Morgen hört er auf...

«Morgen hör ich auf» ist die erste deutsche Serie des Gute-Deutsche-Serienzeitalters mit einer immensen Sogwirkung. Ein Kommentar.

Das ZDF hat uns Journalisten gestern mit zwei weiteren Folgen seiner großartigen fünfteiligen horizontalen Serie «Morgen hör ich auf» versorgt. Ich kann und möchte meiner Rezension deshalb ein paar Dinge hinzufügen.

Ohne an dieser Stelle zu spoilern, kann ich wohl schreiben, dass sich die Schlinge um die Hälse der Lehmanns immer enger zuzieht. Und dass es den Autoren gelungen ist, das grandios zu erzählen. Denn das Tolle an dieser Serie ist mitunter die Ausgewogenheit zwischen dem Absurden und dem Glaubwürdigen. Es passieren allerhand kuriose Dinge und allerhand Zufälle machen Jochen (Bastian Pastewka) und seiner Frau Julia (Susanne Wolff) das Leben mal schwer, mal ein bisschen leichter. Aber alles folgt einer stringenten inneren Logik und man kann sich tatsächlich vorstellen, dass sich solche Fälle in solche – wenn auch hin und wieder abstruse – Bahnen entwickeln. Wer mal die einschlägige Berichterstattung über reale Kriminalfälle studiert hat, weiß, dass der Zufall Sinn für Humor hat.

Außerdem scheint das eingetreten zu sein, was ich schon nach Sichtung der zweiten Folge vermutet hatte: «Morgen hör ich auf» ist wohl die erste deutsche Serie des Gute-Deutsche-Serien-Zeitalters, die eine immense Sogwirkung entfaltet und die man am liebsten bingen möchte. «Weissensee» ist eine tolle Serie, aber sie lebt sehr stark von ihren ausladenden Beobachtungen, erzählt tendenziell ein wenig langsamer und bezieht ihren Reiz nicht in erster Linie aus Cliffhangern oder einer besonders starken plotgetriebenen (!) Spannung. «Deutschland 83» war sicherlich ebenfalls eine hervorragende Serie und ein inhaltlicher Befreiungsschlag, und doch hielt sich die Suchtgefahr verglichen mit Bastian Pastewkas Tour de Force in Grenzen – was ihre Leistungen wohlgemerkt nicht schmälern soll. Ähnliches gilt für den «Club der roten Bänder» und TNT Series großartig atmosphärisches «Weinberg». Aber von «Morgen hör ich auf» kommt man einfach nicht mehr los.

Das liegt wahrscheinlich an der sehr spezifischen Geschichte: Ein Mann wird unverhofft zum Verbrecher und kommt aus der Sache nicht mehr raus. Ein bisschen wie ein im Treibsand Steckengebliebener rudert und kämpft er und versinkt nur noch tiefer im Morast. Die Sache wird komplizierter und vertrackter und die guten Vorsätze von heute sind für Jochen Lehmann morgen schon nicht mehr umsetzbar. Weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben, weil andere Leute nicht zu ihrem Wort stehen, weil man im Affekt Maßnahmen ergriffen hat, die einen rasch teuer zu stehen kommen. Obwohl ich den Vergleich mit «Breaking Bad» bekanntlich unangebracht finde, hat Jochen Lehmann doch eines gemeinsam mit Walter White: Beide sind sie Every-Men, Männer wie du und ich, denen unverhofft das Leben auseinander fliegt und die aus den Konsequenzen der einmal getroffenen Entscheidung, für eine begrenzte Zeit kriminell zu werden, nicht mehr herauskommen. Richtig umgesetzt, fesselt das. Brutal.

Vor einiger Zeit habe ich mir in einem satirischen Beitrag an dieser Stelle einmal vorgestellt, wie das in einer deutschen Sender-Redaktion wohl zugehen könnte, die beschließt, ein deutsches «Breaking Bad» zu machen.

Was bin ich froh, dass es ganz anders gekommen ist.
08.01.2016 12:30 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/83043