«Sing meinen Song»: Lagerfeuer zur Primetime

Die neue VOX-Show am Dienstagabend geht ein ganz hohes Risiko und verzichtet komplett auf Highlights und Spannung zugunsten musikalischer Präsentationen. Das ist angenehm, birgt aber aus kommerzieller Sicht große Gefahren.

Hinsichtlich musikalischer Formate auf den großen deutschen Fernsehsendern war das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends von einem überwiegend zynischen und fatalistischen Bild geprägt. Mit «DSDS» und «Popstars» dominierten zwei Sendungen die Branche, die eher auf Voyeurismus, Stigmatisierungen und knallharte Inszenierung persönlicher Schicksale ausgerichtet waren, als die positiven Emotionen in den Vordergrund zu stellen, die Künstler und Konsumenten bei der Musik fernab der großen Medien-Maschinerie doch eigentlich antreiben. Wer ein Star sein will, muss die aktuellen Top 100 der deutschen Single-Charts perfekt nach Schema F wiedergeben, sein Privatleben möglichst umfassend in der Öffentlichkeit breittreten und sollte tunlichst davon absehen, eigene künstlerische Ambitionen anzubringen, so die Botschaft. Ausnahmen gab es, doch diese liefen entweder weitgehend fernab der breiteren Öffentlichkeit (die älteren Raab-Castings) oder floppten übel wie beispielsweise «Die goldene Stimme» im ZDF.

Mittlerweile ist «Popstars» schon lange Geschichte und «DSDS» kämpft am Samstag mit allen Mitteln um den Verlust des letzten Bisschens Rest-Relevanz, der dem beliebigen Karaoke-Singsang auf RTL noch geblieben ist. Die Faszination des Hochwertigen dominiert das Geschehen spätestens seit dem Riesenerfolg von «The Voice of Germany», doch in der Breite ist es derzeit vor allem der Sender VOX, der sich an ansprechenden und zum Teil auch von der Masse abhebenden Konzepten versucht. Nach der wunderbaren Doku-Reihe «100 Songs, die die Welt bewegten» versucht man sich mit «Sing meinen Song - Das Tauschkonzert» nun an einer Sendung, die beinahe schon konzertartig aufgebaut ist. Als Musikinteressierter kann man für diesen Mut nur applaudieren, doch die im Vorfeld so angepriesenen Elemente Überraschung und Spannung (siehe Infobox) sucht man leider vergebens.

Sieben Musiker setzen sich zusammen und interpretieren jeweils einen Song jedes Kollegen auf eine ganz neue Art und Weise. Auffällig dabei: Mit Xavier Naidoo («The Voice»), Sarah Connor und Sandra Nasic («X Factor»), Sasha (Juror bei den frühen Raab-Castings) und Gregor Meyle (erfolgreicher Teilnehmer eines frühen Raab-Castings) war der Großteil der Akteure bereits in der Vergangenheit an TV-Castings beteiligt, die eine positive Philosophie des Genres vermittelten. In der Produktion von Schwarzkopff TV treffen sie sich nun in Südafrika und stellen sich gegenseitig ihre Songs ohne große Showbühne, Publikum oder Moderator vor. In der Auftaktfolge wird die Vita von Sasha sondiert, um passende Songs für den eigenen Vortrag zu finden. Sasha selbst darf am Ende einen Tagessieger küren.

Nachdem die natürlich über alle Maßen tollen Teilnehmer und die wundervolle Landschaft Südafrikas ausgiebig beweihräuchert worden sind, werden die verbliebenen rund 75 von 90 Minuten Brutto-Sendezeit in der Tat beinahe ausschließlich dafür genutzt, die verschiedenen Interpretationen der Sasha-Hits vorzustellen. Als Zuschauer fühlt man sich hier ein wenig wie auf einem kleinen Open-Air-Konzert mit ein paar guten Freunden in angenehmer Atmosphäre. Alle Beteiligten haben ihren Spaß und respektieren sich gegenseitig, alle haben sich lieb und niemand geht am Ende des Tages als Verlierer vom Feld.

Und tatsächlich scheint das auch die Ausrichtung zu sein, welche die Programmverantwortlichen hier vorgeben. Doch eine echte Faszination der Nettigkeit dringt - von der schönen Lagerfeuer-Atmosphäre mal abgesehen - nicht bis zum Zuschauer vor. Das liegt zum einen an der überaus unpektakulären Idee, dass erfolgreiche Musiker Hits anderer erfolgreicher Musiker performen. So etwas kann funktionieren, wenn es Element eines Konvoluts an Challenges und Herausforderungen ist, als alleiniger Bestandteil einer sieben Episoden umfassenden Reihe auf dem sechsgrößten Sender Deutschlands ist so etwas jedoch etwas arg abwechslungsarm und statisch.

Ferner fehlen auch die Erkenntnisgewinne für den Rezipienten. In dieser Hinsicht ist der Rezensent offenkundig mit einer falschen Erwartungshaltung an das Format gegangen, denn er erwartete eigentlich, dass man die Künstler zumindest in Form eines kleinen Einspielfilms dabei begleitet, wie sie versuchen, das Arrangement des Originaltitels zu verändern, der Tonalität des Stückes Herr zu werden und sich so das jeweilige Lied schrittweise immer mehr zu eigen machen. Das fehlt bis auf einen kurzen und meist nichtssagenden Satz, warum man sich nun für genau diesen Titel entschieden hat, allerdings komplett. Bedauerlich, hätte man so doch einem breiteren Publikum mal Einblicke in die Arbeit von Künstlern hinter den Kulissen gewähren können.

So jedoch bekommt man eher ein Best-Of von Sasha (Foto) geboten, das dann eben nicht Sasha singt, sondern Sarah Connor, Roger Cicero oder Xavier Naidoo. Kann man machen, aber zur Primetime auf einem großen Sender? Sieben Wochen lang? Einfach nur singen? Das dürfte dann doch etwas arg wenig sein, sobald bei der Konkurrenz das eine oder andere Highlight (wie in der kommenden Woche das Champions-League-Spiel des FC Bayern) zu sehen ist. Denn man wagt sich ja auch nicht an ein Fachurteil zu den einzelnen Performances. Das ist verständlich, da sich die wenigsten Musiker anmaßen werden, das Schaffen ihrer Kollegen zu kritisieren, aber somit verpasst man es ein weiteres Mal, für Szenen zu sorgen, die dann tatsächlich einmal so etwas wie Spannung oder zumindest eine interessante Eigendynamik hätten aufkeimen lassen können.

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Somit geht man schlussendlich mit eher gemischten Gefühlen aus der Sendung heraus. Auf der einen Seite wurde man von «Sing meinen Song» positiv und angenehm unterhalten, hatte einen gemütlichen Abend bei sehr beschaulicher Atmosphäre und nimmt eventuell sogar das (landschaftlich wahrhaftig wunderschöne) Land Südafrika im Falle vorhandener finanzieller Mittel in die engere Auswahl für den nächsten Sommerurlaub. Andererseits zeigten diese 90 Minuten auch, dass man so überhaupt rein gar nichts von Relevanz verpasst, sollte man der weiteren Ausstrahlung nicht folgen. Insofern gleicht die Sendung eher einer Openair-Konzert-Übertragung auf ZDFkultur als einem packenden und dynamischen Show-Format auf VOX. Das muss nicht schlecht sein - wird aber sehr wahrscheinlich zu schlechten Quoten führen.
22.04.2014 23:45 Uhr  •  Manuel Nunez Sanchez Kurz-URL: qmde.de/70290