Jonas Nay: 'War am Ende in einer Art Schockzustand'

Der 21-jährige Jungschauspieler räumte beim «Deutschen Fernsehpreis» ab (wir berichteten). Der „beste Fernsehfilm des Jahres“ 2011, das Jugend-Drama «Homevideo», ist nun auch in der ARD zu sehen. Wir sprachen mit Jonas Nay über den Film und seine Auszeichnungen.

Herr Nay, beim «Deutschen Fernsehpreis» wurden Sie und der Film «Homevideo» ausgezeichnet. Haben Sie das mittlerweile innerlich verarbeitet, dass Sie gleich zwei Fernsehpreise bekommen haben?
Ja, so langsam setzt es sich. Aber ich habe eine lange Zeit gebraucht. Ich glaube, ich kann auch jetzt noch nicht richtig einsortieren, was es bedeutet, diese beiden Fernsehpreise gewonnen zu haben. Aber ich habe das gebührend mit meinen Freunden und meiner Familie gefeiert. Doch die Feierzeit ist nun vorbei. Ich bin niemand, der sich zu lange auf Lorbeeren ausruht und deswegen gilt es auch in schauspielerischer Hinsicht nach vorne zu schauen.

Gibt es denn durch die Fernsehpreise und das positive Echo auf ihre erste Film-Hauptrolle vermehrt Schauspiel-Angebote für Sie?
Ja, das kann man schon sagen. Es lief auch nach den Dreharbeiten zu «Homevideo», das wir ja bereits 2010 gedreht haben, schon gut in Sachen Anfragen für Filmprojekte. Ich habe beispielsweise noch den Road-Movie «Dear Courtney» fürs Kino gedreht, der mein Debüt auf der Leinwand ist und wohl im Herbst 2012 zu sehen sein wird, und mit «Jorinde & Joringel» einen Märchenfilm gemacht. Nach dem Fernsehpreis gibt es nun auch noch mehr Anfragen. Somit weiß ich, dass ich in der nächsten Zeit noch einiges drehen werde und darauf freue ich mich.

Mit «Homevideo» hatten Sie auch im Fernsehen Ihre erste große Hauptrolle...
… ich hatte schon eine große Hauptrolle in der NDR Mystery-Serie «4 gegen Z». «Homevideo» war mein Hauptrollen-Debüt in einem Film für Erwachsene. Für mich war es die erste große TV-Rolle in einem Fernsehfilm.

Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt, dass Sie für das Filmprojekt zugesagt haben?
Der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Projekts war sicherlich das Drehbuch von Jan Braren. Bevor ich überhaupt zum Casting gegangen bin, habe ich dieses Drehbuch zugeschickt bekommen und es mir durchgelesen. Das hat sich so toll und spannend gelesen und mir war sofort bewusst, was ich im Falle, dass ich die Rolle bekomme, zu spielen hätte. Ausschlaggebend war für mich also das gute Drehbuch, das einfach konsequent geschrieben ist und gar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger herab auf das Thema Cyber-Mobbing eingeht, sondern die Geschichte sehr nah am realen Leben dran erzählt. Das hat mich begeistert. Hinzu kam noch, dass ich in der Rolle eine große Herausforderung gesehen habe. Durch diese Hauptrolle wurde mir auch der Sprung von den Kinderfiguren zu einer intensiven Persönlichkeit im Film ermöglicht, den es jetzt ja gegeben hat. Diese Herausforderung habe ich gesucht und gefunden. Daher war ich sehr glücklich, dass es geklappt hat, diese Rolle spielen zu dürfen.

Wie schwer war es denn tatsächlich die Hauptrolle überhaupt zu bekommen?
Es hat mehrere Casting-Runden gegeben. Ich weiß nicht, wie viele junge Männer noch im Rennen waren, aber es waren auf jeden Fall sehr intensive Castings, bei denen der Regisseur Kilian Riedhof auch sehen wollte, ob die heftigen Momente in dem Film auch spielbar sind. Für mich war das schon ein guter Vorgeschmack auf die Dreharbeiten und ich denke, dass ich mich da schon gegen einige Konkurrenten durchgesetzt habe.

Welche Aspekte des Drehbuchs reizten Sie denn besonders, war es das Thema Mobbing ansich?
Naja, das Thema Mobbing im Film ist eine Sache für sich. Aber es gibt da auch noch andere interessante Aspekte wie zum Beispiel die Familiensituation des Jungen und auch die Darstellung der Schule hat mich fasziniert. Ich fand diese Beziehung, die Jakob - den ich im Film spiele - zu seiner Mutter und seinem Vater sowie seiner kleinen Schwester pflegt, ganz spannend. Authentisch und packend ist auch der Niedergang des Jungen am Ende des Films. Das war auch der springende Punkt, der mich dazu motiviert hat, diese Rolle unbedingt spielen zu wollen.

Jetzt ist der Film «Homevideo» nach der Erstausstrahlung bei arte nun auch in der ARD zu sehen (Mittwoch, 19. Oktober, 20.15 Uhr) und wird einem größeren Publikum zu Teil. Wie sehr freuen Sie sich darauf?
Ich freue mich sehr und finde es auch toll, dass solche Filme einen guten Sendeplatz am Mittwochabend im Ersten bekommen. Ich bin auch sehr gespannt wie «Homevideo» bei dem größeren Publikum ankommt und wie die Zuschauer darauf reagieren, weil der Film ja ein sehr schwieriges Thema behandelt.

Sie haben die heftigen Szenen im Film schon angesprochen. Welche würden Sie dazu zählen?
Für mich als Schauspieler sind vor allem die Szenen heftig gewesen, in denen meine Figur Jakob sehr depressiv wirkt. Aber Sie spielen wahrscheinlich auf die Onanier-Szene an.

Dazu wurde ja schon in der Laudatio von Bettina Zimmermann beim Fernsehpreis mehrfach angemerkt, dass gerade diese Szene für junge Schauspieler peinlich sein kann...
Ja, für mich war es auch schwer, mich im vornherein damit abzufinden, dass ich diese Szene eben auch spielen muss. Aber es war absolut sinnvoll, dass diese Onanier-Szene im Film vorkommt. Denn wenn der Zuschauer nicht sieht, was alle anderen auf ihren Handys sehen, kann er mit diesem Jungen eben nicht richtig mitfühlen. Da muss auch einmal ganz klar gezeigt werden, wie unheimlich unangenehm das für ihn ist. Wir haben diese Szene in der Mitte des Drehblocks aufgenommen, da hatten wir schon sehr viele intensive Szenen hinter uns. Mit Regisseur Kilian Riedhof und meinem Schauspielvater sowie meiner Schauspielmutter war es eine tolle Zusammenarbeit. In einem so eingespielten Team war diese Onanier-Szene, da ein großes gegenseitiges Vertrauen herrschte, gar nicht das Problem. Die heftigeren Szenen für mich als Schauspieler waren daher die Zusammenbrüche, die Jakob zwischendurch hat. Das ging auch bei mir sehr an die Substanz.

Inwiefern haben Sie denn diese depressiven Momente Ihres Charakters selbst berührt?
Mit zuviel Abstand kann man diese Szenen nicht authentisch rüber bringen. Ich hatte schon den Ansporn, wenn man schon eine solche Rolle spielt, sie auch authentisch zu verkörpern und dem
Thema gerecht zu werden. Entsprechend intensiv habe ich mich auch auf diese Rolle vorbereitet und mich mit diese Szenen auseinander gesetzt. Dazu musste ich mich in diese Gefühlszustände, die der Jakob im Film durchlebt, hinein versetzen. Gerade auch diese depressiven Momente an sich heran zu lassen, damit geht man schon an seine Grenzen. Das hat mich auch als Person am meisten mitgenommen, weil es schwer war, das Ganze zu verdauen. Das war eine absolute Grenzerfahrung für mich.

Hat man dabei denn auch Grenzen überschritten?
Nein, nach meinem persönlichen Gefühl wurden keinen Grenzen überschritten. Das lag vor allem an dem guten Verhältnis zum Regisseur Kilian Riedhof, der immer wenn ich Probleme hatte, die
Szenen lange mit mir durchgegangen ist. Das gab mir ein sicheres Gefühl bei dem, was ich gemacht habe, und ich bekam stets ein klares sowie ehrliches Feedback von dem Regisseur. Auch das Kamerateam ist sehr sensibel und schön an die Bilder herangegangen. Man kehrt in so einem Film ja gewisserweise auch sein Inneres nach außen, weil es ein sehr intimer Dreh ist. Das ist man mit einer großen Sensibilität angegangen, was für mich und den Film total wichtig war.

Ein großes Thema im Film ist das Cyber-Mobbing. Am Ende soll sich der Zuschauer seine Gedanken machen. Welche Aussage hat der Film für Sie persönlich?
Die Aussage des Films ist auf keinen Fall, dass das Internet gefährlich ist. Das Thema Mobbing wird ja aus der Perspektive des Jungen erzählt, der sehr introvertiert ist und keinen sozialen Halt
hat. Ich denke, dass der Film auf vielen Ebenen zum Denken anregen soll und kann. Bei Eltern zum Beispiel, wie sie auch Einfluss auf ihre Kinder haben können. Bei der Schule, dass man hier hellhörig sein kann und soll. Das Medium Internet wird so dargestellt, dass es durchaus Gefahren birgt. Da der Film durch diesen Härtefall des Cyber-Mobbings ein sehr heftiges Bild malt, kann er für Gleichaltrige oder pubertierende Menschen auch ein Mahnmal dafür sein, wohin es führen kann, wenn man gedankenlos Cyber-Mobbing betreibt. Insgesamt soll der Film eben auf verschiedenen Ebenen zum Nachdenken anregen, so dass jeder seine eigene Moral daraus ziehen kann. Es gibt eben keine abschließende Moral wie im Märchen.

Den Niedergang des Jungen Jakob, der am Ende keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr sieht und sich von seinem Umfeld komplett abschottet, haben Sie ja schon angedeutet. Wie intensiv waren diese Szenen für Sie?
Für mich war vor allem der Selbstmord ansich sehr intensiv. Natürlich war die Waffe, deren Lauf sich Jakob in den Mund steckt, nicht geladen, sonst würde ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen (lacht). Aber es war schon ein grenzwertiges Gefühl, weil vorher auch noch gefilmt wurde, wie ich die Waffe lade. Da hab ich gefühlt hundertmal nachgesehen, ob die Waffe wieder entladen ist, dass da auch nichts passieren kann. Man identifiziert sich ja auch mit seiner Rolle, daher war ich in einer Art Schockzustand, als wir das Ende gedreht haben. Aber wie gesagt, gingen mir auch diese Szenen nahe, als Jakob seine Zusammenbrüche erlebt, in seiner Unsicherheit gefangen ist oder bei seinem Mädchen zu weit geht. Das waren für mich die heftigsten Szenen im Film.

Zum Ende des Films bleibt ja auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Die beiden Jungs, die für das Cyber-Mobbing verantwortlich sind, - die Täter - werden gar nicht zur Rechenschaft gezogen und auch ihre Reaktionen auf den Selbstmord von Jakob bleiben offen.
Die Frage bleibt auf jeden Fall im Raum stehen. Im Film selbst geschieht ja sehr viel Unrecht. Das sind dann, denke ich, reine Schuldgefühle, die die Jungs in der Schule empfinden, wenn sie von Jakobs Selbstmord erfahren werden. Das ist aber, glaube ich, eine andere Dimension, wenn wir die Geschichte aus den verschiedenen Blickwinkeln erzählt hätten. Letztlich geht es darum, dass sich der Zuschauer selbst in der Figur wiederfindet. Man kann eine solche Geschichte nicht ohne moralische Züge erzählen.

In einem Interview nach dem Fernsehpreis haben Sie gesagt, dass Sie eigentlich Musik machen und das Schauspiel nur nebenbei betreiben. Stimmt das denn soweit?
Ich fahre in der Tat zweigleisig. Ich studiere Filmmusik-Komposition und habe auch meine eigene Band. Musik ist schon immer meine Passion gewesen. In das Schauspiel bin ich etwas später rein geraten und habe mich nach dem Motto „Learning by Doing“ weiterentwickelt. Für mich ist das keine Prioritätsfrage, was nebenbei läuft und was nicht. Es ist schön, wenn ich beides solange wie möglich ausüben kann: Ich verdiene mit der Schauspielerei das Geld, um mir meine Ausbildung zum Filmmusik-Komponisten zu finanzieren. Das Preisgeld, das ich für den Förderpreis der Stifter beim Fernsehpreis erhalten habe, nutze ich, um zwischen meinem Wohnort Hamburg und der Musik-Akademie in Bonn, wo ich einmal wöchentlich vor Ort sein muss, pendeln zu können und nicht umziehen zu müssen. Denn meine Familie, meine Freunde und meine Band sind hier in Hamburg. Es ist natürlich hin und wieder ein Terminstress, dem ich mich da aussetze, aber solange mir beide Sachen Spaß machen, geht das schon.

Dann wünsche ich damit viel Erfolg und besten Dank für das Interview.
18.10.2011 19:00 Uhr  •  Jürgen Kirsch Kurz-URL: qmde.de/52698