Die Kino-Kritiker

«Stille Reserven»

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Stell Dir vor, du müsstest nach Deinem Tod als Datenspeicher oder Gebärmaschine herhalten, nur weil Du zu Lebzeiten keine Todesversicherung abgeschlossen hat. Das ist die erschreckend realitätsnahe Ausgangslage in Valentin Hitz‘ Dystopie-Thriller «Stille Reserven».

Filmfacts: «Stille Reserven»

  • Kinostart: 20. April 2017
  • Genre: Thriller/Science-Fiction
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 96 Min.
  • Kamera: Martin Gschlacht
  • Musik: Balz Bachmann
  • Buch und Regie: Valentin Hitz
  • Darsteller: Clemens Schick, Lena Lauzemis, Daniel Olbrychski, Stipe Erceg, Marion Mitterhammer, Martin Reik
  • OT: Stille Reserven (AT/DE/CH 2016)
Seit dem Riesenerfolg der «Die Tribute von Panem»-Saga wurde das Sci-Fi-Subgenre der Dystopie lange Zeit vom Young-Adult-Kino dominiert. Nach den vierteiligen, 2015 für beendet erklärten Hungerspielen, die Jennifer Lawrence direkt in die A-Liga Hollywoods katapultierten, schossen themenähnliche Franchises wie Pilze aus dem Boden. Die einen mehr («Maze Runner»), die anderen – die meisten um genau zu sein – weniger erfolgreich («Die Bestimmung», «Die 5. Welle», «Hüter der Erinnerung»). Es ist höchste Zeit, dass sie das Erwachsenenkino wieder daran wagt, düstere Zukunftsvisionen auf die Leinwand zu bringen. Und zwar im besten Fall ganz ohne weich waschende Dreiecks-Lovestorys, Aliens oder irgendeinem anderen Teenie-Schnickschnack. «Kaltfront»-Regisseur Valentin Hitz geht mit seiner dritten Langfilmarbeit «Stille Reserven» mit gutem Beispiel voran. Inszenatorisch erinnert sein Science-Fiction-Thriller an den Anfang des Jahres in ausgewählten Kinos erschienenen Filmbeitrag «Volt» von Tarek Ehlail. Beide Produktionen eint die genretypisch tief-pessimistische Weltanschauung: Im in «Volt» gezeichneten Deutschland geriet die Flüchtlingskrise irgendwann außer Kontrolle; so packte man die Migranten zu Hunderten in abgeriegelte Ghettos, eine Parallelgesellschaft voller Hass und Gewalt entstand. «Stille Reserven» spielt im Österreich einer nicht näher definierten Zukunft. Auch hier klafft eine große Lücke zwischen dem Elend der Armen und der Übermacht der Reichen. Doch Schuld daran sind hier nicht etwa die Zuwanderer, sondern die Machtgeilheit der oberen Zehntausend.

Das fehlende Recht auf den Tod


Der Versicherungsagent Vincent Baumann (Clemens Schick), ein kalter Karrierist, Höriger eines gnadenlosen Systems, wird selber Opfer der Konzerne, die er vertritt. Degradiert zum Handlanger, strengt er sich verbissen an, zurückzukommen auf den Arbeitsmarkt, kämpft um den Aufstieg. Dabei erkennt er, dass es noch andere Werte gibt als Einkommen und Erfolg. Und er entscheidet sich gegen seine bisherige Weltanschauung, für einen anderen Menschen, für Lisa Sokulowa (Lena Lauzemis). Eine Zukunft haben die beiden nicht. Aber ein kleiner Triumph bleibt ihnen gegen die Übermacht des herrschenden Systems.

In der Regel gilt der Tod als unser aller Schreckgespenst. Und wenn es in einem Film nicht gerade um das Thema Sterbehilfe geht, gibt es auch nur selten einen Grund, das Ableben einer Figur nicht negativ zu inszenieren. In «Stille Reserven» macht Regisseur und Autor Valentin Hitz nun nicht den Tod an sich zur schrecklichen Vorstellung der handelnden Charaktere, sondern die Aussicht darauf, eben nicht in Frieden sterben zu dürfen. In der Welt seiner in Wien spielenden Geschichte muss man nämlich darauf hoffen, zu Lebzeiten keine Schulden angehäuft zu haben. Sofern man diese bis zu seinem Tod nicht beglichen hat, muss man sie als notdürftig am Leben erhaltener Datenspeicher oder Gebärmaschine ableisten, bis der Staat hat, was ihm zusteht. Um dem zu entgehen, versucht der Vertreter Vincent Baumann sogenannte Todesversicherungen an den Mann oder die Frau zu bringen, damit man sicher sein kann, nach seinem Tod auch tatsächlich tot sein zu dürfen. Gegen dieses Konzept spricht für die Regierung natürlich nichts – außer das Verständnis für Moral und Anstand sowie so etwas Banales wie die Menschenrechte.

Doch Valentin Hitz macht ziemlich schnell deutlich, dass so etwas in «Stille Reserven» nicht (mehr) existiert. Zwar wissen wir nicht, wie viel Zeit zwischen der Gegenwart und den im Film dargestellten Ereignissen vergangen sein soll – im Presseheft ist zudem immer nur von einer „nicht weit entfernten Zukunft“ die Rede. Doch im Anbetracht der dort verwendeten Technik, die in etwa jener entspricht, die auch wir heute schon nutzen, deutet vieles darauf hin, dass das Gezeigte tatsächlich gar nicht so weit weg ist. Entsprechend nah an der heutigen Welt sieht Hitz wohl auch die in seinem Film vorherrschenden, moralischen Standards.

Dystopie ohne jugendlichen Schnickschnack


Diese Ungenauigkeit in der zeitlichen Platzierung erweist sich zugleich als großer Pluspunkt des Films. Mutet das Szenario in «Stille Reserven» zu Beginn noch ziemlich hanebüchen an, offenbaren sich mit der Zeit die kranken Machenschaften der Konzerne und damit ich die sehr nah am heutigen Zeitgeschehen liegende Positionierung der Ereignisse. Tatsächlich spinnt Valentin Hitz einfach nur weiter, was jetzt schon bei vielen (Versicherungs-)Konzernen Gang und Gäbe ist; nicht umsonst hat die Branche ihren schlechten Ruf vor allem daher, dass es immer wieder dazu kommt, dass Kunden erst teure Abschlüsse aufgeschwatzt, diese im Schadensfall jedoch nicht zur Genüge davon entlohnt werden. Es gäbe also kein besseres Business, um die Verrohung der Gesellschaft im Rahmen eines solchen Szenarios aufzuarbeiten; in Teilen ist «Stille Reserven» nämlich nicht bloß fiktive Dystopie, sondern auch bitterböse Satire.

Inmitten dieser stilsicheren Überzeichnung findet sich Clemens Schick («Point Break») wieder. Der kantige Edelmime spielt mit einer solch brillanten Gefühlskälte, dass es ihm gelingt, den Film trotz eher passiven Agierens bravourös auf seinen Schultern zu tragen. Selbst kleinste emotionale Regungen besitzen stets den Unterton des Kalküls; erst im Zusammenspielt mit der nicht minder großartigen Lena Lauzemis («Herbert») taut sein Charakter ein wenig auf, ohne dabei die kühle Unnahbarkeit seiner Figur aus den Augen zu verlieren. Marion Mitterhammer («Am Himmel der Tag») setzt als Vincents knallharte Chefin einprägsame, starte Akzente. Auch Stipe Erceg («Die Vampirschwestern 3 – Reise nach Transsilvanien») fügt sich gut in das charakterstarke Ensemble ein.

Nun steht und fällt in einer Dystopie zwar tatsächlich viel mit der präsentierten Atmosphäre, doch so ganz unwichtig ist die Geschichte nicht. Und hier findet sich leider der ein oder andere Knackpunkt, denn «Stille Reserven» fängt stark an und endet mit einem Schlag in die Magengrube, doch dazwischen tritt der Sci-Fi-Thriller immer mal wieder auf der Stelle. Dies liegt zum einen daran, dass sich Valentin Hitz nicht selten in theoretischen Erklärungen verliert. Wenn er Begriffe wie „Kulturschock“ einstreut, gegen die Schicks Figur Vincent ein Mittel gespritzt bekommt, dann bekommt man als Zuschauer keine Vorstellung davon, was genau das eigentlich ist. Zudem hält sich das Drehbuch viel zu lange daran auf, welche Möglichkeiten der Abschluss der Versicherung bietet und welche nicht. Bis der eigentliche Plot rund um den Zusammenschluss zwischen Vincent und Lisa in Gang kommt, dauert es rund eine dreiviertel Stunde. Fortan verschmelzen beide Ansichten auf das Thema Todesversicherungen zu einer, es kommt zu einer zarten, das Geschehen einerseits ausbremsenden, aufgrund der Frage nach Kalkül jedoch auch vorantreibenden Romanze sowie zu Plänen, die den Sturz der Behörden anvisieren.

Hier gerät «Stille Reserven» in genretypische Bahnen, besitzt aber den großen Vorteil der elegant-erwachsenen Inszenierung. Das mag zwar dafür sorgen, dass hier mehr geredet, weniger gekämpft und fokussierter kalkuliert wird als in «Die Bestimmung» und Co., doch all das hier hat tatsächlich Hand und Fuß. Schade, dass „Stille Reserven“ diese Stärken erst so spät erkennt.

Fazit


«Stille Reserven» ist eine atmosphärische Dystopie, die trotz ihres abgehobenen Szenarios mit Realitätsnähe und Bodenständigkeit besticht. Der Cast spielt überragend, doch leider kommt Valentin Hitz‘ Film erst spät in Gang. Bis dahin muss sich der Zuschauer leider durch allzu viel Theorie kämpfen, wird aber dafür mit einem nachhallenden Finale belohnt.

«Stille Reserven» ist ab dem 20. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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