Popcorn & Rollenwechsel

Kinderalarm!

von
Vorweihnachtliche Freuden bringen stets ein Grausen mit sich: Die Zeit unterhaltsamer Familienfilme bedeutet auch die Zeit anstrengender Kinobesuche.

«Megamind», «Otto‘s Eleven», «Rapunzel», «Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte»: Winterzeit bedeutet auch Hochkonjunktur für familientaugliche Kinokost. Für Familien die Zeit, in der das Sparschwein geschlachtet wird. Parkplatz, Kinokarten, Getränke und Naschereien für den Nachwuchs müssen bezahlt werden, und gerüchteweise sollen auch Eltern manchmal Lust auf eine Cola oder ein kleines Eis haben. Im Kinosaal erstmal angekommen fängt der Stress dann so richtig an. Nicht aber für die Durchschnittsfamilie: Während der Vorführung sind plötzlich die Singles die Leidtragenden. Gestrenge Eltern brüllen ihre Kinder an, weil sie während einer ruhigeren Szene kurz mit der Popcorntüte knisterten, lasche Familienoberhäupter fahren in den Standby-Modus herab und ignorieren geflissentlich, wie ihr unter Zuckerschock stehender Nachwuchs die Kinoeinrichtung professionell demontiert.

Im Kino könnte ich öfters an die Decke gehen, wenn um mich herum gerade die Unterstufe der Rütli-Schule von Laissez-faire-Eltern ihre zwei Stunden wöchentlichen Freigang erhält. Mit etwas Abstand gewinnen meine Ausflüge in die Hölle namens Mittagsvorstellung allerdings an Faszination: Wenn man die Drehbücher zu «Lost», «Akte X» und «Nummer 6» in einen Blendtec-Mixer steckt und das Ergebnis von David Lynch verfilmen lässt, so würde diese Serie noch immer weitaus weniger Fragen aufwerfen, als der Besuch einer Familienvorstellung.

Wieso etwa haben die hyperaktiven Kinder immer die ruhigen Eltern („Justin, wenn du schon den Kinosessel auffuttern musst, dann schmatz dabei wenigstens nicht so laut, okay? Nein? Naja, dann eben nicht.“) und die stillen Kinder dauernd überstrenge Erziehungsberechtigte („Lach nicht so laut! Arme auf die Sitzlehne! Hast du der Hauptdarstellerin gerade auf die Brüste gestarrt?!“)? Wie wäre es Mal mit einer Runde Elterntausch? Und wo kommen immer diese saudummen Kinder her, die den ganzen Saal lautstark über den Film ausfragen, wo es nichts nachzufragen gibt? Da wechselt die Hauptfigur nach dreißig Minuten mal die Hose, schon erkennt Einstein junior sie nicht wieder: „Mama, wer ist das?! Was passiert gerade? Wo bin ich?! Mama!!! Mama?“ Wie blöd kann bitteschön ein einzelnes Kind sein? Kann es wenigstens seinen eigenen Namen schreiben? Und die Rotznase soll mir eines Tages die Rente zahlen? Ist es für mich zu spät, über alternative Wege zur Rentenvorsorge nachzudenken?

Für jedes Kind, das in der Grundschule wohl Tag für Tag gegen die Klassentür rennt, gibt es immer eins, das über Wissen verfügt, das es eigentlich nicht haben kann. Da sitzt man am Premierentag in der ersten Vorführung eines lang ersehnten Films, und der Knirps hinter einem kennt die Geschichte schon in und auswendig. „Der spielt nur tot. Doktor Killerknirps kommt aus der Zukunft. Bruce Willis ist der Bösewicht! Die Freiheitsstatue ist in Wahrheit ein Mann. Gleich gehen die in eine Milchbar und dort sind ganz viele Zombies!“ Was, ist das der Sohn vom Drehbuchautor? Oder einfach nur ein Wahrsager? Wieso geht der jetzt nicht Lotto spielen und lässt mich in Ruhe den Film gucken? Achso, stimmt. Gewinnspiel und Jugend… So’n Mist!

Wieso kann der elfjährige oberkrasse Teenie neben mir den Film mit seinem iPhone mitfilmen, während ich weiterhin mein Nokia 8210 spazieren trage? Warum finden Kinder nach dem Klogang nie ihre Reihe wieder? Selbst nach dem fünften Mal innerhalb eines einzigen Films und in Begleitung ihrer Mutter?! Wie schafft es ein Dreikäsehoch von 1,25m im Verlauf eines 90 Minuten langen Films so sehr zu wachsen, dass er mir beim großen Finale die Sicht versperrt? Ohne mit den Füßen den Sitz zu berühren! Wie kann ein Viertklässler noch während der Trailerschau einen großen Becher Popcorn, eine Schale Nachos mit Käsesauce, ein Magnum und eine Tüte Gummibärchen verdrücken? Und wo kommt der Döner her, den der Bengel nach den Trailern plötzlich herbeizaubert? Sind seine Eltern denn wenigstens privat versichert oder muss ich von meinem spärlichen Kinokolumnistengehalt in ein paar Jahren seinen Bypass mitbezahlen?

Und natürlich die Frage aller Fragen: Weshalb genau habe ich nicht drei Stunden länger gewartet, um in die Abendvorstellung zu gehen? Dort würde ich mich nur mit erwachsenen Nervensägen herumschlagen. Und die nerven wenigstens in einer ohrenfreundlicheren Frequenz und sind nicht komplett mit Schokolade vollgeschmiert.

Viele Leute haben gute Vorsätze für das neue Jahr. Ich fasse mir einen für den Advent: Die kommenden Wochen zeige ich den Kinobesitzern in meiner Umgebung, dass sich Spätvorstellungen auch für Familienfilme rentieren. Auf dass ich in Zukunft Disney-Trickfilme und ähnliches in der Mitternachts-Preview sehen kann!

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