Massive Verluste: War «Ein Fall für Zwei» zu modern?

Mehr als zwei Millionen Zuschauer verlor das neue Ermittler-Team des ZDF-Krimis. Die Zuschauer haben also gesprochen und gesagt: Wir wollen doch lieber seichte Formate.

Die Entscheidung, dass es bei «Ein Fall für Zwei» bleibt, fiel dann schlussendlich deshalb, weil es eine wirklich sehr starke Marke ist – wieso sollte man die aufgeben? Sie steht seit 30 Jahren für erfolgreiche Krimiunterhaltung.
Unter dem altbekannten Namen «Ein Fall Für Zwei» debütierte am 9. Mai 2014 das umstrukturierte Krimi-Format mit dem Ermittlerteam Benjamin Hornberg (Antoine Monot Jr.) und Leo Oswald (Wanja Mues). Im Vorfeld ließen die angekündigten Veränderungen und die deutliche Abgrenzung zum seichten Vorgänger Detektiv Matula (Claus-Theo Gärtner) eine postmoderne Krimiserie vermuten. Am 30. Mai ging die erste Staffel des früheren Erfolgsformats zu Ende: die Quoten sind seit der ersten Ausstrahlung drastisch gefallen.

Im Vorfeld absolvierte das neue Krimi-Duo einige Interviews und Fernsehauftritte und sensibilisierte das Publikum für das anstehende Debüt am gewohnten Freitagabend. Die Reaktivierung des alten Namens und die neue Besetzung lockten bei der ersten Folge 5,91 Millionen Zuschauer an die Fernsehgeräte, so dass ein hervorragender Marktanteil von 20,2 Prozent erreicht wurde. Bei den Jüngeren wurden 0,93 Millionen Menschen gemessen, was für einen Marktanteil von 9,5 Prozent sorgte. Kritiker beschrieben die erste Folge als „gelungen“, die Charakterzeichnung scheint sich im Vergleich zum Vorgänger entwickelt zu haben, denn bei der ersten Ausgabe wurden typische Lebensunterschiede des dargestellten Duos aufgezeigt. Benjamin Hornberg, der seine eigene „gerechte“ Lebensauffassung verkaufte, schließlich als Anwalt für Versicherungsrecht arbeitet, ließ seine „unkultivierte“ Vergangenheit zurück. Auffällig war die dargestellte Familienidylle und die Monotonie seines Alltags. Sein ehemaliger Freund Leo Oswald, der in einer prekären Situation steckt, bittet in der Episode den Anwalt um Hilfe, bringt das Leben seines Freundes durcheinander und sorgt letztlich für den Ausbruch aus seinem eintönigen Alltag.

Nach einer soliden Kriminalgeschichte stehen am Ende der Episode weiterhin die Charaktere im Vordergrund, die Geschichte reicht über die erste Episode hinaus und lässt den Zuschauer bezüglich deren gemeinsamen Vergangenheit im Dunkeln. Die verschiedenen Charaktere bedeuteten für «Ein Fall für Zwei» einen gewagten Wechsel, Parallelen zum vorherigen Format lassen sich kaum erkennen, lediglich der Standort Frankfurt ist geblieben. Nach der ersten Episode brach man bewusst mit der dargestellten Familienidylle und präsentierte zerrüttete Charaktere.

Hätte sich die zweite Folge als Quotenerfolg herausgestellt, wäre das Format wohl nicht in den Fokus gerückt: Doch bereits die zweite Episode musste einen deutlichen Quotenabfall hinnehmen, am 16.Mai schalteten lediglich 4,57 Millionen Menschen zur Sendung ein, so dass ein Marktanteil von 16,4 Prozent gemessen wurde. Weiterhin ein akzeptabler Wert, doch auch bei den 14- bis 49-Jährigen kam die Sendung nur noch auf 0,79 Millionen und 8,7 Prozent. Schon nach der zweiten Folge stellte sich die Frage: Ist das ZDF mit einer übergreifenden Charakterzeichnung und einer dynamischen „«CSI»-Kameraführung“ ein zu hohes Risiko eingegangen, da es beim Zuschauer fortlaufende Aufmerksamkeit und eigenes Mitdenken erfordert? Die Gratwanderung zwischen „abgeschlossener Kriminalhandlung“ und „übergreifender Geschichte“ ist riskant, da beide Komponenten das Interesse der Zuschauer wecken sollten.

Am 23. Mai flimmerte die dritte Episode von «Ein Fall Für Zwei» über die Fernsehgeräte und verzeichnete für Hornberg & Oswald eine absolute Zuschauerzahl von 4,03 Millionen Menschen. Bei den 14- bis 49-Jährigen stagnierte die Reichweite im Vergleich zur Vorwoche bei 0,79 Millionen und 8,8 Prozent – ein deutlich überdurchschnittlicher Wert. Aber: Das Projekt «Ein Fall Für Zwei» schien schon zu diesem Zeitpunkt mit der neuen Besetzung beim Publikum geringeres Interesse zu wecken, denn auf dem Sendeplatz erzielte zuvor «Der Alte» über fünf Millionen Zuschauer, obwohl das Wort „Innovation“ seit Jahrzehnten ein Fremdwort für diese Serie ist. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Senders in der Tat sehr seichte Kriminalfälle bevorzugen und vor allem mit oberflächlich gezeichneten Charakteren sympathisieren, denn signifikante Unterschiede lassen sich bei den geschriebenen Fällen nicht erkennen.

Weitere mögliche Gründe für die niedrigen Quoten wäre die starke Konkurrenz, denn RTL präsentierte an den vergangenen Freitagen zur besten Sendezeit «Let´s Dance», mit der Show der Privatsender seit einigen Wochen hervorragende Werte einfuhr und am 23.Mai auch den Tagessieg sicherte.

Das vorläufige Finale der Krimireihe wurde vergangenen Freitag ausgestrahlt und verzeichnete erneut einen Negativrekord, da die vierte Episode lediglich 3,67 Millionen Zuschauer fesselte und somit einen Marktanteil von 13,4 Prozent generierte. Auch wenn der absolute Marktanteil weiterhin im soliden Bereich lag, verlor «Ein Fall Für Zwei» binnen sieben Tagen erneut 360.000 Zuschauer. Bei den 14- bis 49-Jährigen generierte die Serie zumindest einen leichten Anstieg, schließlich schauten 0,83 Millionen – der Marktanteil fiel mit 8,3 Prozent hier weiter zufriedenstellend aus.

Über die gezeigten Innovationen muss das ZDF nun aber wohl doch nachdenken – denn allein auf Grund der Tatsache, dass aus mehr als 20 Prozent Marktanteil vier Wochen später 13,4 Prozent wurden, lässt sich das Wort „Erfolg“ nur schwer im Zusammenhang mit dem Krimiformat verwenden. Viele Fans der Reihe hofften auf den Charme, den die Kultfigur „Josef Matula“ repräsentierte, schließlich wurden sie aufgrund der „postmodernen“ Umwandlung enttäuscht. Das Staffelfinale endete übrigens mit einem Cliffhanger, weitere Episoden wird das zweite aller Wahrscheinlichkeit nach um den Jahreswechsel zeigen.
03.06.2014 09:20 Uhr  •  Marvin Weyer Kurz-URL: qmde.de/71069