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Hans-Achim Günther : 'Man darf sich nicht auf den Schlips getreten fühlen'

von   |  1 Kommentar

Bevor fremdsprachige Serien mit einer deutschen Tonspur versehen werden, muss ein deutsches Dialogbuch verfasst werden. Und davor? Da sind Übersetzerinnen und Übersetzer am Werk, denen die Freiheit zukommt, keine lippensynchronen Texte schreiben zu müssen. Sie haben die Aufgabe, dem Synchronbuch diverse Optionen anzubieten.

Jeder hat da andere Methoden – ich biete meistens zwei oder gar mehrere Optionen an. Eine, die sehr wortgetreu ist, und mindestens eine, die etwas freier ist – also eine sinngemäße Übersetzung. Meine bevorzugte Übertragung gebe ich als erste Fassung an, den Rest als Alternativen.
Hans-Achim Günther
Synchronarbeit ist Teamarbeit. Schließlich spricht nicht einfach eine unmotivierte Stimme über die Originaltonspur drüber. Es soll die Illusion entstehen, die Serie oder den Film in der Sprache zu hören, in dem das Projekt auch ursprünglich verwirklicht wurde. Und damit dies gelingt, wird meistens schon beim Texten auf Teamwork gesetzt. Bevor sich jemand den Kopf zerbricht, wie deutsche Sätze auf englische (oder französische, italienische, japanische, etc.) Mundbewegungen passen, sitzt eine andere Person über dem Originaltext und werkelt zunächst einmal an der von allen nachfolgenden Synchronisationsschwierigkeiten losgelösten ersten Fassung. Ein solcher Synchronübersetzer, der der späteren Synchronbuchautorin oder dem Synchronbuchautor zuarbeitet, ist Hans-Achim Günther.

Die Arbeit in seinem fast ausschließlich von Freelancern ausgefüllten Metier darf man sich so vorstellen: Der Übersetzer nimmt die Dialoge aus der Originalserie und übersetzt diese so, als sei er damit beauftragt, ein Theaterstück ins Deutsche zu übertragen. Er entscheidet völlig frei vom Druck, lippensynchrone Dialogzeilen anzubieten, welche Formulierung das im Original Gesagte am präzisesten in unserer Sprache ausdrückt. "Jeder hat da andere Methoden – ich biete meistens zwei oder gar mehrere Optionen an. Eine, die sehr wortgetreu ist, und mindestens eine, die etwas freier ist – also eine sinngemäße Übersetzung. Meine bevorzugte Übertragung gebe ich als erste Fassung an, den Rest als Alternativen."

Wie Günther erklärt, müssen Eitelkeiten bei dieser Arbeit völlig abgelegt werden. "Es sind dann nachher der Synchrontexter und die Regie, die entscheiden, welche Version genommen und in eine synchrone Form gebracht wird. Wenn man in meinem Bereich arbeitet, darf man sich nicht auf den Schlips getreten fühlen – es kommt öfter vor, dass andere Alternativen gewählt werden, das gehört zum Job dazu."

Es geht in diesem Fach viel um Sprachgefühl, und da bringt jeder andere Feinheiten mit. Und obwohl hin und wieder Kreativität gefragt ist, sollte man sich inhaltlich so eng wie möglich an der Vorlage orientieren. Gerade bei gesprochener Sprache kann es nicht schaden, den Text aus mehreren Blickwinkeln zu beäugen.
Hans-Achim Günther
Wieso es trotzdem die Profession des Synchronübersetzers gibt, wenn doch am Ende andere Leute über die Texte bestimmen, die den Film- und Serienfiguren in den Mund gelegt werden? "Manche Synchrontexter können nicht auf dem Niveau Englisch, auf dem es von professionellen Übersetzern verlangt wird. Daher brauchen sie die Vorlage von uns, um sich völlig darauf konzentrieren zu können, dass es auf Deutsch in lippensynchroner Form noch immer gut klingt. Andere können makelloses Englisch, wollen aber gerne eine zweite Meinung haben." Weiter erklärt Günther: "Es geht in diesem Fach viel um Sprachgefühl, und da bringt jeder andere Feinheiten mit. Und obwohl hin und wieder Kreativität gefragt ist, sollte man sich inhaltlich so eng wie möglich an der Vorlage orientieren. Gerade bei gesprochener Sprache kann es nicht schaden, den Text aus mehreren Blickwinkeln zu beäugen."

Im Synchronmetier sind laut Günther meistens nur Übersetzerinnen und Übersetzer unterwegs, die sich auf eine einzelne Fremdsprache spezialisiert haben. "Der Zeitdruck bei der Arbeit ist so hoch, dass man recht souverän in der Ausgangssprache sein muss. Wenn man zu häufig einen Slang- oder sonstigen Begriff nachschlagen muss, ist das nicht effizient. Daher arbeiten im Synchronübersetzen hauptsächlich Leute, die sich auf eine Sprache beschränken und sich dafür mit ihr intensiv befassen." Günther pflegt etwa Freundschaften ins englischsprachige Ausland und reist häufig in die USA, zudem schaut er viele Filme in englischer Sprache, um bei sprachlichen Wandlungen auf dem Laufenden zu bleiben. "Und um ein gutes Gefühl für das junge Deutsch zu haben, höre ich zum Beispiel immer mit gespitztem Ohr zu, wenn meine 16-jährige Tochter und ihre Freunde sich unterhalten. Als Synchronübersetzer muss man viel mit der 'echten' Sprache interagieren, die wirklich gesprochen wird – man darf sich nicht auf dem 'korrekten' Deutsch aus seiner Schulzeit ausruhen."

Von strengem Sprachpurismus hält er konsequenterweise nichts – der Sprachgebrauch wandelt sich, und es wäre unsinnig, in Synchronisationen künstlich ein Deutsch aufrecht zu erhalten, das so nicht verwendet wird. "Wenn jemand angeschossen wird, und dann eine andere Figur auf ihn zu rennt und fragt: 'Wie geht es dir?', finde ich das seltsam. In solch einer Situation fragt man eher: 'Bist du okay?'", findet Günther, selbst wenn die Formulierung bei manchen Film- und Serienliebhabern als "Synchrondeutsch" verpönt ist. "Aber es kommt selbstredend immer auf den Kontext an – und eine Spur eigener Geschmack kommt noch dazu. Die Regie hat bei solchen Fällen das letzte Wort", so Günther.

Zudem ist Günther ein Befürworter davon, Lokalkolorit in der Synchronfassung beizubehalten. "Die Entscheidung liegt bei so etwas nicht bei mir, aber ich markiere es meist als meine bevorzugte Fassung, Eigennamen und ähnliches aus dem Original zu übernehmen. Ich würde davon nur abweichen, wenn diese Eigennamen eher obskure Vokabeln oder Markennamen beinhalten oder wenn auf ihnen basierend ein Wortspiel gemacht wird. Dann sollte man den Begriff eindeutschen, denn in dem Fall ist die Verständlichkeit der Textpassage wichtiger als die Einfärbung durch das Lokalkolorit."

Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, genau darauf zu achten: Welche Figur spricht da gerade? Welchen Bildungsgrad hat sie, welchen Soziolekt spricht sie? In welcher Situation befindet sie sich?
Hans-Achim Günther
Selbst wenn er dem Gebrauch von Anglizismen gegenüber aufgeschlossen ist, betont Günther: "Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, genau darauf zu achten: Welche Figur spricht da gerade? Welchen Bildungsgrad hat sie, welchen Soziolekt spricht sie? In welcher Situation befindet sie sich? Die Wortwahl hängt sehr davon ab. Ist da ein Linguistikprofessor im Hörsaal oder an der Tankstelle, verteidigt sich ein Drogendealer vor Gericht oder steht er an der Straßenecke? Wir Übersetzer müssen den Originaltext und den Kontext analysieren und entscheiden, wie man dies im Deutschen genau so ausgedrückt hätte."

Im Schnitt verschlingt eine 45-minütige Serienfolge zwei Arbeitstage. "Ich bin aber nicht der schnellste Arbeiter in meinem Metier", räumt Günther ein. "Manche Kollegen sind zügiger – und kommen daher besser mit dem Geld aus. Ich mit meinem Arbeitstempo finde, dass wir Synchronübersetzer schon ein wenig unterbezahlt sind", lacht er. Den Beruf würde er dennoch nicht wechseln. "Früher habe ich auch Geschäftsberichte übersetzt, da steht mehr Zeit zur Verfügung und es gibt auch eine höhere Vergütung. Aber das wurde mir zu langweilig. Synchronübersetzen macht einfach viel mehr Spaß."

Die Gilde

Hans-Achim Günther ist Mitglied bei "Synchronverband e.V. – Die Gilde". Mehr über die Arbeit der Gilde gibt es hier zu lesen.
Günthers Lieblingsprojekte unter "seinen" Serien? Da wäre einerseits die Western-Serie «Deadwood», auch wenn er einräumt, dass die sehr dialektgetriebenen englischen Dialoge "nicht authentisch zu übersetzen waren". Gelungen sei die deutsche Fassung dennoch. "Man kann vieles, was die Übersetzung nicht leisten kann, durch Stimmfarbe, die Härte der Aussprache und die Größe des Sprachschatzes einer Figur kompensieren", findet der Übersetzer, der seine Karriere mit der «Hawaii Fünf-Null»-Originalserie begonnen hat.

Außerdem hat er unter "seinen" Serien sehr großen Gefallen an «Transparent» gefunden sowie an «Modern Family». Beide sind für ihn gute Beispiele für stimmig besetzte, gut geschriebene, progressive Comedyserien – und im Falle von «Modern Family» ist es ihm "unbegreiflich, wieso sie in Deutschland kein Knaller wurde." Dass dafür «Hawaii Five-0» in Deutschland ein Erfolg ist, kann er nicht so ganz nachvollziehen: "Aber da bin ich wohl befangen."

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
30.03.2018 15:52 Uhr 1
Danke @sid für diesen Report!! Auf einer sehr bekannten Serien Seite gbts schon seit zig Wochen mal wieder zig Diskussionen über die Synchron Schauspieler und deren Arbeit!

Es gibt ja auch auf youtube einige, sehr interessante Interviews mit SynchronSchauspielern und Ihrer Arbeit!


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Übrigens, mal eine Anregung, oder eine Idee: es wird derzeit sehr viel sogar über das "Xten" gesprochen, also, dieses "Alleine" im SynchronStudio Stehen, was in etwa seit 10 Jahren wohl zur Normalität geworden ist, aber viele SynchronSchauspieler das garnicht gut finden....die wenigsten aber schobn!! Vielleicht könntet Ihr/Du ja mal über dieses Thema was Schreiben...??

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