«Beziehungsweise New York»-Regisseur Cédric Klapisch erzählt mit «Der Wein und der Wind» eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die er mit dem symbolischen Thema Weinanbau unterfüttert.
Im Original trägt der Film den wohlklingenden Titel «Ce qui nous lie», was auf deutsch soviel wie «Was uns verbindet» bedeutet. Das trifft den Kern dessen ganz gut, weshalb Cédric Klapisch die Handlung unbedingt auf einem Weingut stattfinden lassen wollte, denn «Der Wein und der Wind» steckt voller Symbolik. Es ist nicht bloß die einst gemeinsame Leidenschaft für das edle Gesöff, wodurch die Geschwister selbst in unangenehm stillen Momenten immer ein Gesprächsthema haben. Auch der Weinanbau selbst eignet sich in seinem Ablauf ganz hervorragend, um die Entwicklung innerhalb der Familie widerzuspiegeln. Schließlich ist Wein nur dann wirklich gut, wenn er möglichst lange reift, was sich gewissermaßen auch auf die Beziehung unter den Geschwistern übertragen lässt. Die Aussage, dass das Weingut als Familienunternehmen lediglich aufrecht erhalten werden kann, wenn die Menschen füreinander ebenso viel Liebe aufwenden, wie für den Wein selbst, ließe sich gewiss auch noch subtiler verpacken, doch im Großen und Ganzen gelingt Regisseur und Co-Autor Cédric Klapisch hier ein hübsches Sinnbild für das Innenleben von Jean, Juliette und Jérémie, die von Schicksalsschlägen und tragischen Ereignissen ebenso heimgesucht werden, wie der Wein von Unwettern, Stürmen und Hochwassern.
Zu einem weiteren wichtigen Teil von «Der Wein und der Wind» erklärt Cédric Klepisch die vier Jahreszeiten. So ist sein Film nicht bloß lose in die vier Abschnitte „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ unterteilt, die Eigenschaften der Saisons unterstreichen außerdem den Fortschritt der Entwicklungen innerhalb des Familiendramas. Auf eine unterkühlte Stimmung im Winter folgt ein Gefühl von Motivation im Frühling, während im Sommer schon mal hitzige Diskussionen das Geschehen dominieren. Auch hier gilt: Klapischs Skript (gemeinsam mit Santiago Amigorena verfasst) wählt nicht immer den subtilsten Weg, doch seine Geschichte definiert sich so einleuchtend und konsequent über dieses symbolische Konzept, dass die Aussage vollkommen glaubwürdig bleibt, selbst wenn sich punktuell ein Gefühl der Überkonstruktion einschleicht. Unterstützt wird diese künstlerisch clevere Grundidee außerdem von der Aussagekraft des Settings: Gedreht an Originalschauplätzen, nahm Cédric Klapisch tatsächlich den Aufwand auf sich, die Kulisse zu verschiedenen Jahreszeiten aufzunehmen, was die Authentizität der Story zusätzlich unterstreicht. Das, was hier geschieht, könnte so tatsächlich passieren. Und genau dieser dadurch entstehenden, vorsichtigen Emotionalität, die ganz ohne hysterische Gefühlsausbrüche auskommt, passen sich auch die hierzulande allesamt weitgehend unbekannten Darsteller an.
Pio Marmaï («Sehnsucht nach Paris»), Ana Girardot («Saint Amour – Drei gute Jahrgänge») und François Civil («Katakomben») mimen alle drei ein glaubhaftes Geschwister-Trio, das die differenzierten emotionalen Schwankungen glaubhaft an das Publikum herantragen kann. Seinen eigenen Lebensweg zu verfolgen, wird hier nicht automatisch zu einem Akt von Egoismus und aufeinander zuzugehen, kann hier zeitgleich von Überwindung und Aufrichtigkeit zeugen. Insofern ist es wichtig, dass die Darsteller in «Der Wein und der Wind» ein hohes Maß an Charakterstärke mitbringen; ihre Performance ist keine der großen Gesten, sondern baut auf vorsichtige, teils nur unterschwellige Nuancen. Manche Szenen wollen da nicht ganz reinpassen: Wenn die vorher so um fachliche Korrektheit bemühten Jean und Jérémie den ersten Jahrgang ihrer Schwester Juliette genau so beschreiben, wie sie auch ihre Schwester selbst beschreiben würden, dann wirkt das doch überraschend aufgesetzt. Aber gerade weil es in «Der Wein und der Wind» nicht nur um den Wein, sondern vorherrschend um die Familie geht, fallen derartige Anflüge von Kitsch nicht allzu sehr ins Gewicht. Und «Der Wein und der Wind» behält bis zuletzt einen fast märchenhaften Touch bei, der die Faszination und den Zauber des Alltags dreier Weinanbauer auf die Leinwand zu bringen vermag.