Die Kino-Kritiker

«Kursk» - Zerrissenes U-Boot-Drama von Thomas Vinterberg

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«Die Jagd»-Regisseur Thomas Vinterberg erzählt in «Kursk» von der Tragödie rund um das gleichnamige U-Boot, das im Sommer 2000 nicht nur zum Schauplatz eines eiskalten Überlebenskampfes wurde, sondern auch von politischen Machtspielen der übelsten Sorte.

Filmfacts: «Kursk»

  • Start: 11. Juli 2019
  • Genre: Drama/Katastrophenfilm
  • Laufzeit: 117 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Anthony Dod Mantle
  • Musik: Alexandre Desplat
  • Buch: Robert Rodat
  • Regie: Thomas Vinterberg
  • Darsteller: Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, Matthias Schweighöfer, Colin Firth, Max von Sydow, Pit Bukowski, Tim Hudson
  • OT: Kursk (BEL/LUX 2018)
Wollte man ein wenig Zynismus bemühen, so könnte man fast von Glück sprechen, dass der dänische Autor und Regisseur Thomas Vinterberg («Die Jagd») zwar regelmäßig die Kritiker verzückt, mit seinen Filmen jedoch in der Regel nicht die Massen erreicht. Anderenfalls könnten wir uns vorstellen, was seinem neuesten Werk «Kursk», einer Aufarbeitung eines tragischen U-Boot-Unglücks vor der russischen Küste im Jahr 2000 nach dem Roman „A Time To Die“, wohl wiederfahren würde; nämlich ein ähnliches Schicksal wie einem brandaktuellen Serientipp. Bereits kurz nach der umjubelten Ausstrahlung des fünfteiligen HBO-Katastrophendramas «Chernobyl» wurde bekannt, dass das russische Staatsfernsehen eine eigene TV-Serie in Auftrag gegeben habe, um die Reaktorkatastrophe aus der eigenen Sicht zu schildern. Unter anderem mit einem CIA-Spion als zentraler Hauptfigur. Ein ähnliches Schicksal hätte bei größerem Interesse sicher auch «Kursk» blühen können. Thomas Vinterberg inszeniert den Untergang des gleichnamigen Atom-Unterseeboots und die damit einhergehenden politische Machtspielchen als erschütternde Anklage gegen das damalig vorherrschende Werteverständnis der russischen Regierung und – wer hätte es gedacht – dabei kommt das Land alles andere als gut weg.

Dabei drückt Vinterberg hier und da arg auf die Tränendrüse und auch die erzählerische Verbindung von Politzirkus und menschlichem Drama gelingt dem 1969 in Kopenhagen geborenen Filmemacher nicht immer ganz reibungslos. Im Großen und Ganzen reißt «Kursk» aber ordentlich mit, vor allem weil die hier angesprochenen Konflikte erschreckend zeitlos sind.

Am 10. August 2000...


...läuft das russische U-Boot K-141 Kursk zu einem Manöver der russischen Nordflotte in der Barentssee aus. An Bord befinden sich 118 Mann Besatzung. Am zweiten Tag der Übung kommt es durch die Explosion eines Torpedos an Bord zur Katastrophe. Die Kursk erleidet schwere Schäden und sinkt auf den Meeresboden. Lediglich 23 Männer überleben und können sich in einen sicheren Abschnitt des U- Bootes retten, darunter Kapitänleutnant Mikhail Kalekov (Matthias Schoenaerts). Aus Prestigegründen und Angst vor Spionage verweigert die russische Regierung zunächst jede internationale Hilfe. Auch die Angehörigen werden lange im Unklaren über die Ausmaße der Katastrophe gelassen. Die Frauen, allen voran Tanya (Léa Seydoux), die Ehefrau von Offizier Kalekov, fordern verzweifelt Aufklärung, doch vergeblich. Der britische Commodore David Russel (Colin Firth) persönlich bietet dem russischen Admiral Gruzinsky (Peter Simonischek) seine Unterstützung an. Doch die Russen bleiben stur. Und die Zeit für die Überlebenden läuft…

Auch wenn sich «Kursk» im Vergleich zu Vinterbergs bisherigen Filmen noch am ehesten als „massentauglich“ beschreiben lässt – allein das US-Plakat erinnert mehr an eine Neuauflage von «Jagd auf Roter Oktober» als an ein herbes Katastrophendrama –, stehen hier wie auch in sämtlichen anderen Vinterberg-Werken in erster Linie die Charaktere im Mittelpunkt. Und von ihnen die von Matthias Schoenaerts («Der Geschmack von Rost und Knochen») gespielte Figur des Kapitänleutnant Mikhail Kalekov noch einmal ganz besonders. Im Gegensatz zu seinen Kollegen erhält er als Einziger einen privaten Background in Form von Frau Tanya, auf deren Perspektive im Laufe des Films immer wieder zurückgegriffen wird. Zwar wohnen wir zu Beginn von «Kursk» auch einer Hochzeitszeremonie bei, auf der die Seefahrer mit ihren privaten Begleitungen zu sehen sind. Doch lediglich Léa Seydoux («Einfach das Ende der Welt») erhält mehr als ein bloßes Anhängsel-Profil. Dank ihrer Tanya erhalten wir die Möglichkeit, die Ereignisse rund um die Kursk-Rettung aus der Position der Angehörigen mitzuerleben.

Die emotionale Zerstörung bei der Nachricht, dass es der soeben erst angetraute Ehemann nicht geschafft hat oder die allgegenwärtige Freude, wenn es entgegen aller Erwartungen doch noch ein Lebenszeichen der Seefahrer gibt, zeigt uns der Film mal ganz nah bei den Familien und dann wieder nur anhand von Tanya, aus deren umstandsgemäßer Passivität Seydoux das größtmögliche Engagement herausholt. Sie ist in erster Linie eine Informationen von außen verarbeitende Person, die in ihrem Eifer, mehr über die Lage in Erfahrung zu bringen, immer wieder gegen verschlossene Türen rennt. All die Hilflosigkeit ob der misslingenden Rettungssituation sammelt sich in ihrer Figur. Das stimmt sehr oft sehr missmutig.

Internationales Schauspielkino


Neben Tanyas Schauplatz teilt sich die Handlung von «Kursk» noch auf zwei weitere auf. Während im Inneren des U-Boots die teils verletzten Seemänner ums Überleben kämpfen, spielt sich viele Tausende Meter über ihnen ein politischer Machtkampf ab, der das Geschehen maßgeblich beeinflusst. Dabei ist es kaum möglich, auszumachen, welcher Handlungspart gelungener ist. Lediglich beides unter einen Hut bekommt Vinterberg bis zum Schluss nie so ganz; und bezieht man auch noch Tanyas Perspektive mit ein, hat man hie und da das Gefühl, Vinterberg habe sich mit so einer Masse verschiedener Schauplätze und Themen ein wenig übernommen. Zwar sind die hier verhandelten Konflikte für sich genommen allesamt tief berührend. Insbesondere den Überlebenskampf der Männer inszeniert Vinterberg mithilfe seines Kameramannes Anthony Dot Mandle («T2: Trainspotting») geschickt weit ab von standardisierter Beklemmung.

Entgegen der Gewohnheit nutzt er die Leinwand für die Szenen im U-Boot so gut wie möglich aus und wählt für die wenigen Momente an Land ein quadratisches Bildformat, das sich der Leinwand erst in dem Moment vollständig anpasst, als das Schiff zur See sticht. Dieses Spiel mit dem Widerspruch steht dem Film gut zu Gesicht. Beklemmung nur dadurch zu erzeugen, dass man das Sichtfeld immer weiter einschränkt, kann schließlich jeder. So aber spielt Dot Mandle vorwiegend mit Helligkeit und Dunkelheit, während er die undurchsichtige Konstruktion eines solchen Atom-U-Boots zum ultimativen Labyrinth macht. Spätestens bei Nacht findet man sich hier kaum noch zurecht.

Dabei zuzusehen, wie sich die Stimmung unter den Kollegen nach und nach verändert, sich bisweilen sogar Machtverhältnisse verschieben, ist hochspannend und dramatisch zugleich – nicht zuletzt dank dem hervorragend aufgelegten Ensemble, in dem zwei Schauspieler aus ganz unterschiedlichen Gründen besonders hervorstechen. Matthias Schoenaerts gibt eine gleichermaßen leidende wie stets hoffnungsvolle Performance zum Besten, deren Ansporn an die Kollegen genauso inspiriert wie fasziniert, während sich Matthias Schweighöfer («100 Dinge») nicht nur darstellerisch in einer ganz anderen Farbe präsentiert als gewohnt. Er beweist in der deutschen Fassung vor allem, dass er als einer von ganz wenigen deutschen Schauspielern in der Lage ist, sich selbst zu synchronisieren. Ein Unterschied zwischen dem Deutsch schauspielernden und dem sich selbst synchronisierenden Schweighöfer lässt sich nicht ausmachen. Den Zuständen unter Wasser gegenüber steht der betont gefühlskalt inszenierte Kalkül der Regierung, politische Interessen und die Sorge um ihre Soldaten gegeneinander aufzuwiegen. Das fördert zwangsläufig jede Menge Wut zutage; erst recht, weil man ja weiß, dass all das hier so tatsächlich geschehen ist.

Und so klammert man sich automatisch an den auch noch von dem hochcharismatischen Briten Colin Firth («Kingsman: The Secret Service») verkörperten Commodore David Russell, der in den Händen eines weniger fähigen Schauspielers schnell vom Sympathie- und Hoffnungsträger zur britischen Propagandafigur hätte werden können. So aber leitet er einen immerhin routiniert durch die hier vorherrschende Unmenschlichkeit, scheitert an seinem Vorhaben aber am Ende genauso wie Thomas Vinterberg dabei, auf Pathos und Kitsch zu verzichten. Denn so niederschmetternd-anrührend die letzten zehn Minuten von «Kursk» auch sein mögen, so sehr stehen sie im Kontrast zur vorab so betont dokumentarischen Inszenierung. Ganz so, als würden der Regisseur und sein Drehbuchautor Robert Rodat («Der Patriot») nicht darauf vertrauen, dass die Ereignisse hier auch sehr gut für sich sprechen.

Fazit


Thomas Vinterberg erzählt das sich im Jahr 2000 tatsächlich ereignete Unglück des Atom-U-Boots «Kursk» aus gleich drei Perspektiven. Jede einzelne von ihnen rührt an, schockiert und reißt mit. Die dokumentarische Inszenierung verleiht dem Ganzen zusätzlich etwas beklemmend Nahbares. Doch das Gefühl eines stimmigen Ganzen bleibt leider aus.

«Kursk» ist ab dem 11. Juli in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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