Popcorn & Rollenwechsel

«Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile»

von

Zac Efron, bleiche Bilder und die drängende Frage: Was steckt hinter diesem freundlichen Lächeln?

Joe Berlingers Justizfilm «Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile» wäre eigentlich der perfekte Film für eine Sneak Preview. Das Licht im Saal verdunkelt sich, ein paar Studiologos ploppen auf, ein Mini-Prolog deutet voraus, dass dieser Film im Gefängnis enden wird. Und schon sind wir mittendrin. Mittendrin in der in verblichenen, grobkörnigen Bildern erzählten Geschichte der alleinerziehenden, jungen Mutter Elizabeth (Lily Collins), die eines Abends in einer Bar einen ebenfalls jungen, sehr charmanten, wortgewandten und atemberaubend gut aussehenden Mann (Zac Efron) kennenlernt. Der lässt sich nach dem Flirt an der Jukebox nicht davon verscheuchen, dass Elizabeth bereits eine kleine Tochter hat, die den potentiellen One-Night-Stand verdirbt. Er macht Elizabeth und ihrer Kleinen sogar Frühstück. Und bleibt bei ihnen.

Er bleibt bei ihnen, sie werden eine glückliche Familie. Bis er eines Nachts bei seiner Autofahrt nach Hause von der Polizei angehalten wird. Er habe zwei Stopschilder überfahren. Die Polizei nimmt ihn in Gewahrsam. Nicht aber wegen seines unvorsichtigen Fahrens, sondern weil sein Äußeres der Beschreibung eines gesuchten Verbrechers gleicht. Der Jurastudent beteuert seine Unschuld, Elizabeth stärkt ihm den Rücken. Und sein Anwalt? Der will in Erfahrung gebracht haben, dass die Polizei eine Zeugin so beeinflusst hat, dass sie ihn als den gesuchten Verbrecher identifiziert. Ist dieser Mann mit Strahlelächeln und bezaubernden Augen Opfer eines Komplotts? Der arme Ted.

Ja. Ted. So heißt Zac Efrons Rolle. Besser bekannt als, wie es später im Film erstmals beiläufig erwähnt wird, Ted Bundy. Eine Kinovorführung zu erleben, in der der gesamte Saal nicht weiß, welcher Film auf ihn zu kommt, zu erleben, wie es sich von Joe Berlingers empathischer Erzählung um den Finger wickeln lässt, und dann zu hören, wie aus der "Wer will ihm was anhängen?"-Frage schlagartig die Erkenntnis wird, dass dieser Film den Fall eines der berühmtesten Serienmörders der Neuzeit behandelt – das muss ein unvergessliches Kinoerlebnis sein.



Solch ein Kinoerlebnis ist allerdings äußerst unwahrscheinlich. Man bräuchte wirklich schon eine Sneak dafür, eine "Ihr zahlt, wisst aber nicht, was läuft"-Vorführung, noch dazu eine, bei der das Publikum im Idealfall bislang an sämtlichen Berichten und jeglichem Marketing zu diesem Film vorbeigelaufen ist. Und dann kommt noch hinzu: «Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile» läuft in vielen Ländern gar nicht oder nur sehr limitiert Kino, da Netflix sich in vielen Märkten die Rechte zu ihm geschnappt hat. Aber wenigstens wird er in Deutschland in den Lichtspielhäusern laufen, der Constanin Film sei es gedankt, die ihm hier auch eine Heimkinoauswertung spendiert.

So oder so, es ist dem Film zu gönnen, dass er auf lange Sicht eine bessere Rezeption erhält als das, was Berlingers Spielfilm online eingangs ereilte: Weil die Promo bisher besonders hervorgekehrt hat, wie charmant und attraktiv «Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile» Ted Bundy darstellt, wurde der Film von vielen ungesehen als geschmacklos bezeichnet. Der eigentliche Film verherrlicht den Serienmörder jedoch kein Stück weit, sondern ist ein beengendes Mahnmal, das aufzeigt: Nur weil jemand gute Qualitäten hat und sein Umfeld erfolgreich um den Finger wickelt, ist er noch lange nicht unschuldig. «Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile» skizziert, welch doppeltes Spiel Bundy trieb und dass die Mär, man würde schlechte Menschen schon problemlos als solche erkennen, ein Ende haben muss. «Extremely Wicked, Schockingly Evil, and Vile» würde sich also nicht schlecht in einem Double Feature mit «Leaving Neverland» machen. Auch wenn das dann ein sehr entgeisternder Filmtag wäre.

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