Der Angriff auf «Voice»-Star Naidoo: Billige PR oder wirkliche Geschichte?

«Voice»-Mentor Xavier Naidoo mit Gegenwind: Ein Hidden Track seines Albums sorgte für Schlagzeilen – zwei Monate nach dem Release. Manuel Weis über den Versuch, dem Vorzeigemusikformat des deutschen Fernsehens an den Karren zu fahren.

14. November - «The Voice of Germany II» läuft auf Hochtouren. Die aufgezeichneten Shows sind alle im Kasten, in Kürze beginnt die Live-Show-Phase der Musikshow. Die Zuschauerzahlen belegen: Auch wenn die Battle-Phase minimal Marktanteile abgeben musste, grob gesagt ist die zweite Staffel genauso erfolgreich wie die Erste. Aber es brauen sich dunkle Wolken am Himmel zusammen. Die „Bild“ titelt schlagzeilenträchig: „Strafanzeige gegen Xavier Naidoo“.

Die Jugendorganisation der Linkspartei soll diese gestellt haben. Ein auf dem neuen Album von Xavier Naidoo und Kool Savas nicht aufgelisteter, aber trotzdem vorhandener Track solle einen Aufruf zur schweren Körperverletzung und zur Volksverhetzung enthalten. Um was geht es in dem „Hidden Track“? Es geht um schlimme Ritualmorde an Kindern, die laut Naidoo selbst in Europa passieren. Mit dem Song wollen die beiden Musiker darauf aufmerksam machen. Für die Täter finden die beiden deftige Worte: „Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann fi*** ich euch in den Ar***, so wie ihr es mit den Kleinen macht.“

15. November - ProSieben und Sat.1, die beiden Sender, die «The Voice of Germany» ausstrahlen, bekunden ihre Treue zu Naidoo – Dr. Ton werde Teil von «The Voice of Germany» bleiben. Am gleichen Tag wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft nicht ermitteln wird. Dieser Fakt aber macht in den Boulevard-Medien keine allzugroße Runde.

Nach der vermeintlichen Affäre „Naidoo“ bleiben Fragen offen. Zweifelsohne: Hier wurde bewusst versucht, einen Skandal zu schüren. Das entsprechende Album von Naidoo und Savas wurde bereits im September, also vor zwei Monaten veröffentlicht. Wieso aber herrscht erst jetzt Aufregung über den Hidden Track? Es ist nicht anzunehmen, dass dieser erst acht Wochen später vernommen wurde. Vielmehr macht es den Anschein als gäbe es Lobbyisten, die der erfolgreichen Casting-Show «The Voice of Germany» schaden wollen, in dem sie die Sympathieträger des Formats in den Dreck ziehen.

Das Problem der Gegner ist nur recht einfach: Weder über „The BossHoss“ noch über Rea Garvy lassen sich allzu viele negative Dinge finden. Nena ist in Deutschland sowieso Everybodys Darling – bleibt also nur Xavier Naidoo. Der Rapper, bei dem man, wenn er schon sonst nichts anstellt, zumindest irgendwo harte Texte finden könnte.

Der unglaubliche Erfolg von «The Voice of Germany» (im Frühjahr wird ein Kids-Ableger der Show kommen), ruft auch Gegner hervor – und auch die Boulevard-Presse, die schlicht alles verarbeitet, was sich halbwegs für eine Schlagzeile eignet. Theoretisch können Gegner auch Großunternehmen sein. Quotentechnisch hat das Format mal eben die 30-Millionen-Euro-Serie «The Transporter» nach Strich und Faden platt gemacht. In der ersten Staffel war die Sendung und die damit einhergehende veränderte Wahrnehmung des Genres beim Publikum mit dafür verantwortlich, dass Dieter Bohlens «DSDS» massive Zuschauerverluste zu beklagen hatte.

RTL, Bohlen, «Deutschland sucht den Superstar» - die Samstagabendshow schlechthin in den vergangenen Jahren hat massive Kratzer im Lack bekommen. Natürlich wäre es RTL recht, wenn die Farbe an der bislang makellosen Fassade von «The Voice» zu bröckeln beginnen würde. In diesem Fall hatte RTL mit der versuchten Skandalisierung allerdings nichts zu tun. Wer auch immer versucht hat, hier einen Skandal zu lancieren (und sei es nur aus dem Grunde, um selbst im Rampenlicht zu stehen), hatte nicht allzu viel Glück. Auch, weil Naidoo richtig reagiert hat. Interviews in Radiosender, ein offener Brief von ihm („Ich stehe, seit ich denken kann, mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß, weil sie Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht respektiert und akzeptiert. Diese Haltung ist völlig inakzeptabel, und wer gegen diese Menschen Verachtung und Hass aufbringt, der hat Jesus nicht verstanden“), also die volle Offensive.

Deshalb dürfte – und danach sieht es aktuell aus – erstmal alles glimpflich ausgegangen sein. Aber: Die nächste Attacke wird kommen. Zu wünschen wäre es dann aber, dass die Journaille ebenso wie die Leser hinterfragen: Wer könnte versuchen aus dieser Geschichte einen Skandal zu stricken und wer profitiert davon? Erst dann kann korrekt eingeordnet werden, ob es sich hier um billige PR-Tricks oder eine wahrlich zu diskutierende Geschichte handelt.
17.11.2012 08:45 Uhr  •  Manuel Weis Kurz-URL: qmde.de/60406