Lethargie im Versuchslabor: Was vom ‚TVLab‘ bleibt

Mit «NeoManiacs» startete dieser Tage ein TVLab-Gewinner, der so eigentlich nie auf Sendung gehen sollte. Was blieb bisher übrig von den Gewinnern des Fernseh-Versuchlabors?

„Das ZDF traut sich mal etwas. Besser gesagt der kleine Schwestersender ZDFneo, der erst einmal Versuchskaninchen spielen darf. […] TV Lab soll etwas frischen Wind in die öffentlich-rechtliche Fernsehlandschaft bringen und Formaten eine Chance geben, die aus deutscher Feder stammen und nicht aus dem Ausland zusammengekauft wurden“, schrieb Julian Miller im Jahre 2011 für Quotenmeter über das damals spannende neue Projekt „TVLab“ (siehe Info-Box). Das Fernsehversuchslabor, in dem ZDFneo zum Start zehn Pilotsendungen möglicher künftiger Formate auf Sendung schickte, über dessen Zukunft die Zuschauer per Abstimmungsverfahren entscheiden konnten, dachte Fernsehen neu und wurde dem Anspruch des damals noch blutjungen ZDFneo gerecht, mit dem Spartenkanal eine Innovationsplattform bereitzustellen, die Nachwuchstalenten eine Chance gibt.

Knapp fünfeinhalb Jahre später scheint vom ursprünglichen Anspruch des aufregenden Projekts TVLab jedoch nicht mehr viel übrig zu sein. Verflogen ist er, der frische Wind, mit dem ZDFneo in den frühen Stadien seines Fernseh-Experiments noch dem stets gehegten Wunsch der Zuschauer nachkam, diese endlich selbst über ihr TV-Programm entscheiden zu lassen. Zeit, auf die Produkte des TVLab zurückzublicken und Bilanz zu ziehen.

Die Chemie stimmt: Ein aufregender Start im Fernsehlabor


Das erste TVLab im Jahre 2011 hielt, was sich sowohl ZDFneo als auch die Fernsehzuschauer von der Experimentierplattform erwarteten. Zirka 17.000 Votes gingen im Rahmen der ersten Abstimmungsrunde ein, woraus der aus YouTube bekannte Comedian Tedros „Teddy“ Teclebrhan mit seinem Comedyformat «Teddy's Show» als Sieger hervorging. ZDFneo gab den Fernsehenden die Macht und wurde ihrem Wunsch gerecht. Dass die basisdemokratische Verfahrensweise nicht immer zur qualitativ besten Lösung führt, zeigte sich jedoch schnell anhand der Reaktionen auf den ersten TVLab-Sieger. Im Vergleich zum restlichen Teilnehmerfeld, darüber war sich ein Großteil der Rezensenten schnell einig, verfügte die mit Einspielern unterfütterte Live-Show eher über weniger Originalität und Innovationen. Auch die Chancenungleichheit wurde bemängelt, habe doch Teddy mit seinem bereits etablierten YouTube-Kanal und vielen Fans ungleich höhere Siegchancen als unbekannte Gesichter. Nach einem kurzen Ausstrahlungsfenster von Mai bis Juli 2012 erwies sich das Format im Sommer 2012 dann auch als nicht besonders langlebig, eine Weiterführung blieb der Show verwehrt.

Doch es blieb nicht allein dabei, denn auch die zweit- und drittplatzierten Formate des ersten ZDFneo-TVLabs wurden fortgeführt: Die Reportagereihe «German Angst» und das nachdenklich-jugendliche Magazin «Bambule» landeten beim Voting nur um wenige Nachkommastellen hinter Teddy und erhielten von ZDFneo ebenfalls die Gelegenheit, mit neuen Folgen zu überzeugen. «Bambule», moderiert von Sarah Kuttner, debütierte im März 2012, zählte vier Staffeln und lief immerhin noch bis Herbst 2013 als fester Bestandteil des ZDFneo-Donnerstags. Die Presenter-Reportage «German Angst», in der Micky Beisenherz sich aufmachte, die Gefühlswelt der Deutschen zu erforschen, ging im August 2012 für kurze Zeit auf Sendung und wurde von Zuschauern und Kritikern viel gelobt – auch danach war jedoch schnell Schluss.

Sogar der Viertplatzierte des Votings (das Kinomagazin «Movieacs») ging schließlich in Serie, wurde nach sehr kurzem Einsatz aber als reguläres ZDFneo-Format eingestellt - aus „Kostengründen“, wie es offiziell hieß. So wurden erfreulicherweise gleich vier statt nur eines der vorgestellten Formate produziert. Diese brachten mal mehr mal weniger Innovation mit sich, außerdem nur wenige ganz unverbrauchte Personen und meist ein jähes Ende. Dass mit «Bambule» das Format mit dem bekanntesten Gesicht trotz dem dritten Platz in der Abstimmung am schnellsten einen regulären Sendeplatz erhielt und nicht etwa der Sieger, warf bereits früh Fragen auf.

Runde Zwei: Enthusiasmus und Nachhaltigkeit lassen nach


Als weniger ergiebig, dafür als nachhaltiger, erwies sich das TVLab 2012. Der Umfragegewinner, die anarchische Zeichentrickserie «Deutsches Fleisch», gelangte erst eineinhalb Jahre nach der Abstimmung, die nun noch 6051 Stimmen aufwies, ins ZDFneo-Programm. Der späte Start zog verhaltene Kritiken und nur eine Staffel nach sich. Ohnehin schien es, als habe ZDFneo etwas den Enthusiasmus für seine Fernsehversuchsreihe verloren. Nur sieben statt zuvor zehn Sendungen, keine Interviews mehr mit den Machern und auch die Anmoderationen der Formate fielen kürzer aus.

Dennoch entwickelte sich aus dem TVLab 2012 nicht nur das späte und kurze Intermezzo von «Deutsches Fleisch», zwei weitere der vorgestellten Formate fanden ebenfalls irgendwie ihren Weg ins ZDFneo-Programm. Während das zweitplatzierte Format «Kampfansage» kommentarlos übergangen wurde, setzte ZDFneo den Sextalk «Heiß & Fettig» fort – vor neuer Kulisse, unter neuer Moderation, mit immerhin ganz soliden Quoten und zwei Staffeln zwischen Juli 2013 und Juni 2014. Das „Food Adventure“ «Beef Buddies», eines der weniger diskutierten Formate des TVLab 2012, erhielt überraschenderweise ebenfalls eine zehnteilige Staffel, die als einzige der drei Sendungen noch im gleichen Sommer startete. Zufall?

Ernste Zweifel am Konzept


Schon nach dem zweiten TVLab, konnten sich Zuschauer also nicht zu gewiss sein, in Kürze noch viele Ausgaben des Gewinnerformats zu erhalten. Viel eher machte das TVLab bereits im zweiten Jahr den Eindruck eines generellen Testfensters. Dieser Eindruck bestätigte sich auch 2013: Vom 22. bis zum 27. August schickte ZDFneo erneut sieben Piloten auf Sendung, wobei sich das von Jochen Schropp moderierte Family Entertainment «Tohuwabohu» durchsetzte, in dessen Pilot Jeanette Biedermann und Ross Anthony einen Tag lang Kinder bespaßten. Doch eine echte Chance erhielt «Tohuwabohu» nicht. Nachdem noch am 29. August eine weitere Ausgabe des Formats gezeigt wurde, ging die Encanto-Produktion erst ein Jahr später auf Sendung. Der Sendeplatz am Samstag um 13 Uhr qualifizierte sich nicht einmal für die Kinder-Primetime.

War ZDFneo mit dem Erfolg von «Tohuwabohu» vielleicht nicht zufrieden? Zumindest kam die Sendung, in der zwei Promis um die Gunst einer Kindergruppe buhlten eher ruhig bis unauffällig daher, nichts was man einem Projekt auf die Fahne schreiben würde, das von sich selbst behauptet, eine TV-Ideenfabrik zu sein. Der Publikumssieger erfuhr anschließend reichlich Häme auf Social-Media-Plattformen und auch verschiedene Medien stellten sich die Frage, ob Zuschauerentscheidungen das Fernsehprogramm tatsächlich besser machen. Immerhin fand auch das Zweitplatzierte «Diese Kaminskis – Wir legen Sie tiefer!» im Herbst des Folgejahres seinen Weg ins Fernsehen. Die hochgelobte und konzeptionell spannende Dokusoap-Persiflage über ein nur semi-begabtes Bestattungsunternehmen darf auf sechs Episoden im ZDFneo-Abendprogramm zurückblicken.

Vielleicht auch aufgrund des netten, aber eher unspektakulären «Tohuwabohu» entschied sich ZDFneo im für sein TVLab 2014 dazu, ausschließlich Fiction-Formaten eine Chance zu geben. Weil diese naturgemäß teurer zu produzieren sind, reduzierte sich die Anzahl der Piloten auf drei. Doch kein TVLab ohne Diskussionen um den Sieger: Nachdem die Ghetto-Comedy «Blockbustaz» das Rennen machte, prangerten viele Beobachter erneut die scheinbare Chancenungleichheit an. Mit Eko Fresh spielte nämlich ein populärer Rapper die Hauptrolle, der vermeintlich seine Fan-Basis für das Publikumsvoting mobilisieren konnte, mit Joyce Ilg zählte außerdem eine bekannte YouTuberin zum Cast. Im Vergleich schnitt «Blockbustaz» unter Kritikern derweil eher schwach ab – doch ZDFneo hielt am System fest und schickte die Serie um einen arbeitslosen Rapper ins Rennen. Ursprünglich für 2015 geplant, wurden jedoch erst ab März 2016 sechs Folgen ausgestrahlt. Für eine weitere Staffel gab ZDFneo allerdings bereits grünes Licht.

Vom Fernsehversuchslabor zum TV-Chemiebaukasten


Spätestens 2015 schien Mainz schließlich die Geduld mit dem TVLab verloren zu haben, hatte das Versuchslabor doch bis dahin kaum Früchte getragen. Nachdem sich Beobachter im Sommer fragten, wo denn die nächste Sendestrecke bleibe, die über die Jahre zuvor ohnehin zusammengeschrumpft war, gab ZDFneo erst Anfang Oktober bekannt, dass die Innovationsplattform nicht im Fernsehen zurückkehre, sondern ab November 2015 nur im Internet. Statt Piloten wurden nun vier- bis achtminütige Kurzclips von vier verschiedenen Produktionsteams eingereicht. Gegenüber Quotenmeter.de verteidigte der stellvertretende ZDFneo-Chef Slaven Pipić diese Entscheidung: „Online-First-Formate mit großer Netzaffinität sind sicherlich die Zukunft“, hieß es von ihm, außerdem sei der Abstimmungszeitraum nun länger. Allerdings erhielt das veränderte TVLab schon zu dieser Zeit kaum noch Aufmerksamkeit.

Unter dem schwammigen Thema „Mutprobe – Für eine Hand voll…“ sollten die vier Clips innerhalb von nur einer Woche von Konzeptentwicklung bis Postproduktion entstehen, als dann noch ein Team seinen Beitrag nach den Anschlägen von Paris zurückziehen musste, weil man „der Realität unheimlich nahe gekommen“ sei, wurde das TVLab 2015 schließlich endgültig vom Versuchslabor zum TV-Chemiebaukasten degradiert. Der Clip „Trau dich... Für eine Hand voll Spinner“ von „Stars aus der Tube aka Das Web ist nicht genug #Dwing“ ging letztlich siegreich aus der Abstimmung hervor. Die Protagonisten gründeten in ihrem Clip eine Startup-Firma, die mutlosen Heiratswilligen zur Hochzeit verhelfen soll, werden dabei jedoch nur mit Spinnern konfrontiert. Erst am 30. März 2017 debütierten die vier Gewinner nun mit ihrem Format auf ZDFneo, dabei hat ihre Sketch-Comedy «neoManiacs», die außerdem erst einmal nur in drei Folgen läuft, gar nichts mehr mit ihrem Wettbewerbsclip von 2015 zu tun.

2016 verzichtete ZDFneo schließlich ganz auf sein TVLab und räumte der Experimentierplattform eine kreative Pause ein. Zwar wurde die TVLab-Rückkehr für 2017 bereits angekündigt, allerdings als „Webformat“. Vermutlich bedeutet dies weitere Einsparungen für das Format, das in seinen Anfangsjahren noch von so viel Euphorie getragen und medial intensiv begleitet wurde. Im Zuge dessen muss ZDFneo eventuell auch über eine Namensänderung nachdenken, den Titel „TVLab“ würde das Internet-Testfenster dann nämlich nicht mehr verdienen. Der Niedergang des TVLab steht in gewisser Weise auch symptomatisch für die Entwicklung von ZDFneo. Zwar will man immer noch „intelligentes und unterhaltendes Fernsehen für die Menschen zwischen 25 bis 49 Jahren“, wie Kanal-Chefin Simone Emmelius einst 2012 erklärte, diese Altersgruppe scheint sich jedoch immer mehr vom Digitalkanal zu verabschieden, was auch an den Programmentscheidungen der Verantwortlichen liegt. Die wirklich starken Quoten verzeichnen Wiederholungen alter ZDF-Krimis, die sich im Programm immer mehr häufen. Die Innovation, die sich im Zuge des TVLab letztlich nie nachhaltig durchsetzte, bleibt dafür auf der Strecke.
02.04.2017 11:01 Uhr  •  Timo Nöthling Kurz-URL: qmde.de/92186