Mit «Ricki - Wie Familie so ist» nimmt Meryl Streep direkten Kurs auf ihre 20. Oscar-Nominierung und gibt sich in ihrer Rolle als Rockröhre ungewohnt freizügig.
Einst verließ die junge Mutter Linda ihre Familie, um als Rocksängerin groß durchzustarten. Mittlerweile tourt sie unter dem Namen Ricki mit ihrer Band „The Flash“ durch kleine Clubs und arbeitet nebenher notgedrungen in einem Feinkostladen. Ricki lebt am Rande des Existenzminimums, hat längst Privatinsolvenz angemeldet. Lediglich die merkwürdige Beziehung zu ihrem Bandkollegen Greg (Rick Springfield) entlockt ihr ab und an ein Lächeln, auch wenn sich beide schon lange nicht mehr darüber einig sind, ob sie denn nun ein Paar oder nur Freunde sein wollen. Eines Tages reißt ein Anruf die vom Schicksal gebeutelte Musikerin aus ihrem Trott: Ihre Tochter Julie (Mamie Gummer) wurde von ihrem Mann für eine Call-Center-Mitarbeiterin verlassen und leidet seitdem unter schweren Depressionen. Ricki beschließt, sie und ihren Ex-Mann Pete (Kevin Kline) zu besuchen und so endlich ihren vernachlässigten Mutterpflichten nachzukommen. Mit Rickis Auftauchen kochen alte Gefühle hoch. Unausgesprochenes wird zutage gefördert und es schaut so aus, als hätte Ricki den Platz in ihrer eigenen Familie verspielt. Es bedarf viel Einfühlungsvermögen, um das Vertrauen von einst wiederherzustellen, doch viel Zeit hat sie dafür nicht, denn spätestens, als Petes neue Ehefrau Sharon (Keala Settle) auftaucht, erkennt Ricki, was sie durch ihren Weggang von ihrer Familie versäumt hat…
«Ricki – Wie Familie so ist» konzentriert sich nicht auf ein simples schwarz-weiß gezeichnetes Abbild von Taten und Gedanken. Der Film setzt den Fokus auf die stark ausgearbeiteten Figuren, die mit vielen Facetten versehen sind und doch ihren klaren Platz in der Familie haben. Dabei sind Kevin Kline, Streep sowie Julie-Darstellerin Mamie Gummer das Herzstück der Erzählung. Kline gibt den grundsoliden – ja, normalen – Vater, der als Gegenstück zu Ricki und als bodenständige Erdung der Familie funktioniert. In einer Szene nennt Ricki ihren Ex gar „unlocker“, was dieser mit der Reaktion beantwortet, gemeinsam mit seiner Tochter sowie seiner Verflossenen einen Joint zu rauchen. Das Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ propagiert «Ricki and the Flash», wie der Film in Anlehnung an den Bandnamen im Original heißt, ebenso wie die Kernaussage, dass sich Menschen nicht auf ihren ersten Eindruck beschränken lassen sollten. Mamie Gummer spielt die vermeintlich kaputte Julie mit viel Kraft und Inbrunst, der stetig mit ihrem angeschlagenen Ego bricht. Ihre liebeskummergeplagte, schwerdepressive Figur ist vollends zerrissen und gerade durch jene Zerrissenheit kann Gummer brillieren. Sie verleiht ihrem Charakter eine schwer einschätzbare Wankelmütigkeit und lässt das Publikum so in derselben Position wie die Filmfigur ihre Umwelt. Was zunächst folgt, ist kaum einschätzbar – ganz so, wie es bei depressiv erkrankten Menschen tatsächlich ist. Das Herzstück dieser Familie bleibt jedoch ganz klar die begnadete Meryl Streep alias Ricki, die eine Energie sowie eine zum Teil ungeahnte Freizügigkeit an den Tag legt, wie man sie von ihr bislang kaum kannte und womit sie einmal mehr direkten Kurs auf die anstehenden Award-Verleihungen nehmen dürfte. Die restlichen Charaktere können sich neben diesem Dreiergespann indes kaum entfalten, obwohl sie sichtbar interessante Züge besitzen.
Leidenschaft ist der Storymotor von «Ricki – Wie Familie so ist» dennoch denkt der Film nicht nach solch einem simplen Muster, wie viele andere Geschichten nach dem „Wenn du willst, kannst du alles schaffen!“-Schema. «Ricki» stellt Fragen nach Verantwortung und Kompromissen; muss man seine eigenen Ansprüche hintenanstellen, wenn man Familie hat? Wie sehr bleibt man in Beziehungen, vielleicht sogar in der Mutter- oder Vaterrolle auf der Strecke? Und gibt es so etwas wie einen familiären Zusammenhalt, der sich durch egal welche Umstände nie zerschlagen lässt? Diese und viele weitere Fragen brennen dem Regisseur und seiner Drehbuchautorin unter den Nägeln. Beantwortet werden diese nicht immer, wohl aber von Figuren zum Leben erweckt, wie sie realistischer, da geerdeter kaum sein könnten. Als Coverband spielen The Flash vorzugsweise bekannte Evergreens und aktuelle Rocksongs, die das Geschehen in Stimmung und Songtext wunderbar ergänzen. Bob Dylan, die Rolling Stones, aber auch Pink und Lady Gaga erhalten ihren Gedächtnisauftritt und Meryl Streep darf sowohl live singen, als auch Gitarre spielen. Auch einen eigenen, akustischen Song darf sie mit selbstgespielter Gitarrenbegleitung vortragen; ein intensiver, sensibler Moment, der uns die von Wankelmut und Unsicherheit gezeichnete Figur der Ricki noch einmal näherbringt.