Showtimes Rekordshow: Goodbye, «Dexter»!

Die erfolgreichste Showtime-Serie verabschiedete sich am Sonntag von seinen Fans. Wir besprechen die Zuschauerzahlen, die Themen und die Zukunft des «Dexter»-Franchises.

«Dexter»-Facts

  • «Dexter» gewann 34 Preise, darunter 2 Golden Globes, und heimste 135 Nominierungen ein
  • Der Blutspritzeranalyst tötete insgesamt 134 Menschen
  • Auf insgesamt 96 Episoden blickt die Showtime-Serie zurück
  • «Dexter» wurde vom Empire Magazine auf #30 der besten TV-Shows aller Zeiten gesetzt
Am Sonntagabend verabschiedeten sich die Serienfans in den USA vom wohl beliebtesten Massenmörder der TV-Welt: Nach der achten «Dexter»-Staffel endete das Showtime-Format um den Blutzspritzeranalyst, der ein Doppelleben führt, das aus Polizeiarbeit und Hinrichtung von Mördern besteht. Für Bezahl- und Kabelsender Showtime stellt «Dexter» das Aushängeschild und die erfolgreichste Produktion des Senders aller Zeiten dar, welche einen großen Anteil an der Etablierung des Networks trägt. «Dexter» legte mit seiner außerordentlichen Beliebtheit bei Fans und Kritikern den Grundstein für Sendungen wie «Californication», «Die Borgias», «Homeland» oder zuletzt «Ray Donovan», die den US-Riesen wie HBO Konkurrenz machen.

Dabei schaffte es der Serienmörder aus Miami sich von Staffel zu Staffel zu steigern. In den ersten drei Seasons lag die Reichweite im Schnitt noch knapp unter einer Million US-Amerikanern. Den ersten großen Satz machten die Zuschauerzahlen zum Staffelfinale von Durchlauf drei, als sich 1,5 Millionen Menschen für Showtime und den Antihelden aus Florida entschieden. Die Premiere des vierten Durchlaufs fesselte schon 1,9 Millionen Zuseher an die Fernsehsessel. Zwei neue Rekorde stellte die Drama-Serie zum Abschluss der Staffel auf der Jagd nach dem „Trinity-Killer“ auf: Die vorletzte Episode verzeichnete ein Hoch von 2,1 Millionen Zuschauern und zum schockierenden Staffelfinale wurde sogar ein Publikum von 2,6 Millionen Menschen gemessen – letzterer Wert blieb bis zur siebten Staffel unerreicht, im Mittel sahen 1,87 Millionen Amerikaner «Dexter» in seiner vierten Runde bei der Arbeit zu.

Die letzten vier Folgen von Staffel fünf überschritten alle die Zwei-Millionen-Zuschauer-Marke, die größte Sehbeteiligung erreichte die zehnte von zwölf Folgen mit einer Zuseherschaft von 2,54 Millionen. Damit hob die fünfte Season den Durchschnittswert auf 1,99 Millionen Interessierte. Die sechste Staffel war die erste, die Abschläge machen musste, wenn auch nur leicht. Showtime kam dort nie über 2,23 Millionen Menschen (Staffelfinale) und zog im Durchschnitt ein Publikum von 1,92 Millionen Krimi-Freunden an. Deutlich besser sah es in der siebten und vorletzten Season aus: Dort scheiterte man nur zwei Mal knapp an der Zwei-Millionen-Hürde (1,98 in Folge drei und 1,99 in Folge sechs). Die vorletzte Ausgabe generierte ein Zuschauerinteresse von 2,6 Millionen Menschen, das Staffelfinale stellte mit 2,75 Millionen Zuschauern einen neuen Rekord auf – überragende 2,23 Millionen Interessierte im Schnitt machten den siebten Durchlauf zum vorerst erfolgreichsten.

Der Anfang der finalen «Dexter»-Staffel deutete schon an, dass es weiter nach oben gehen würde: Die Premiere unterhielt ein Publikum von 2,48 Millionen Menschen (Top-Show bei den 17- bis 23-Jährigen) und machte als Lead-In die neue Showtime-Serie «Ray Donovan» mit 1,4 Millionen Zuschauern bei der Erstausstrahlung zu Showtimes meistgesehener Premiere einer Eigenproduktion aller Zeiten. Die ersten fünf Folgen der abschließenden «Dexter»-Staffel hatten stets ein Publikum über 2,4 Millionen Menschen. Durch die Rückkehr von «Breaking Bad» und «Duck Dynasty» zur selben Sendezeit, sonntags um 21 Uhr, unterhielt man am 11. August und in der Folgewoche (Episode sieben und acht) „nur“ 1,90 und 1,94 Zuschauer. Zur Folge neun schwang man sich trotz den überragenden VMAs mit rund 10 Millionen Zusehern wieder auf 2,28 Millionen Interessierte hinauf. Standesgemäß stellte «Dexter» zu seinem Serienfinale vergangenen Sonntag auch einen Allzeit-Rekord für Showtime auf: 2,8 Millionen Menschen sahen das Ende der Show, welches wohl nicht Wenige mit offenen Mündern zurückließ – auch der Staffelschnitt von 2,36 war der beste aller Zeiten für Showtime und «Dexter» – bei allen Zahlen darf man nicht vergessen, dass Showtime ein Pay-TV-Sender ist, womit die Zahlen noch bemerkenswerter sind.

Eine Erfolgsgeschichte geht damit zu Ende. Paradox, dass die Geschichte um einen mordenden Psychopathen auf eine so große Beliebtheit stieß. Die Begründung dafür ist, dass «Dexter» so viel mehr als nur das ist. Die Serie dreht sich nicht nur um Selbstjustiz und darum Mörder hinzurichten, sondern zudem um Themen wie Familie, Moral, Partnerschaft, Auswirkungen von (Kindheits-)Traumata und um die Eigenschaften des Menschen selbst. Letztere Punkte greifen ineinander, da «Dexter» durch die Nachwirkungen einer verstörenden Kindheitserfahrung, die an dieser Stelle nicht gespoilert werden soll, unfähig ist Gefühle und Empathie zu empfinden. Deshalb ist er darauf angewiesen aus seiner objektiven Sicht der Dinge die Menschen zu analysieren, um in fruchtbare Interaktionen mit ihnen zu treten, was sich in einer erfrischenden und teils erheiternden Perspektive auf das Wesen Mensch niederschlägt. „Menschen fälschen viele ihrer menschlichen Interaktionen, aber ich fühle mich, als würde ich sie alle fälschen und ich fälsche sie sehr gut“, ist eines von «Dexters» vielen denkwürdigen Zitaten, das diesen Umstand gut ausführt.

Trotz seinem Kodex weiß «Dexter», dass er ein „neat Monster“ ist - ein ordentliches Monster, bezogen auf seine ausgezeichneten Fähigkeiten seine Spuren zu verwischen -, da er nur intensive Emotionen und Gratifikation empfindet, wenn er die Menschen ermordet, die selbst Individuen auf dem Gewissen haben. Auch wenn «Dexter» nach diesem Kodex arbeitet und sich in seinem Blutdurst nur auf Mörder konzentriert, ist er immer noch selbst ein Killer, der auch hin und wieder gezwungen ist Unschuldige auszuschalten, die seinem dunklen Geheimnis auf die Schliche gekommen sind.

Dies könnte ein Grund dafür sein, warum «Dexter» in den USA deutlich mehr Anklang findet als in Deutschland. In 36 der 50 US-amerikanischen Staaten ist die Todesstrafe noch immer Teil des dortigen Rechtssystems, 1338 Schwerverbrecher wurden seit 1976 in den USA exekutiert (Quelle: Wikipedia). Das macht eine Bestrafung von schweren Verbrechen mit dem Tod in den USA immer noch sehr präsent, wenn nicht allgegenwärtig. Als Konsequenz könnten einige Zuschauer die Taten von «Dexter» als legitim sehen. Auch die stark ausgeprägte Comic-Kultur könnte ihren Anteil am Erfolg von «Dexter» haben – nüchtern betrachtet bekämpfen Superhelden Bösewichte schließlich auch mit (tödlicher) Gewalt, auch wenn «Dexter» noch deutlich menschlicher daherkommt als die meisten Comic-Helden

«Dexter»-Quoten auf RTL II

  • S1: 0,45 Mio. (3,7% / 6,0%)
  • S2: 0,57 Mio. (3,7% / 4,8%)
  • S3: 0,49 Mio. (3,6% / 4,5%)
  • S4: 0,37 Mio. (3,2% / 5,6%)
Staffel eins lief montags um 23 Uhr, Staffel zwei und drei jeweils am Sonntag gegen 22.20 Uhr bzw. 23:30 Uhr und Staffel vier in Marathon-Programmierungen von freitag bis sonntag ab zirka 22.45 Uhr
Anders sieht es beim deutschen, stark gemäßigten, Rechtssystems aus. Hierzulande sind die Menschen an faire Rechtsprozesse mit eventuell folgender Freiheitsstrafe gewöhnt und für die Hinrichtung von Menschen sensibilisiert. Freilich ist die Praxis deutlich komplexer, allerdings steht fest, dass «Dexter» in Deutschland quotentechnisch noch aufzuholen hat: RTL II nahm sich der Sendung an, wo die Erstausstrahlung im Free-TV am 29. September 2008 tolle Werte von 5,2 und 8,6 Prozent für den Münchner Sender generierte. In der Folge ging es allerdings bergab. Zur Event-Programmierung der vierten Staffel, am Wochenende vom 23. bis 25. August, standen für RTL II nur noch Quoten zwischen 2,6 und 4,5 bei den Menschen ab drei Jahren zu Buche, in der Zielgruppe schwankten die Werte zwischen 4,5 und 6,2 Prozent. Wären die Samstagsquoten nicht gewesen (2,6 & 4,5 Prozent), als ein Boxkampf im Ersten zu große Konkurrenz für «Dexter» war, hätte man den Senderschnitt wohl etwa einhalten können.

Seit 2006 gingen «Dexter» und sein „dunkler Begleiter“ auf Mörderjagd in insgesamt 96 Episoden. Bei allem Lob für das Format fällt dem aufmerksamen Beobachter auf, dass die Serie schon wesentlich früher hätte enden können. Spätestens nach Staffel vier muss man «Dexter» einen Qualitätsverlust konstatieren, der sich in sprunghaftem und teils unlogischem Storytelling niederschlug. Dafür hauptverantwortlich ist wohl Showtime selbst, das wegen finanziellen Aspekten eine Gruppe Autoren auf die Ausarbeitung einer Geschichte ansetzte, deren Rahmen längst feststand. «Dexter»-Fans können allerdings gespannt auf ein neues Format sein. Da für Showtime «Dexter» ein so wichtiges Franchise sei wie «Batman» für Warner Bros. (So der Showtime-Programmverantwortliche David Nevin) soll ein «Dexter»-Spin-Off bei Showtime seine Heimat finden. Konkretes stehe noch nicht fest, alles sei möglich. Allerdings sei ein „Debra“-Ableger, über welchen spekuliert wurde, unwahrscheinlich, da Darstellerin Jennifer Carpenter das Gefühl hat, sie habe ihren Charakter „von Anfang bis Ende durchgespielt.“ Auch ein „Next Generation“-Spin-Off liegt im Bereich des Möglichen.

Für «Dexter» selbst ist jedoch Schluss. Die Serienwelt muss sich vom sympathischen Serienkiller mit dem etwas extremen Gerechtigkeitssinn verabschieden. Nicht wenige werden die herrlich ambivalent ausgearbeiteten Charaktere, den großartigen Soundtrack, tiefgründige Voice-Overs sowie die Gore-/Splatter- und Schockeffekte von Showtimes erfolgreichster Serie vermissen.
26.09.2013 08:59 Uhr  •  Timo Nöthling Kurz-URL: qmde.de/66342