gleiche Geschichte wie der Zeichentrickklassiker, daran kann eine kleine Handvoll nichtssagender neuer Szenen nichts ändern. Und somit muss sich der neue «Der König der Löwen» die Frage gefallen lassen, ob er ähnlich emotional ist wie das Original.

Und die Antwort auf diese Frage ist ein harsches, erschütterndes: Auf gar keinen Fall. Denn mit dem Fotorealismus des Produktionsdesigns und der Oberflächenanimation kommt in diesem Film auch ein in straffe Zügel gelegter Pseudorealismus hinsichtlich der Mimik und Gestik einher: Ist es den Tieren im «König der Löwen»-Zeichentrickfilm gestattet, zu grinsen, Trauermienen zu ziehen, skeptische Blicke auszutauschen oder sonst wie körperlich ihre Gefühle auszudrücken, haben die Tiere in Favreaus «Der König der Löwen» nahezu eingefrorene Gesichter. Die Löwenmäuler klappen dezent auf und zu, gelegentlich blinzeln die Augen, und das war es fast schon. Zazus Schnabel klappt mit mehr Schwung auf und zu – ist aber halt ein steifer Vogelschnabel, weshalb es eher so wirkt, als sei die ironisch-hochnäsige Stimme, die ihm entfleucht, ein Voice-Over und nicht seine Stimme. Und so weiter, und so weiter. Allein den komödiantischen Nebenfiguren Timon und Pumbaa ist ein übertrieben fideler Gestus gestattet, wodurch ihre Gags unterstrichen werden sollen.



Bei den restlichen Figuren hat sich das Animationsteam offenbar nur bei sehr wenigen Einstellungen aus dem Fenster gelehnt: Wenn der junge Simba mit seiner Mutter über die Notwendigkeit eines Bads diskutiert, entfleucht dem digital erschaffenen Löwenkind tatsächlich für einen Sekundenbruchteil ein selbstsicheres Grinsen. Für den überwältigenden Löwenanteil dieses Films über führt «Der König der Löwen» dagegen allen, die dieses Problem nicht haben, sehr effektiv vor, wie es ist, Gesichter nicht lesen zu können: Wenn die Tiere das Maul öffnen, hören wir in «Der König der Löwen» die Gefühle der Figuren, doch wir sehen sie nicht. Und in dialogfreien Szenen müssen wir uns die emotionale Komponente aus dem Kontext zusammenreimen – was zwar möglich ist, dennoch eine Distanz zum Geschehen aufbaut und dafür sorgt, dass Gefühlsnuancen verloren gehen.

Wenn man den Vergleich zum Zeichentrickfilm nicht hat, fällt es logischerweise nicht derart pochend auf, wie absonderlich gefühllos, steif und starr diese Geschichte eines Löwens ist, der seinen Vater verliert, aus seiner Heimat flieht, und Jahre später den Mut sammeln muss, heimzukehren. Wer nicht weiß, welche emotionale Wucht diese Geschichte haben kann, wird den neuen «König der Löwen» so nehmen, wie er ist. Aber diesen Teilen des Publikums haben die Filmschaffenden eine gehemmte, gefühlsarme Version ihres Stoffs vorgesetzt. Und das vollkommen unnötig.


Mehr Fell, mehr Laufzeit, weniger von fast allem anderen


Es wäre fehlgeleitet, dem Animationsteam hinter «Der König der Löwen» für die ausdrucksarmen Gesichter der Figuren die Schuld in die Schuhe zu schieben. Der Entschluss, den Figuren eine derart reduzierte Mimik zu geben, zuweilen eine noch stärker reduzierte als sie in der realen Natur vorkommt, ist eine konsequent durchgezogene und ebenso fragliche Regieentscheidung. Favreau nimmt das Zeichentrickoriginal und entfernt mit dem Sandstrahler jegliche Exzentrik, sämtliche überbordende Emotion. Nicht nur, dass die Figuren mit gelähmten Gesichtern durch den Film spazieren und Favreaus Savanne ein gräulich-beigefarbener Haufen Staub, Sand und Asche ist, statt die Farbkraft des realen Afrikas geschweige denn des kunstvollen Zeichentrickfilms aufzuweisen. Nein, Favreau verlässt seinen "Ich ahme den Zeichentrickfilm Kameraeinstellung für Kameraeinstellung exakt nach"-Modus, der sich durch ein Großteil dieser Produktion zieht, immer dann, wenn der Original-«König der Löwen» verspieltere Pfade einschlägt.

Damit quetscht Favreau insbesondere das Leben aus den Musicaleinlagen. Zwar behält das Remake sämtliche Lieder des Originalfilms bei, allerdings wird in "Ich will jetzt gleich König sein" und "Hakuna Matata" nicht mehr lebensfroh herumgetollt: Die Tiere laufen bloß noch in sich wiederholenden, leidlich-munteren Bewegungen von A nach B, was Favreau und Kameramann Caleb Deschanel zumeist in mittelgroßen Dollyshots einfangen – was auf Dauer einfach langweilig wird und zudem eine das Material erdrückende Diskrepanz zwischen fideler Klangwelt und den gehemmten Bildern erschafft.



Nicht bloß, dass diese «Der König der Löwen»-Version auf Gefühlsebene so dröge ist – sie ist obendrein länger, obwohl sich wenig ändert. Wenn das Remake die Szene "Kann es wirklich Liebe sein?" erreicht, in der sich Protagonist Simba und seine Jugendfreundin Nala bezirzen, wäre das Original nahezu vorüber, hätte man es parallel zum Remake gestartet. Bis zu dieser Stelle gibt es an neuem Material nur ins Nichts laufende Verlängerungen bekannter Szenen zu sehen (so dauert es nun deutlich länger, bis Fiesling Scar kurz nach Filmbeginn eine Maus in seinen Pranken hält, um sie mit seinem Selbstmitleidsmonolog zu belästigen) und ein paar neue Gags mit den Chaoten Timon und Pumbaa. Im letzten Filmdrittel folgen derweil unter anderem eine langgezogene Szene, in der sich ein Fellknäuel Simbas den Weg zu Rafiki bahnt und ein den narrativen Schwung ausbremsender Beyonce-Popsong.

Besagte Fellknäuelszene unterstreicht, dass sich Favreau in einen sonderbaren, künstlerisch unergiebigen Wahn gesteigert hat, die Vorlage weitestgehend kopieren zu müssen und sich dennoch dem fotorealistischen Look und seinen stilistischen Implikationen zu unterwerfen: Im Original wehen Blätter zurück ins Geweihte Land, und der weise Affe Rafiki erahnt in einer von magischem Realismus geprägten Szene, dass Simba noch lebt. Nun wird zunächst der ewige Kreis des Lebens imitiert – bis dann auf den letzten Metern doch magischer Realismus eingreift, um das Fellknäuel zu transportieren. Kurzum: Favreau ergriff ausnahmsweise die Möglichkeit, einer Szene einen neuen Dreh zu verleihen – und klebt dann an seine Uminterpretation nochmal ein Miniremake der Originalsequenz. Das ist redundant und exzessiv zugleich.

In dieser Wüste aus realistischeren, aber auch künstlerisch gehemmten Neuaufgüssen des Zeichentrickfilms gibt es zwei Figuren, die durch kleine Details tatsächlich dezent uminterpretiert werden. Der Mandrill Rafiki verliert einige Textzeilen und somit seine freundliche Exzentrik aus dem Zeichentrickfilm, womit er zu einem Nichts von einer Figur wird. Und auch Scar wird deutlich gedrosselt: Im Original ein fabulös-sarkastischer Narzisst, wird der böse Onkel im Remake ruhiger, fast schon von seinem Leben als Dritter auf der Thronfolge gelangweilter Löwe angelegt. Das wird kaum durch veränderte Textzeilen oder gar neue Szenen, sondern primär durch die stimmliche Performance erreicht – was im luftleeren Raum eine wertfreie Entscheidung wäre.

Es wäre völlig legitim, «Der König der Löwen» neu zu erzählen, und dabei den Schurken vom gewitzten, ironischen Selbstdarsteller ohne Gewissen zu einem gelangweilten Machthungrigen umzudeuten. Doch in einem Film, dem es aufgrund der Optik und Regieführung (sowie den mageren Spurenelementen an neuen Ideen) eh schon an Leben, Energie und Pepp fehlt, ist das Umdeuten Scars zu einem ebenso gelangweilten wie langweiligen Schurken so etwas wie der künstlerische Todesstoß. Dass Scars Schurkenlied "Seid bereit" dann auch noch das einzige Lied mit einem auffälligeren Neuarrangement ist, indem es seine Spirale in den Wahnsinn verliert, ist da zwar immerhin konsequent, aber auch so etwas wie reiner Hohn.



Da bringt auch Hans Zimmers Engagement nicht viel: Der Oscar-prämierte Komponist lehnte nach eigenen Aussagen zunächst das Angebot ab, zu «Der König der Löwen» zurückzukehren, überlegte es sich aber aufgrund seiner Konzerttourneen anders, wo er beliebte Stücke aus seinem Schaffen exzentrischer, rockkonzerthafter zum Besten gibt. Diese Attitüde wollte er für das «Der König der Löwen»-Remake übernehmen, weshalb er doch noch zusagte. Und tatsächlich werden Hans-Zimmer-Konzert-Erfahrende den Stil wiedererkennen: Seine Stücke sind im neuen «König der Löwen» etwas rauer, die einzelnen Instrumente stechen klanglich stärker heraus, es ist ein etwas wilderer Score als der des Originals. Wenngleich nicht mit dem Pfeffer, den Zimmers Konzertarrangements mitbringen.

Und so kann Zimmers Musik, die vielleicht fünf Prozent mehr Emotion in die altbekannten Melodien mitbringt, es nicht ausgleichen, dass der Rest des Films einfach nur das alte Material verwässert und um einen Großteil seiner Gefühlskraft beraubt wurde.

Es geht nicht ums Prinzip


Das Problem dieses «Der König der Löwen»-Remakes ist nicht, dass Scar weniger fies-genüssliche Energie hat als im Original. Es geht nicht darum, dass die Figuren realistischer aussehen und weniger Mimik und Gestik aufweisen. Der Film stolpert nicht darüber, dass Favreau die stilistisch exzentrischer geratenen Szenen des Originals in einer neuen, gehemmten Version aufzieht. Favreaus «Der König der Löwen» scheitert, weil diese Entscheidungen im Zusammenspiel damit, dass die Geschichte kein Stück verändert wurde und eine Mehrzahl der Bilder einfach wiederholt werden, diesem Stoff das rauben, worauf er am deutlichsten zielt – seine durch gesunden Pathos erzeugte Flut an Gefühlen.

Fotorealistische Tiere können Ausdruck haben. Favreau gelang dies in «The Jungle Book». Aber der Film geht auch eigenständige inhaltliche Wege, die den rauen, realistischen Look unterstreichen. Das fehlt «Der König der Löwen», womit er nicht mehr ist als das teuerste Bewerbungsvideo, das sich ein Effekthaus wünschen kann. Die Verantwortlichen für die Digitaltricks in diesem Film werden sich künftig gewiss nicht über mangelnde Anfragen beklagen können. Aber um mit den Errungenschaften in der fotorealistischen Computeranimation zu werben, hätte ein Remake der "Der ewige Kreis"-Szene allein genügt.

Fazit: Das «Der König der Löwen»-Remake ist technisch herausragend, jedoch eine künstlerische Vollkatastrophe.

«Der König der Löwen» ist ab dem 18. Juli 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 3D und 2D.

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