Die Kritiker: «Der Hafenpastor»

Pastor Book bietet einem flüchtigem Mädchen Kirchenasyl – zum Ärger von Ausländerbehörde und Polizei.

Inhalt
Stefan Book ist Pastor der St. Pauli Kirche für Schanze, Karo und Kiez. Er sieht es als seine Lebensaufgabe an, sich den Gefallenen und Gestrandeten zu widmen, ganz gleich, welcher Konfession sie angehören mögen oder aus welchem Milieu sie stammen. Book geht dabei oftmals bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Als sich eines Tages ein junges Mädchen in seine Kirche flüchtet, muss Book schnell handeln: Die gerade volljährig gewordene Adoma Fauré kam vor Jahren illegal aus Afrika nach Deutschland, lebte bei ihrer Mutter, hat gerade das Abitur bestanden und soll nun – laut Urteil der Ausländerbehörde – wieder in ihre Heimat abgeschoben werden.

Book gewährt ihr Kirchenasyl, bis die Sache vor Gericht neu verhandelt werden kann. Dabei gerät er mit seiner Schwester Rita Book in eine große Auseinandersetzung, die als zuständige Polizistin die Aufgabe hat, das flüchtige Mädchen festzunehmen und in den nächstmöglichen Flug nach Togo zu setzen. Bei Sabine Sattler von der Ausländerbehörde findet Book schließlich Unterstützung. Doch bald wachsen dem Pastor die Dinge über den Kopf. Aus Angst vor der Abschiebung flüchtet Adoma aus der Kirche und gerät in die Fänge von Zuhälter Bodo Schüler…

Darsteller
Jan Fedder («Großstadtrevier») ist Stefan Book
Martina Offeh ist Adoma Fauré
Marie-Lou Sellem («Für immer 30») ist Rita Book
Margarita Broich («Ein Jahr nach morgen») ist Sabine Sattler
Uwe Bohm («Der Dicke») ist Bodo Schüler
Sabine Orléans («Danni Lowinski») ist Evelyn Krietsch
Annette Uhlen («Propaganda») ist Elke Cornelius
Tim Grobe («Engelchen») ist Eddi

Kritik
Jan Fedder, der Kommissar aus der ARD-Serie «Großstadtrevier», als betender Pastor? Das klingt im ersten Moment etwas merkwürdig und sieht anfangs auch seltsam aus. So richtig mag der 57-jährige Hamburger nicht in ein schwarzes Pastorengewand mit weißem Kragen passen. Zu sehr hat sich das Bild des schnodderigen Polizisten ins Gedächtnis gebrannt. Umso besser, dass der Hafenpastor ein klein wenig anders tickt und sein Kostüm über weite Strecken des Films gar nicht trägt.

Nach etwas Eingewöhnungszeit kann Fedder bald schon alle Sympathien für sich verbuchen. Er überzeugt als Prediger seiner Sankt Pauli-Kirche, der weder davor zurückschreckt im Gotteshaus zu fluchen oder sich zur Stärkung eine Currywurst mit Korn und Bier reinzujagen. Dazu hält seine Kodderschnauze immer einen trockenen Spruch auf den Lippen und schafft es, die ernste Thematik mit Charme und Witz zugänglicher zu machen. Denn auch wenn Pastor Book einen sehr unkonventionellen Umgang mit der Kirche pflegt und manchmal leicht verpeilt zu sein scheint, versteckt sich in seinem Inneren eine grundgute Herzlichkeit gegenüber jedem seiner „Schäfchen“.

Drehbuchdebütant Stefan Wild liefert mit seinem Erstlingswerk eine gelungene Mischung aus Familientragik und Flüchtlingsdrama, gespickt mit aktuellen Diskussionen. Das Skript ist gesellschaftskritisch und hält dem Volke – wenn auch stellenweise etwas zu plump – den Spiegel vor. Gen Ende büßt die Geschichte zwar an Glaubwürdigkeit ein, driftet aber nie ins Bodenlose oder Absurde ab. Mit der Jungschauspielerin Martina Offeh, die hier ebenfalls ihr Filmdebüt gibt, wurde die zweite Hauptrolle der geflüchteten Afrikanerin Adoma zudem perfekt besetzt. Dass Offeh zum ersten Mal für einen Langfilm vor der Kamera stand, merkt man ihr zu keiner Zeit an.

«Der Hafenpastor» ist ein wesentlich tiefgründigeres Werk als sein Titel zunächst vermuten lässt. Die Handlung ruht sich dabei nicht einzig auf dem Konflikt zwischen Kirche und Gesetz aus, sondern bringt mit der zerrütteten Familiensituation der Books und der nach wie vor vielerorts aktuellen Ausländerfeindlichkeit weitere Facetten ans Licht. Jan Fedder als Pastor mit Schwächen und Martina Offeh als intelligentes Flüchtlingsmädchen gefallen als ungleiches Paar. Auch wenn der Schluss vorhersehbar erscheint, lohnt sich ein Blick auf das Fernsehfilm-Debüt von Autor Stefan Wild allemal.

Das Erste strahlt «Der Hafenpastor» am Mittwoch, den 12. September, um 20.15 Uhr aus. Eins Festival zeigt die Wiederholung am Samstag, den 15. September, ebenfalls um 20.15 Uhr.
10.09.2012 15:30 Uhr  •  Janosch Leuffen  •  Quelle: Inhalt: ARD Kurz-URL: qmde.de/59054