Serien-Update

«Switched at Birth»

von
Auf exorbitante 32 Folgen kommt die großartige ABC-Family-Serie in ihrer ersten Staffel. Christian Wischofsky blickt auf eine starke Formkurve zurück.

Die Produktionsmaschine von ABC Family war in diesem Sommer aktiver denn je. Mit vier neuen Serien fanden die Zuschauer genügend Material, um die Ferien vor den Flachbildschirmen zu überbrücken, und zusammen mit drei zurückkehrenden Serien wollte der familienbetonte Kabelsender eine ernstzunehmende Konkurrenz im TV-Geschäft sein. Dass es am Ende nicht so funktionierte, wie es die Anzugträger in den ABC-Büros wollten, hat jedoch nicht mit der Qualität der Serien zu tun. Ganz im Gegenteil: Mit «Switched at Birth» konnte einer der Neustarts positiv überraschen, und dass, nachdem die Pilotfolge dank ihrer übereifrigen Hektik schon als qualitativer Fehlstart ins Quotenrennen gegangen war.

Doch was die Familienserie in ihren neun darauffolgenden Episoden zu bieten hatte, konnte man als erfahrener TV-Zuschauer kaum ahnen. Speziell nach dem Piloten, welcher den Anschein hatte, als hätten die Autoren das Storyboard einer kompletten Staffel verwendet. Das führte dazu, dass die erste Stunde vollkommen überladen mit Geschichten war, und den Zuschauern keine Chance gab, die Charaktere näher kennen zu lernen. Zusätzlich gab es in der Fülle von Geschichten auch keine Möglichkeit, die Welt und Gefühle der Gehörlosen in die Serie unterzubringen. «Switched at Birth» hatte von Grund auf eine fantastische Idee, indem die Serie sich mit der Randgruppe der Gehörlosen beschäftigt und diese als Hauptcharaktere in einer Dramaserie darstellt (was von allein schon ein Novum im amerikanischen TV ist), doch hatte man nach dem Piloten nicht das Gefühl, dass «Switched at Birth» eine außergewöhnliche Serie sein wird. Stattdessen war die Serie nur ein weiteres Familiendrama im Meer von Familiendramen, welches nicht durchschnittlicher hätte sein können.

Das Autorenteam rund um Lizzy Weiss («Cashmere Mafia») hat jedoch in Windeseile dazugelernt und viele der kreativen Fehler der ersten paar Folgen erkannt und ausgemerzt. Statt die Episoden mit unnötig aufgeblähten Geschichten zu füllen, fokussierte man sich auf die Charaktere, sowie auf das Leben von Gehörlosen, die auch in der heutigen Gesellschaft mit Klischees seitens der „Normalos“ zu kämpfen haben. Die Serie machte auch keinen Halt daraus den Zuschauern zu suggerieren, wie es sich in der gehörlosen Welt anfühlt: Die Szenen, in denen die gehörlosen Charaktere mit Zeichensprache kommunizieren, sind frei von jeglichen Soundeffekten mit der Ausnahme von Umgebungsgeräuschen, und bieten einen authentischen Einblick in die Welt der Hörbehinderten. Dass genau dieser Einblick in den ersten Episoden nicht funktionierte (auf Grund der Tatsache, dass die Produzenten sich entschieden haben, einen Song während dieser Szenen einzuspielen), ist nur einer der Faktoren, warum der Start der Serie kreativ in den Sand gesetzt wurde. Doch in den darauffolgenden Episoden hat genau diese Szenerie wunderbar funktioniert. Nicht nur waren es interessante Einblicke in eine unbekannte Welt der Wahrnehmung, man hatte als Zuschauer teilweise das Gefühl, dass die gehörlosen Darsteller, vor allem Katie Leclerc und Sean Berdy, bessere Schauspieler sind als der Rest des Casts.

Der komplette Cast ist es auch, welcher seine Charaktere authentisch darstellen kann, ohne mit Übereifrigkeit die Gehörlosenwelt darzustellen, oder übertrieben zu wirken. Vanessa Marano, deren Rolle im frühen Stadium der Staffel noch leicht nervige Züge hatte, machte dabei die größte und positivste Entwicklung durch und gilt inzwischen als junge Darstellerin, auf die man ein Auge geworfen haben sollte. Selbiges gilt auch für Katie Leclerc, die mit «Switched at Birth» zum neuen TV-Star aufsteigen könnte. Beide Darstellerinnen ergänzen sich wunderbar, und ihre Charaktere sind auch noch nach zehn Episoden hoch interessant; haben vor allem eine Entwicklung innerhalb der Seriengeschichte durchgemacht, die für TV-Autoren beispielhaft sein sollte. Immerhin ist es nicht für gewöhnlich zu nehmen, dass in Familiendramen zwei Charaktere in ihren Teenagerjahren innerhalb von zehn Episoden eine rasante Entwicklung hinnehmen, ohne dass es sich anfühlt, als wäre es zu viel des Guten – das genaue Gegenteil, was im Piloten zu sehen war.

«Switched at Birth» ist Qualität in Serie. Für viele Zuschauer sicherlich überraschend, wenn man bedenkt, auf welchem Sender die Serie läuft. Doch das Publikum hat die Qualität schnell erkannt und machte «Switched at Birth» zum erfolgreichsten Serienstart in der Geschichte von ABC Family. Nicht umsonst wurde die Staffel gleich um üppige 22 Episoden verlängert, was die Episodenzahl der Premierenstaffel auf extraorbitante 32 Episoden bringt. Im Januar 2012 kehrt die Serie auf die Bildschirme zurück. Bis dahin haben die Autoren genügend Zeit, um die Staffel so vorzubereiten, dass die Qualität der letzten acht Episoden auch gehalten werden kann.



Der Erfolg der Serie liegt in der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Bay Kennish und Daphne Vasquez. Eine Beziehung, die im Schock nach der Vertauschung ihren Ursprung; über die verschiedenen Ansichten ihrer gesetzlichen und ihrer leiblichen Eltern ihre Tiefe; und in den romantischen Beziehungen zu Emmett, Daphnes besten Freund seit Kindertagen, die ersten Risse findet. Innerhalb von zehn Folgen ist viel passiert, doch im Gegensatz zum hektisch überladenen Piloten wirkt der Rest des ersten Staffeldrittels nicht, als würde der Zuschauer mit einem Haufen von Storyideen bombardiert. Ganz im Gegenteil: Die Serie wirkte nach ihrer Premiere viel natürlicher, da die Autoren sich Zeit für die jeweiligen Entwicklungen genommen haben, anstatt eine Information nach der anderen zu geben, ohne auf die Stärke der Charaktere zu setzen.

Dass die Charaktere auch noch authentisch sind und natürlich handeln, macht es noch einfacher, «Switched at Birth» zu mögen. Allein schon die Episode, in der Reginas großes Geheimnis ans Tageslicht kommt, zeugt von fantastischem Schauspiel und emotionaler Dramatik, die nie aufgesetzt und immer verständlich wirkt. Zwar wurde Regina zu Beginn der Staffel noch leicht als Antagonist dargestellt, nachdem sie kein Interesse an den Vorbereitungen der Gerichtsverhandlung gegen das beteiligte Krankenhaus entwickelte, und auch Bay keinerlei Informationen über ihren leiblichen Vater geben wollte, doch am Ende der Story schienen nicht nur Reginas Gründe für ihre Geheimniskrämerei einleuchtend, ihr Charakter bekam auch noch den besten Moment der gesamten zehn Folgen spendiert. Und ganz nebenbei haben die Autoren auch gezeigt, dass sie die Geheimnisse der einzelnen Geschichten nicht über mehrere Episoden schleppen wollen. Nein, die Kennish-Familie erfährt von Reginas Geheimnis nach acht Episoden, und selbst Bays mysteriöser Vater, der auch eine leicht tragische Geschichte mit Daphne teilt, steht am Ende der Ministaffel auf der Türmatte, mit weiteren Geheimnissen im Gepäck.

Zu guter Letzt ist auch die Chemie der Darsteller deutlich spürbar, was dem tadellosen Schauspiels des Casts zu verdanken ist. Einzig Schwierigkeiten macht nur D.W. Moffett in der Rolle von John Kennish. Sein Egoismus führte zu einigen augenrollenden Momenten und sein Verhalten als Frontrunner der Geschehnisse und Entscheidungen innerhalb der Familien lässt ihn häufig als Arschloch dastehen. Das kann vor allem für Zuschauer nervend sein, die Moffett in einem sehr ähnlichen Charakter zuvor in «Friday Night Lights» sahen. Es wäre von Vorteil, wenn die Autoren Moffett in der Zukunft die Möglichkeit geben, aus diesem Rollenfach auszutreten, bevor seine Rolle mit der Zeit zu übertrieben wirkt.

Nach all den lobenden Worten sollten die Autoren jedoch auch einen Weg finden, um die typischen Kinderkrankheiten in Sachen Kontinuität auszumerzen. Einige Storys machten den Eindruck, als wären sie in die Episoden hineingeworfen worden, weil es an Material für eine volle Stunde fehlte. Besonders Bays erste Romanze mit Ty, der nach fünf Episoden gen Militär verschwand, war in den darauffolgenden Episoden vollkommen vergessen; besonders nachdem Bay und Emmett als ein Paar zusammengebracht wurden – als hätte es nie die Beziehung zwischen Bay und Ty vor zwei Episoden gegeben. Selbiges gilt für Reginas Wunschtraum, einen eigenen Friseursalon eröffnen zu wollen – eine Geschichte, die zur Zeit nicht recht ins Geschehen hineinpassen will. In der Hinsicht haben die Autoren also noch einiges an Arbeit vor sich, doch «Switched at Birth» zeigte, dass der erste Eindruck einer Serie auch falsch sein kann. Nicht umsonst ist das neue Familiendrama neben MTVs «Teen Wolf» der Überraschungserfolg der Sommersaison.

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