Die Kritiker: «Die Informantin»

Im gleichförmig-düsteren ARD-Thriller weiß «Tatort»-Kommissarin Aylin Tezel zu überzeugen. Reicht das schon für einen guten Film?

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Aylin Tezel («Tatort: Dortmund») als Aylin, Timur Işık («Ayla») als Musab, Ken Duken («Add a Friend») als Jan, Adrian Saidi als Furkan, Suzanne von Borsody («Hanni & Nanni») als Hannah, Kida Khodr Ramadan («Kaddisch für einen Freund») als Zahit, Godehard Giese («Das Hotelzimmer») als Hofmann, Pegah Ferydoni («Türkisch für Anfänger») als Elif, Yasemin Cetinkaya als Güllü und andere


Hinter den Kulissen:
Regie: Philipp Leinemann, Buch: Ulrike Stegmann und Christof Reiling, Musik: Sebastian Fillenberg, Kamera: Christian Stangassinger, Schnitt: Max Fey, Produktion: Magic Flight Film in Zusammenarbeit mit Penrosefilm

Aylin steckt fest. Sie hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb will sie Anwältin werden. Mit den Studieninhalten hat sie kein Problem, doch Gerechtigkeit bedeutet für die junge Frau auch in bester „Robin Hood“-Manier, dass man es von den (reichen) Arschlöchern wegnehmen darf, um damit für mehr Gleichheit zu sorgen. Dass dabei Gesetze übertreten werden – kein Problem. Zumindest solange nicht, bis Aylin eine Haftstrafe droht, die alles versauen würde. Weil sie zugesichert bekommt, dann nicht ins Gefängnis zu müssen und ihr Studium weitermachen zu können, wird die von Aylin Tezel gespielte Aylin «Die Informantin» und der gleichnamige ARD-Thriller entwickelt sich. In ihrer neuen Rolle muss die Figur den Fitnessstudio-Betreiber und Drogenboss Musab enttarnen.

Isoliert betrachtet gibt das durchaus etwas an Stoff für einen gelungenen Film her. Doch die ARD und ihre Thriller – es ist nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte. Zwar entspinnt sich aus der Tatsache, dass die Fahnder um Jan (Ken Duken) bereits einmal jemanden auf Musab angesetzt hatten einige Spannung, weil es die Situation ungleich brisanter und alle Menschen in Musabs Umfeld misstrauischer werden lässt. Auf der anderen Seite aber wird Aylin in eine Dreiecksbeziehung gezogen, die in der stupiden Einfachheit nicht nur Feministinnen und Feministen zornig machen dürfte: Die Protagonistin fängt zuerst etwas mit dem süßen, starken und coolen Cop an, schickt ihm ungefragt Unterwäsche-Fotos (wobei zum vollendeten Klischee nur noch das Nutzen von „Snapchat“ fehlen dürfte). Weil aber die Macht, die vom Staatsbediensteten ausgeht irgendwann nicht mehr auszureichen scheint, verliebt sich das in solchen Fragen dann scheinbar doch naive Dummerchen in den de facto noch mächtigeren Drogenboss und wirft sich ihm gleich an den Hals. Dass beide Affären folgenschwer sind, ist wohl an der Stelle nicht einmal mehr als Spoiler zu verstehen, so offensichtlich ist es. Dass die Story an der Stelle höchstens so deep ist wie ein Kinderplanschbecken muss ebenfalls nicht erwähnt werden.

Düstere Inszenierung ohne Variantenreichtum


Steckbrief

Frederic Servatius schreibt seit 2013 für Quotenmeter. Dabei ist er zuständig für Rezensionen und Schwerpunktthemen. Wenn er nicht für unser Magazin aktiv ist, arbeitet er im Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder schreibt an seinem Blog. Immer wieder könnt Ihr Frederic auch bei Quotenmeter.FM hören. Bei Twitter ist er als @FredericSrvts zu finden.
In jedem Fall läuft schnell alles auf den großen Coup zu, einem Deal von enormem Ausmaß, der von der Polizei gestürmt werden und genügend Beweise für die Einbuchtung aller Beteiligten liefern soll. Dazwischen sieht der Zuschauer allerhand wahllos verbundene Elemente: Wilde Wüstenfahrten, große Geheimniskrämerei, eine billig inszenierte aber überharte Richterin oder die Protagonistin wie sie taff das Steuer des Drogen-Benz übernimmt und lässig ist. All diese Szene haben vor allem eines gemein: Die düstere Inszenierung, die in ihrer Konsequenz durchweg erkennbar ist, aber so variantenlos und gleichförmig wirkt, dass es keinerlei Fantasie seitens jener vor den Bildschirmen mehr braucht.

Da ist es fast schon beeindruckend, wie Aylin Tezel es schafft, die unterschiedlichen Facetten ihrer Figur auf den Fernseher zu bringen: Trotz des naiven Verhaltens in Liebesfragen, gelingt es ihr an den richtigen Stellen taff zu wirken. Außerdem zeigt Aylin, wie sehr ihre Figur von den Überzeugungen lebt. Dabei sind es nicht die einzelnen, vom Drehbuch zugeschriebenen Sätze, die für den guten Gesamteindruck sorgen, sondern das bloße Auftreten der Figur. Tezel spielt die schwache Story nach oben, ist dafür verantwortlich, das vieles besser wirkt, als es eigentlich ist. Weniger stark agiert das sonstige, eigentlich nicht schlecht zusammengesetzte Ensemble. Ken Duken jedenfalls bleibt blass und ist vom Eindruck her mehr Love Interest als relevanter Ermittler. Den oft harten Worten von Drogenboss Musab verleiht Timur Işık zumeist wenig Nachdruck.

Schwach im Score


Wenig eindrucksvoll ist letztlich auch der Score, der versucht Dramatik und Drive in die Produktion zu bringen. Auch er wirkt dabei ähnlich homogen wie die Bildästhetik und reichert die ohnehin dürftige Handlung kaum um weitere Aspekte an. In der Zuspitzung gewinnt die Produktion jedoch deutlich und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Hier wird noch einmal klar, wie sehr «Die Informantin» darauf angelegt war und ist, das große Finale zu erreichen. Der Rest der Story ist dabei letztlich nur ein (schwaches) Mittel gewesen, um den Weg bis dahin zu beschreiten. Im Finale allerdings wird zusätzlich untermauert, wie sehr die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwimmen, wie schwer die Linien der Moral zu ziehen sind. Das ist zwar eine oft gehörte Aussage, die in ihrer Darstellung dennoch nicht zur Binsenweisheit verkommt. Allein über die Auflösung dieser Finalsequenz lässt sich dann – freundlich ausgedrückt – wieder diskutieren.

Eine überragende Aylin Tezel und ein bisschen Spannung to go alleine reichen aber halt nicht, um letztlich einen wirklich guten Film zu haben. Die Produktion hat eigentlich eine gute Besetzung und Potenzial in der (zugegebenermaßen auch nicht revolutionären) Grundidee, beides allerdings muss auch genutzt werden. So bleibt der „Thriller“ für den Zuschauer eher spannungsarm, fordert jedoch zugleich bis zum Finale dranzubleiben. Das Ende entschädigt dafür dann allerdings nur teilweise, weil die Konzeption gut, aber die Ausführung schlecht ist. Was bleibt, ist daher letztlich nur eine mittelmäßige Botschaft und ein unverhältnismäßiger Polizeieinsatz zum Ende hin. Wem es reicht.

«Die Informantin» läuft am Samstag, 19. März 2016, ab 20.15 Uhr im Ersten.
17.03.2016 11:31 Uhr  •  Frederic Servatius Kurz-URL: qmde.de/84372