«Wet Hot American Summer»: Original Meandering American Streaming Service Show

Der Segen und der Fluch von Netflix, vereint unter einem Markennamen: Wer vorgeführt bekommen möchte, warum der VoD-Dienst auf hohem Niveau so ungeheuerlich frustrierend sein kann, wird bei «Wet Hot American Summer» fündig. Eine Serientat in drei Akten.

Der spät entdeckte Kult


Serienfacts «Wet Hot American Summer: First Day of Camp»

  • Serienschöpfer: Michael Showalter, David Wain
  • Regie: David Wain
  • Darsteller: Michael Showalter, David Wain, Christina Lee
  • Darsteller: H. Jon Benjamin, Michael Ian Black, Bradley Cooper, Janeane Garofalo. Zak Orth, Amy Poehler, Paul Rudd, Chris Pine, Kristen Wiig, Michael Cera,, Elizabeth Banks, Christopher Meloni, Molly Shannon, David Hyde Pierce und viele mehr
  • Ausführende Produzenten: Michael Showalter, David Wain, Jonathan Stern, Peter Principato, Howard Bernstein
  • Kamera: Kevin Atkinson
  • 8 Episoden zu je ca. 30 Minuten
2001 ging die Filmparodie «Wet Hot American Summer» an den US-Kinokassen brutal unter. Trotz spottbilliger Kosten von 1,8 Millionen Dollar scheiterte die Kinoproduktion in den Staaten daran, auch nur ein Sechstel ihres Budgets einzuspielen. Die internationale Leinwandauswertung war darüber hinaus kaum der Rede wert – und das, obwohl die liebevolle Persiflage auf 80er-Jahre-Sommercamp-Komödien auf dem Sundance Film Festival hervorragend ankam.
Die ersten Filmkritiken fielen zwar schwach aus, jedoch entwickelte die von David Wain («Vorbilder?!») verantwortete Komödie auf DVD und dank Wiederholungen im Fernsehen eine innige Fangemeinde (zumindest im US-Kulturkreis, im Rest der Welt hinkt der Kult noch etwas hinterher).

Dass «Wet Hot American Summer» mit Verzögerung zündet, verwundert nicht, basiert ein Großteil seines Witzes doch auf Running Gags und rezitierfähige Non Sequiturs. Dieser Spoof Flick ist also ungefähr das, was dabei herausgekommen wäre, hätte die Monty-Python-Crew «Scary Movie» gesehen und sich gedacht: "Joah, was die können, können wir auch. Mit Ami-Sommer-Camp-Filmen statt mit Horror!"

Darüber hinaus lebt «Wet Hot American Summer» vom rückwirkenden Star-Appeal seines Ensembles – viele der Darstellerinnen und Darsteller hatten nach Filmstart ein neues Karrierehoch, darunter Paul "«Ant-Man»" Rudd, «Hangover»-Schönling Bradley Cooper, «Pitch Perfect»-Lästermaul Elizabeth Banks und die wiederholte Golden-Globe-Moderatorin und «Parks and Recreation»-Darstellerin Amy Poehler.

Netflix, das Anti-Network


Netflix prahlte in seiner Anfangszeit damit, im Gegensatz zu linearen Fernsehsendern von Einschaltquoten unabhängig zu sein. Immer wieder hieß es von Unternehmensseite, neue, unangepasste Wege zu gehen. Und so zählten zu den ersten Eigenproduktionen, die Netflix in Auftrag gab, eine redselige, von Antipathieträgern bevölkerte Politdramaserie, ein Frauengefängnisdrama, das die Höhe an LGBTQ-Repräsentation normaler TV-Sender mühelos in den Schatten stellt, die Fortsetzung einer lange zuvor abgesetzten Fox-Meta-Sitcom und «Wet Hot American Summer: First Day of Camp».

Die beabsichtigte Lektion des Ganzen: "Schaut her, liebe Kundschaft. Wir sind Netflix. Und Netflix programmiert, worauf es Lust hat. Nieder mit dem engen Network-Denken!" Und neben «House of Cards», «Orange Is The New Black» und der vierten «Arrested Development»-Staffel zeigte sich die «Wet Hot American Summer»-Miniserie als besonders exzentrischer Beweis, dass man Netflix dieses Selbstbild abkaufen darf. 2015, also 14 Jahre nach dem «Wet Hot American Summer»-Kinoflop, kam sie daher, die achtteilige Prequelserie zu einer noch immer nur passabel bekannten Filmparodie. Und sie setzte auf noch mehr Absurdität, noch mehr große Namen (unter anderem schauten auch Chris Pine, Jon Hamm, Kristen Wiig und Michael Cera vorbei) und eine absurd dichte Handlung.

Was laut diesen acht 27- bis 30-minütigen Episoden angeblich alles an einem einzigen Tag passiert ist, passt auf keine Kuhhaut. Das Ergebnis? Herrlich unkommerziell gedacht und ein wahrer Liebesdienst. «Wet Hot American Summer: First Day of Camp» wurde für eine sehr spitze Zielgruppe verfasst – Fans des Originalfilms, die die Running Gags bestens kennen und die sich nach noch mehr cartoonigem Irrsinn und pythoneskem Verve sehnten. Leerlauf gab es keinen, eher im Gegenteil: «Wet Hot American Summer: First Day of Camp» ist so randvoll mit seinem Wahnwitz, dass es Serienfreunde abseits der Zielgruppe erschlagen dürfte.

Netflix: Zwei Jahre später


Aber bei Netflix hat sich schnell Alltag eingestellt, und mit dem Verlust des Pioniergeistes hielt mehr und mehr Network-Denken Einzug. Was sich offenbar auf Serienmacher David Wain abfärbte. «Wet Hot American Summer: First Day of Camp» hätte die abschließende Kirsche auf dem parodistischen Eis mit Sahne darstellen können. Aber wenn etwas läuft, dann kann man es ja auch totreiten, wie schon diverse Fernsehsender bewiesen haben – und so wurde eine weitere «Wet Hot American Summer»-Serie beschlossen. Diese erschien im Sommer 2017 und hört auf den Titel «Wet Hot American Summer: Ten Years Later». Und zynischere Zungen würden behaupten, dass man sich nach der Sichtung dieser Serie auch prompt zehn Jahre älter fühlt.

Denn «Wet Hot American Summer: Ten Years Later» hat einen besonders schweren Fall eines wiederkehrenden Netflix-Serienproblems erwischt: Es gibt nicht genug Story. Zwar ist die Miniserie genauso lang wie die Prequelserie, jedoch hat sie nur halb so viel Stoff zu bieten, weshalb es zu Unmengen von Leerlauf kommt. Was unter anderem für «Luke Cage» oder «Daredevil» in duldbarem Maße gilt, gleicht in «Wet Hot American Summer: Ten Years Later» fast einer Epidemie – ohne dass Wain die massiven Strecken an Füllmaterial parodistisch unterwandern und so einen Seitenhieb auf den VoD-Dienst und seine Eigenproduktionen formen würde. Da werden Dialoge gehalten, die Monologe vorbereiten, die zu Dialogen hinführen, welche einen Storypunkt minimal vorantreiben, all dies begleitet von vielleicht zwei, drei Beinahe-Schmunzlern.

Während die erste «Wet Hot American Summer»-Serie also Netflix' Stärke (kesse Programmideen werden durchgewunken, weil die Chefs Lust darauf haben, nicht, weil es nach Mainstream-Publikumserfolg riecht) unterstreicht, unterstreicht die zweite Netflix' Schwächen doppelt und dreifach.

Denn obwohl der VoD-Dienst nicht wie ein normaler TV-Sender denken müsste, ist er noch immer nicht bereit, alle altgedienten TV-Formalien zum Wohle einer Serie aufzugeben. Wie etwa die starren Vorstellungen, was eine Season ausmacht. Man hält bei Soloserien der Marvel-Helden krankhaft am von «House of Cards» etablierten 13-Folgen-pro-Staffel-Schema fest, «Wet Hot American Summer: Ten Years Later» wird auf dieselbe Episodenanzahl gedehnt wie sein Vorläufer – ganz gleich, dass nicht genug Ideen vorhanden sind.

Wäre Netflix durchweg so qualitätsorientiert, wie sich der VoD-Dienst darstellt, würde er sich trauen, auch mal großzügig den Rotstift anzusetzen. Was hält den Streaminggiganten davon ab? Anders als TV-Sender muss Netflix ja keine Programmslots füllen. Wenn «Wet Hot American Summer: Ten Years Later» als Vier-Episoden-Serie umgesetzt worden wäre, hätte Netflix ja nicht zum Ausgleich vier weitere Male «The Big Bang Theory» wiederholen müssen, um die Lücke zu kompensieren. Die Serie hätte derweil von einer gesteigerten Prägnanz profitiert. Aber, nein. Netflix prahlt lieber bei jedem Staffellaunch damit, wie viele Stunden seine Kundschaft nun wieder bingen kann …
27.10.2017 13:08 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/96678