Diners. Hot Dogs. Swing States.

Nicht nur in Deutschland wird die US-Wahl gerne etwas betulich-amerikanisch inszeniert. Auch die amerikanischen Sender sind in ihrer Wahlberichterstattung nicht ganz frei von Volkstümelei.

Wenn ich amerikanischen Freunden von mir vorführen will, wie in Deutschland über ihr Land berichtet wird, zeige ich ihnen als Extrembeispiel gerne Ausschnitte aus der ZDF-Präsidentschaftswahlnacht des Jahres 2012, diesem ein bisschen perversen Versuch, ein politisches Ereignis neben all dem Abarbeiten von Wahlergebnissen vornehmlich als Society-Event zu inszenieren. Spätestens wenn sie den im Studio aufgebauten Diner sehen, reichen ihre Reaktionen von ungläubiger Katatonie bis zum blanken Entsetzen. Die Diagnose war bisher stets dieselbe: “This is a joke, right? Right?”

Ich stelle mir dann oft vor, wie das Pendant im amerikanischen Fernsehen aussehen müsste: Wolf Blitzer in Lederhosen und mit einem Maßkrug in der Hand, wie er nach einem knackigen „Ich bin ein Augsburger“ ob seiner Geburtsstadt die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahl verkündet? Oder Brian Williams, mit einem Baguette unterm Arm und einer Baskenmütze auf dem Kopf, wenn Frankreich nächstes Jahr seinen Präsidenten wählt, während Rachel Maddow mit Kastagnetten durchs Studio klappert, nachdem König Felipe VI. in Spanien das Parlament aufgelöst hat? Die nächste Wahl zum japanischen Unterhaus dann mit einem Sushi-Karrussel?

Anfang des Jahres habe ich schließlich festgestellt, dass ich mit dem ZDF vielleicht ein bisschen hart ins Gericht gegangen bin. Schließlich hatten sie mit Eric T. Hansen, dem amtierenden US-Botschafter und einigen anderen Gästen kompetentes Personal eingeladen. Und die journalistischen Inhalte, wenn auch neben all dem Society-Hopsasa unnötig ins Hintertreffen geraten, waren immerhin sauber und akkurat.

Seit ich dieses Jahr wieder die Berichterstattung der amerikanischen Sender über die Caucuses in Iowa und den daran anschließenden Vorwahl-Marathon durch sämtliche Bundesstaaten und Überseegebiete gesehen habe, kann ich auch die Jazzkapelle und den Diner-Stand im ZDF-Studio besser verkraften. Weil auch die angesehensten US-Sender und die journalistisch ansprechendsten und intelligentesten Formate im amerikanischen Fernsehen ein bisschen zum Volkstümeln neigen. Zumindest wenn es in den Mittleren Westen geht.

Gerade Iowa, der erste Bundesstaat, der im Vorwahlprozess seine Stimme abgibt, und in jener Region der Vereinigten Staaten liegt, in der Amerika landläufig als am amerikanischsten gilt, wird in der primär von den Küsten ausgehenden landesweiten Berichterstattung gerne etwas betulich dargestellt. “Like a Hallmark card or a Norman Rockwell painting or a slice of apple pie with a puppy on top“, witzelte Rachel Maddow mal in ihrer Sendung, stereotyp amerikanische Klischees vom Idyllischen und Nostalgischen aufzählend.

Alle vier Jahre belagern Journalisten aus Washington, New York und Los Angeles die Kaffeehäuser von Des Moines, Dubuque und den völlig unbekannten noch kleineren Städten des kleinen Midwest-Staates und produzieren von dort aus kuriose Live-Schalten, in denen sie putzige bis sonderbare Analysen der politischen Präferenzen der dortigen Wähler von sich absondern, während die sich im Hintergrund den Cheesecake reinschieben und kräftig mit Root Beer nachspülen. Nicht selten hängt an einer der Wände ein Gemälde von Norman Rockwell.

Nicht ganz so extrem, aber vom Prinzip her ähnlich geht es in den nächsten Wochen und Monaten weiter. Am Super Tuesday berichtete Chris Matthews aus einer Bratstube irgendwo in Texas. Als kürzlich Vorwahlen in New York stattfanden, saß er am stockfinsteren Ufer des Hudson River, ein Bild, das mit seinem griesgrämigen Blick eine erstaunliche Symbiose einging. Und letzten Dienstag saß Chuck Todd – aus welchen Gründen auch immer – in einem Restaurant irgendwo in Pennsylvania, und musste von dort seine (nicht minder brillanten) Analysen ins Hauptstudio im Rockefeller Plaza durchgeben.

Ich bin jedenfalls schon gespannt, wie das ZDF im November die diesjährige Wahlnacht inszenieren wird, vor allem wenn es zum Duell Hillary Clinton gegen Donald Trump kommt. Vielleicht mit einem Miniatur Trump Tower? Einer Mauer ums Studio, um illegale Einwanderer fernzuhalten? Und Bettina Schausten im Hillary-Gedächtnis-Hosenanzug? Wird sicher großartig.

Gucken werde ich trotzdem die amerikanischen Sender. Die kommen zumindest in der Hauptwahlnacht ohne den ganzen betulichen Firlefanz aus.
29.04.2016 14:20 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/85279