Die Kino-Kritiker

«Willkommen im Wunder Park» - Trauerarbeit für die ganze Familie

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Eine Geschichte über den Umgang mit einem bevorstehenden Verlust vor der Kulisse eines grell-bunten Freizeitparks – diese abenteuerliche Mischung geht im Animationsfilm «Willkommen im Wunder Park» ganz hervorragend auf.

«Willkommen im Wunder Park»

  • Start: 11. April 2019
  • Genre: Animation/Abenteuer
  • Laufzeit: 85 Min.
  • FSK: o.Al.
  • Kamera: Juan García Gonzalez
  • Musik: Steven Price
  • Buch: Josh Appelbaum, André Nemec
  • Regie: -
  • Deutsche Sprecher: Lena Meyer-Landrut, Faisal Kawusi, Dorette Hugo, Lo & Leduc
  • OT: Wonder Park (ESP/USA 2019)
Der Animationsfilm «Willkommen im Wunder Park» hatte vor seiner Veröffentlichung im März dieses Jahres in den Vereinigten Staaten mit so einigen Negativschlagzeilen zu kämpfen. Vor allem die undurchschaubare Regiepersonalie geriet ins Zentrum der Berichterstattung, denn nach aktuellem Stand hat die spanisch-amerikanische Co-Produktion offiziell keinen Regisseur. Der ursprünglich für diesen Posten engagierte Dylan Brown, der lange Zeit bei Pixar tätig war, eh er in Hollywood in Ungnade fiel, wurde während der späteren Produktionsphase von «Willkommen im Wunder Park» des unerwünschten Verhaltens gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bezichtigt. Eine solch unangenehme Fußnote wirkt sich gerade in den USA nicht selten auf das Einspielergebnis eines Films aus. Und so floppte «Willkommen im Wunder Park» in den Staaten grandios; spielte gerade einmal 60 Millionen Dollar ein und damit noch nicht einmal die Kosten, die das Projekt vorab verschlang. Gerade im normalerweise besonders besucherstarken Familienfilmsektor ist eine solche Bruchlandung eine Seltenheit.

Und sie ist obendrein auch besonders schade, denn «Willkommen im Wunder Park» ist ein gleichermaßen spaßiges wie melancholisches Abenteuer, in dem die Drehbuchautoren Josh Appelbaum und André Nemec (schrieben gemeinsam Skripte zu solch unterschiedlichen Filmen wie «Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows» und «Mission: Impossible – Phantom Protokoll») ernste Themen wie Verlustangst und Depressionen kindgerecht aufbereiten.

Von heute auf morgen erwachsen


Die kleine June (in der deutschen Fassung: Lena Meyer-Landrut) ist ein aufgewecktes junges Mädchen mit blühender Fantasie und Vorstellungskraft, das gemeinsam mit seiner Mutter am Modell eines Freizeitparks baut. Bis diese eines Tages ins Krankenhaus muss. Für June bricht eine Welt zusammen. Doch dann entdeckt sie wenig später mitten im Wald einen magischen Vergnügungspark – den Wunder Park! Neben aufregenden Achterbahnen und sprechenden Tieren bietet er auch sonst alles, was ihr Herz begehrt. Aber irgendetwas stimmt hier nicht, es herrscht Chaos und der Park scheint in Gefahr zu sein. June erkennt schnell, dass dieser wundervolle Ort durch ihre eigene Vorstellungskraft entstanden ist und somit auch nur sie ihn retten kann. Sie verbündet sich mit den Tieren und heckt einen Plan aus, um diesen verwunschenen Ort zu bewahren und ihm den Zauber wiederzugeben, den sie sich einst erträumt hat…

Vor knapp vier Jahren begeisterte der zu Disney gehörende Animationsfilmgigant Pixar in seinem oscarprämierten Meisterwerk «Alles steht Kopf» mit der Idee, das Innere der menschlichen Psyche zu veranschaulichen und mithilfe der personifizierten Emotionen Freude, Trauer, Wut, Angst und Ekel die Entstehung von Depressionen leicht verdaulich zu erklären. Der Film begeisterte Menschen rund um den Globus und erhielt – sicher auch aufgrund der millionenschweren PR-Maschinerie – viel Aufmerksamkeit. Ebendiese ist «Willkommen im Wunder Park» nun nicht vergönnt und wir wollen an dieser Stelle auch nicht so weit gehen, die zwischen 80 und 100 Millionen Dollar teure Produktion mit «Alles steht Kopf» zu vergleichen; dafür haben die Regisseure Pete Docter und Ronnie Del Carmen ihre Vision damals noch einen ganzen Deut smarter und subversiver inszeniert, als es nun im Falle von «Willkommen im Wunder Park» geschehen ist.

Trotzdem gehen die Macher auch mit diesem Film in eine ähnliche Richtung und etablieren ein ernstes, in der Realität verwurzeltes Szenario, das sie später mithilfe von Fantasieelementen überhöhen und anhand dieser veranschaulichen, wie es im Inneren der Hauptfigur June aussieht.

Damit das gelingt, beginnen die Macher ihren «Willkommen im Wunder Park» mit einem Prolog, der ebenfalls an einen Pixar-Film, in diesem Fall allerdings an «Oben» erinnert: Anstatt im Zeitraffer das Leben eines Greisen an uns vorbeirasen zu sehen, zeigen uns Josh Appelbaum und André Nemec Eindrücke aus dem Zusammenleben zwischen June und ihren Eltern; ein harmonisches, fantasievolles und friedvolles Familienleben, das jäh zerstört wird, als Junes Mutter aufgrund einer schweren Krankheit plötzlich ins Krankenhaus muss und das junge Mädchen von einem Tag auf den anderen gezwungen ist, erwachsen zu werden. Diese wenigen Szenen reichen aus, um nicht nur das enge Band zwischen Mutter und Tochter (der Vater kommt an dieser Stelle etwas kurz) hervorzuheben, sondern vor allem, um aufzuzeigen, wie eng die schöpferische Kraft der Fantasie an Junes unbeschwertes Kindsein gekoppelt ist.

Als sie wenig später das Modell ihres gemeinsam mit der Mutter erbauten Freizeitparks im Schrank verstaut, dominiert optisch ein Grau-in-Grau und die zuvor so leichtfüßige Inszenierung gewinnt in jeglicher Hinsicht an Düsternis.

Spaß mit ernstem Hintergrund


Im Film selbst ist der Wunder Park für June real; doch die sprechenden Tiere, die spektakulären Attraktionen und die flauschigen (aber nicht zu unterschätzenden!) Horden zerstörerischer Affen symbolisieren in erster Linie die angeschlagene Psyche der Protagonistin, deren Seelenleben direkt mit dem Zustand des heruntergekommenen Parks verknüpft ist. Diese Grundidee mag auf den ersten Blick etwas naiv klingen; selbst der sich vor allem auf die Grundlagen der Psychologie verlassende «Alles steht Kopf» war im Umgang mit der Thematik deutlich komplexer. Doch «Willkommen im Wunder Park» richtet sich mit seiner simplen Veranschaulichung klar an ein junges Publikum, dem die Macher anhand der leicht zu dechiffrierenden Bilder erläutern können, weshalb es wichtig ist, Trauer zuzulassen, aber auch zu verarbeiten.

Darüber hinaus kreieren die Verantwortlichen im Detail Bilder, mit denen sie auch ein älteres Publikum abholen: Eine düstere, über dem heruntergekommenen Park schwebende Wolke erinnert optisch stark an ein Krebsgeschwür. Und wenn die Affenhorden wieder einmal alles und jeden niedertrampeln und dabei in einem roten luftleeren Raum landen, schweben sie durch die Gänge wie Krankheitserreger in der Blutbahn.

Als wollten sie derart starken Tobak zwingend wieder ausgleichen, um die jungen Zuschauer nicht zu sehr zu überfordern, ist «Willkommen im Wunderpark» zudem gespickt mit Actionsequenzen; schließlich soll hier in erster Linie ja der Park gerettet und auf Vordermann gebracht werden. Dafür ist das Setting eines Freizeitparks natürlich ideal. Es macht einfach Spaß, gemeinsam mit den Figuren Achterbahnen hinunterzusausen und dabei zuzusehen, wie der Wunder Park mit jeder weiteren in Stand gesetzten Attraktion immer farbenfroher wird. Trotzdem ist der Film vor allem dann am stärksten, wenn das Abenteuer und der erzählerische Anspruch Hand in Hand gehen. Und da das auch die stets um Emotionalität bedachten Synchronsprecher, unter denen neben Lena Meyer-Landrut («Trolls») vor allem der als Voice-Actor debütierende Comedian Faisal Kawusi heraussticht, verinnerlicht zu haben scheinen, ist «Willkommen im Wunder Park» ein etwas anderer Familienfilm, auf den man sich dank der vielen Mainstream-Zugeständnisse allerdings hervorragend einlassen kann.

Fazit


Das hübsch animierte und mit starken Synchronsprechern bestückte Animationsabenteuer «Willkommen im Wunder Park» kombiniert ein aufregendes Action-Abenteuer rund um die Rettung eines magischen Freizeitparks mit einer herzergreifenden Geschichte über Verlust und Trauerarbeit.

«Willkommen im Wunder Park» ist ab dem 11. April in den deutschen Kinos zu sehen.

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