First Look: «The Americans»

«The Americans» thematisiert einen sehr amerikanischen Stoff – für den deutschen Markt ein Grundsatzproblem.

Staff von «The Americans»

  • Produktionsfirma: Amblin Entertainment, Fox Television Studios
  • Schöpfer: Joe Weisberg
  • Executive Producers:Joe Weisberg, Joel Fields, Graham Yost, Justin Falvey, Darryl Frank, Gavin O'Connor
  • Darsteller: Keri Russell, Matthew Rhys u.v.a.
Wenn Amerika sich in seiner Fiction mit sich selbst beschäftigt, war das zumindest früher für andere Märkte eher weniger interessant. Das vielfach preisgekrönte «The West Wing», das von 1999 bis 2006 beim Network NBC lief, hat es etwa bis heute nicht ins deutsche Free-TV geschafft.

In den letzten Jahren schien sich der deutsche Markt jedoch zumindest ein Stück weit den eher amerikalastigen Fiction-Produktionen aus Übersee anzunehmen. «Mad Men», das sich sehr stark mit den gesellschaftlichen Umwälzungen der 60er Jahre in den USA beschäftigt, wird hierzulande im frei empfangbaren Fernsehen zumindest bei ZDFneo ausgestrahlt – und damit ähnlich unter Ausschluss einer breiten Öffentlichkeit wie etwa die viel gelobte Miniserie «Angels in America» vor rund zehn Jahren, die das Erste damals im Nachtprogramm versendete.

In den letzten Wochen kam es nun vielleicht zu einem kleinen Paradigmenwechsel: «Homeland», ein Alptraumszenario der amerikanischen Sicherheitspolitik, ist derzeit eines der wenigen Formate, das bei Sat.1 verhältnismäßig breiten Anklang findet. Qualität macht sich hierzulande auch mit sehr amerikanischen Themen und sehr amerikanzentrischen Plots, die sich auf die deutsche Realität kaum übertragen lassen, bezahlt.

Mit «The Americans» startete nun bei FX vor wenigen Wochen ein weiteres Format in den USA, das bei den Sendern hierzulande wohl ein Gefühl zwischen Hoffnung und Kopfzerbrechen aufkommen lassen wird. Die Ausrichtung und das Thema sind dem von «Homeland» ähnlich, der dramaturgische Fokus ist jedoch in mancher Beziehung ein anderer, das Setting für ein kontinentaleuropäisches Publikum vielleicht noch einen Tacken unzugänglicher.

Keri Russell und Matthew Rhys spielen im Washington, DC der frühen 80er Jahre das Ehepaar Jennings. Sie leben in einem schicken Suburb, wo die Zäune weiß und die amerikanischen Flaggen vor den Häusern obligatorisch sind. Das Geheimnis der Jennings: Sie sind Undercover-Agenten für den KGB, spionieren im Zentrum der Macht der USA, führen Liquidierungsoperationen aus – all das, was Agenten in Hollywood-Produktionen eben so machen. Dass man aufgrund ihres äußerlich durch und durch amerikanischen Lebensstils und ihrem akzentfreien Englisch nicht im Traum daran denken würde, dass es sich bei den netten Nachbarn von nebenan um Spione aus Moskau handelt, ist Teil des KGB-Konzepts: Seit sich die Jennings in den USA aufhalten, haben sie kein russisches Wort auch überhaupt nur gesehen.

Die 80er Jahre in Amerika, das bedeutet: republikanisch, konservativ, patriotisch, geeinigt in erdrutschartigen Wahlsiegen für Ronald Reagen und einem gefestigten nationalen Selbstverständnis, mitunter gespeist aus einem letzten Aufbäumen des Kalten Krieges, einem Ende der „Malaise“ nach dem Scheitern der Carter-Regierung, einem vergleichsweise glücklichen Ende der Geiselkrise von Teheran – und noch ein weiter Weg zu „Tear Down this Wall“.

Auch ein jüngeres Publikum in Amerika kann zumindest noch in Ansätzen diese Zusammenhänge verstehen, wenn es vielleicht auch das Zeitgefühl nicht in vollem Umfang nachempfinden kann. Doch viele dieser Eregnisse, die bei den «Americans» den historisch-gesellschaftlichen Rahmen setzen, sind im kollektiven Gedächtnis der USA noch fest genug verankert, um Referenzen darauf leicht verständlich zu machen. Einem deutschen Publikum wird das deutlich schwerer Fallen.

Schließlich ist «The Americans» kein weiteres «ALIAS», das zwar dynamisch, im Sinne der historischen Relevanz und der gesellschaftlichen Brisanz aber belanglos jede Woche einen neuen Plot abspult und im Hintergrund um die Hauptfiguren einen pseudo-mysthischen Arc aufbaut.

Natürlich klammert «The Americans» als Agenten-Thriller nicht sein Genre aus. Doch neben den gut geschriebenen plotgetriebenen Momenten und dem spannenden Konflikt um diese sonderbare, vor zwanzig Jahren vom KGB arrangierten Ehe schimmert nahezu dauerhaft das historisch-kulturelle Setting als tragender Eckpfeiler durch – wenn es natürlich auch hier um die ganz großen Themen Liebe, Vertrauen und Betrug geht.

Doch anders als die meisten anderen Produktionen des Genres ist «The Americans» durch seine schon titelgebende sehr starke Fokussierung auf die amerikanische Vergangenheit klar begrenzt. Wer das nötige Hintergrundwissen mitbringt sowie über die notwendige kulturelle Sensibilität verfügt, kann sich auf eine der besten neuen Serien der bisherigen Season freuen – gespickt mit hervorragenden Dialogen, beeindruckenden, hoch emotionalen Szenen und zwei hervorragenden Hauptdarstellern.

Wer sich dagegen schon mit dem Namen Ronald Reagan schwer tut, wird sich im Universum der «Americans» kaum zurechtfinden können.

Je nachdem, wie die deutschen Sender ihr Publikum diesbezüglich beurteilen, wird wohl auch das Schicksal dieser hervorragenden FX-Serie auf dem deutschen Markt ausfallen: Wird man sie feiern wie «Homeland»? Oder ignorieren wie «The West Wing»?
17.03.2013 12:31 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/62651