Deutschland im Blaulichtfieber

«Auf Streife», «Blaulicht Report»: Polizisten, Notärzte, Feuerwehrler, Detektive. Alles, was schnell vor Ort ist, wenn etwas passiert, begeistert die Menschen. Das macht auch vor dem TV nicht halt.

Fernsehen kann manchmal schon verrückt sein. Was weder das millionenschwere «Newtopia» noch die aufwändigen Produktionen «Mila» oder «Unser Tag» geschafft haben, ist in den vergangenen Wochen einer Formatform gelungen, der viele gerne den Stempel mit der Aufschrift „Billig“ aufdrücken: «Auf Streife – Die Spezialisten», eine der jüngsten Erfindungen der Kölner Fernsehschmiede filmpool, hat den Sender Sat.1 am chronisch schwachen Vorabend aus der Krise geführt: 10,2 Prozent Marktanteil generierte das Format werktags um 18.00 Uhr seit es Ende Februar erstmals auf diesem Slot gezeigt wurde. Gegenüber dem früher dort laufenden «In Gefahr» ist das eine Steigerung von fast zwei Prozentpunkten.

«Auf Streife – Die Spezialisten» ist eine Weiterentwicklung des Originals «Auf Streife», das dem Münchner Sender seit Mitte 2013 mitunter hohe Quoten beschert hat. Gestartet mit noch deutlich einstelligen Werten in der klassischen Zielgruppe liegt der derzeitige Rekord bei über 19 Prozent Marktanteil. Fairerweise muss aber gesagt werden, dass dieser ziemlich genau ein Jahr zurückliegt. Damals war «Auf Streife» und die darin gezeigten Polizisten noch recht allein auf weiter Flur. Inzwischen sind Blaulicht-Geschichten im Fernsehen viel verbreiteter. RTL hat mit dem «Blaulicht Report» ein fast gleich gelagertes Format gestartet und testet zudem seit geraumer Zeit um 15 Uhr mit ähnlichen Programmen.

Teils läuft auch dort «Der Blaulicht Report», teils zeigt man nachgestellte Geschichten um Polizeibeamte in anderen Dienststellen, dann unter dem «Verdachtsfälle spezial»-Label. Und auch RTL fährt damit durchaus gut. Im Jahr 2016 kamen die Episoden des Formats, die zweistündig zwischen 14 und 16 Uhr liefen, auf im Schnitt 15,3 Prozent Marktanteil bei den Umworbenen. Somit hat sich der Sender aus Köln vor der Konkurrenz von Sat.1 geschoben, die zeitgleich auf «Auf Streife» setzt, damit aber nur auf 11,2 Prozent kommt. Das Ende der Fahnenstange ist aber noch lange nicht erreicht.

Sat.1 startet kommende Woche mit «Einsatz in Köln» um 19 Uhr ein neues Ermittler-Format, das auf den ersten Blick ein wenig an «K 11» erinnert. Mit Constantin Entertainment kommt es zumindest von den gleichen Machern – und zeigt fünf verschiedene Ermittlerteams bei ihrer Arbeit, immer eines in jeder Folge. Damit aber dürfte der Reigen an solchen Sendungen noch lange nicht vorbei sein.

Gerade im Bereich der Nachmittags-Scripted-Reality zeigten sich zuletzt mitunter Abnutzungen bei allem, was nicht mit uniformierten Darstellern ankam. Das über längere Zeit erfolgreiche «Anwälte im Einsatz» (Sat.1, 16 Uhr), scheiterte in seinem bis dato letzten Monat regelmäßig am Senderschnitt von Sat.1. Nur noch drei Episoden im Betrachtungszeitraum kamen auf mehr als zehn Prozent Marktanteil. Der kurzfristig eingeschobene Ersatz, «Verdächtig», in dem mal nicht Polizisten ermitteln, sondern die jeweils betroffene Familie, machte es wenig besser und generierte in den zurückliegenden zwei Wochen nur durchschnittliche Werte. Lediglich einmal kam eine zweistellige Quote bei den 14- bis 49-Jährigen zustande.

RTL wechselte in der Woche vor Ostern seine Strategie: Der Kölner Sender reduzierte die «Blaulicht Report»-Dosis wieder ein Stück und setzte nur noch auf eine Folge pro Nachmittag. Die «Wache Köln Ost» übernahm um 15 Uhr und landete somit nur noch bei 12,9 Prozent. Nicht jedes Label scheint also zu funktionieren, wie die zurückliegende Woche bestätigt. «Der Blaulicht Report» landete bei klar besseren 14,2 Prozent. Spannend war auch der Blick auf die 16-Uhr-Schiene wo «Anwälte & Detektive», eine vor ein paar Monaten schon einmal gescheiterte Produktion, noch eine Chance erhielt: Aber auch hier blieb man mit rund zwölfeinhalb Prozent deutlich unter den Werten, die einigen Wochen zuvor noch möglich waren.

Auf den Spuren von RTL und Sat.1 wandelt derweil auch RTL II, das nach einigen Nachmittagsflops inzwischen sein längst eingestelltes «Privatdetektive im Einsatz» aus dem Archiv gekramt hat und es noch bis zum 1. April um 16.55 Uhr zeigt, um bestehende Lücken zu schließen. Mit Menschen in Uniform hat die Sendung zwar nichts zu tun, und dennoch zeigen sich Parallelen. Und die Quoten dürften für die Macher in Grünwald durchaus eine Überraschung sein. Wer hätte schon gedacht, dass das längst abgeschobene Format schon am ersten Tag auf 4,1 und am zweiten Tag gar auf mehr als sechs Prozent in der Zielgruppe kommen würde. Mit 4,4 Prozent im Schnitt gelang der ebenfalls von filmpool kommenden Sendung zwar kein durchschlagender Erfolg, die Situation auf dem Sendeplatz hat sich aber klar verbesser. «Dein neuer Style», das zuvor um 16.55 Uhr bei RTL II lief, kam in seiner letzten Woche im TV-Programm nicht über klar niedrigere 3,3 Prozent in der Altersklasse 14 bis 49 Jahre hinaus.

Die Polizei, dein Freund und Helfer


Letztlich sind Polizeiformate eine konsequente Weiterentwicklung von Court-Shows, weil um zusätzliche Dramatik und Schauwerte angereichert. Interessant wird die Betrachtung aber, wenn man ganz ins Detail geht. Natürlich darf weder im «Blaulicht Report» noch in «Auf Streife» eine gewisse Zuspitzung und hin und wieder lautstarkes Gebrüll fehlen. Das schwächt die Glaubwürdigkeit der Formate, denn im Normalfall(!) dürften sich die Bürger nicht in dieser Masse in dieser Form gegenüber Beamten benehmen. Es passt aber irgendwie in den Trend dieser Zeit, dass Sendungen boomen, in denen anständige Uniformierte nach Recht und Ordnung sehen. Offenbar gibt es nicht nur Sehnsucht nach Trash-TV, sondern auch ein wenig nach Vertrauen in den Rechtsstaat.
31.03.2016 14:19 Uhr  •  Manuel Weis Kurz-URL: qmde.de/84560