«The Masked Singer»: Etwas gestrafft und etwas gedehnt geht’s in Runde zwei

Der Überraschungserfolg 2019 ist zurück. Doch wie hat sich die «The Masked Singer»-Staffelpremiere geschlagen? Eine Kritik über Rollenspiel, Raterei und Refinanzierung ...

Gib den Fans, was sie wollen
Auch wenn die RTL-Sendergruppe alles dran setzt, ProSieben die Tour zu vermasseln: ProSieben hat seinen Mega.Quotenerfolg aus dem vergangenen Sommer zurückgebracht. Und als stark besprochenes und mit hervorragenden Zahlen gesegnetes Format kehrt «The Masked Singer» natürlich nicht all zu verändert zurück. Ja, der Sendetag ist neu, doch sonst setzt ProSieben auf kleine Verbesserungen und Fanservice-Elemente, statt auf große Umbrüche.

So hüpfte im Übergang von «red.»-Preshow zur «The Masked Singer»-Hauptshow um 20.15 Uhr das von vielen Showfans innig geherzte und von Matthias Opdenhövel schon so oft geknuddelte Monsterchen als Warm-up-Tierchen durch's Bild. Das rosa Flauschtier mit blauen Knopfaugen und glitzernden Flügeln hat zudem Matthias Opdenhövel nach seiner Anmoderation noch einmal umarmt und ihm viel Erfolg mit der Staffel gewünscht, bevor es in einem Einspielfilm die neue Abstimmungsmöglichkeit (App-Votes statt Anrufe) erklärte. Das ist Fanservice und zugleich eine Stärkung des Masken-Aspekts der Show: Es geht nicht nur um den Gesang, sondern auch darum, diese Rollen auszufüllen und seine Favoriten zu finden. Womöglich wurde aus diesem Monsterchen-Kult auch eine andere Idee für die Auftaktfolge hergeleitet:

Eine Werbepause wurde mit einem Bild-im-Bild-Element versüßt und zeigte in Echtzeit wie das freundliche, Hawaiihemden tragende Faultier mühselig vom Backstage-Bereich auf die Bühne geholt wurde. Denn auch wenn einige Fernsehende «The Masked Singer» für's Rätselraten und den Gesang schauen, so verrät der Monsterchen-Hype und auch die Beliebtheit des Grashüpfers (der von Gil Ofarim mit Hingabe gespielt wurde), dass es auch einen Fan-Sektor gibt, der das "Schauspiel" in «The Masked Singer» liebt. Dem hat man unter anderem durch diese Spielerei Folge geleistet.

Das nahm sich offenbar auch die Person hinter der Dalmatiner-Maske zu Herzen, die am Ende der Auftaktfolge gelüftet wurde: Stefanie Heinzmann spielte die Dalmatiner-Frau wie eine eitle, arrogante Diva (was denkbar fern ihrer sonstigen Persona ist) und verstellte sogar beim Gesang ihre Stimme – mit voller Absicht, wie sie in der «The Masked Singer»-Postshow verriet, weil sie Spaß daran hatte, in eine Rolle zu schlüpfen (und das Erraten zu erschweren).

Raterei-Entschlacken
Die Gewichtung in der «The Masked Singer»-Showdramaturgie wurde auch leicht in Richtung der Rollen verschoben. Nicht nur, dass schon in Augabe eins die Bühnenauftritte so aufwändig und exzentrisch wurden, wie in Staffel eins erst in späteren Ausgaben – es wurde zudem an einer anderen Stelle gekürzt: Aus dem vierköpfigen Rateteam wurde ein dreiköpfiges, was «The Masked Singer» gut getan hat. Das Publikum bekommt viel weniger Tipps vorgekaut als noch vergangenes Jahr – nicht nur, weil ein Stuhl weniger besetzt ist, sondern weil einer der drei Stühle von Rea Garvey besetzt wird, der mit der Grundeinstellung "Ich will einfach nur Spaß haben und mich überraschen lassen!" in die Sendung kommt. Großes Mutmaßen über realistische Theorien überlässt er lieber Ruth Moschner.

Die erste Gästin im Rate-Team war auch ein Gewinn: Carolin Kebekus traf während ihrer Zeit als «The Masked Singer»-Ratefüchsin eine sehr launige Balance zwischen ehrlicher, ausdrucksstark gezeigter Ahnungslosigkeit, Bewunderung und Verwunderung sowie Rate-Engagement. Die freudige Rage, in die sie sich geredet hat, als sie meinte, im Chamäleon Dieter Hallervorden zu erkennen, gehört zu den spaßigsten Jury-Momente der bisherigen «The Masked Singer»-Geschichte. Kebekus darf gerne wiederkommen!

Der unvermeidliche Wermutstropfen
Astrein war die «The Masked Singer»-Staffelpremiere dennoch nicht. Denn sie fiel dem Problem anheim, dem seit Jahren fast alle ProSieben-Livesendungen anheim fallen: Die massiven Werbestrecken. ProSieben neigt dazu, in seinen Liveshows die Werbestrecken bis aufs erlaubte Maximum zu strecken und noch dazu die Showdramaturgie zu zerschießen. Traf es die erste «The Masked Singer»-Staffel nicht dermaßen (vielleicht, weil mitten im Sommer bei einem unerprobten Konzept einfach nicht so viel zu holen war), hat der Fluch der maßlosen Werbung dieses Mal mit voller Wucht zurückgeschlagen.

Vor allem gegen Schluss der Folge wurde es extrem, da die Werbeunterbrechungen sehr unglücklich lagen: Nach dem Auftritt des Chamäleons kam Werbung, dann wurde der Drache vorgestellt, es kam ein einzelner Spot, der Drache hat gesungen und dann kam schon wieder Werbung. Das zerreißt schlicht die Showatmosphäre und mindert somit das Sehvergnügen und die Wertigkeit der Show. Natürlich muss sich eine aufwändige Privatfernsehen-Show refinanzieren, aber nicht derart auf Kosten des Sehgenusses – zumal «The Masked Singer» sich mit Cross-Promo und einem Online-Shop inklusive einem superflauschigen Mini-Monsterchen auch schon auf anderem Wege die Taschen füllt. In Zukunft wäre weniger Werbung (na gut: utopischer Wunsch) oder wenigstens eine galantere Verteilung der Werbepausen erstrebenswert …

Das Fazit
Starke Kostüme, exzentrische Bühnen-Performances, wie man sie in Gesangsshows sonst höchstens beim «Eurovision Song Contest» zu sehen bekommt, Flauschcontent und zu viel Werbung: Matthias Opdenhövel führt gekonnt und mit ansteckender Freude durch die zweite Staffel einer immens einfallsreichen, faszinierenden Show, die man sich anschauen kann, um zu staunen, zu rätseln, Rollenspiel zu bewundern oder um Musik zu genießen. Diese Vielseitigkeit ist ein großer Reiz an «The Masked Singer» – hoffen wir, dass er in weiteren Folgen nicht so sehr von dramaturgisch unglücklich gesetzten Werbesports gehemmt wird wie im Staffelauftakt.

«The Masked Singer» ist dienstags ab 20.15 Uhr bei ProSieben zu sehen – und 24 Stunden später als Wiederholung bei sixx.
11.03.2020 00:12 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/116564