Glenns Gedanken: Die ARD sagt 'Nein!' zur Jugend

Ein ARD-Jugendkanal kommt nicht in Frage. Unser Kolumnist zu dieser Entscheidung, die einer Kapitulation entspricht.

Die Öffentlich-Rechtlichen und die Jugend - eine problematische Beziehung voller Missverständnisse. Das Programmangebot von ARD und ZDF ist für junge Menschen allgemein recht unattraktiv. Mit Inhalten wie dem «Musikantenstadl», «In aller Freundschaft», «Rosamunde Pilcher» und unzähligen Degeto-Schmonzetten, in denen Christine Neubauer auf der Suche nach der großen Liebe ist, erreicht man nun mal keine Jugendlichen. Das Programm wirkt insgesamt völlig altbacken. Da reicht es auch nicht, wenn man traditionell im Dezember plötzlich ein paar Spielfilm-Blockbuster zeigt, um den Quoten-Jahresschnitt in der Zielgruppe noch etwas zu verschönern. In den übrigen Monaten versteckt man Filmperlen stets im Nachtprogramm, ebenso Comedy-Highlights wie «Krömer - Die internationale Show» und «Inas Nacht», die erst gegen 0 Uhr auf Sendung gehen dürfen. Offenbar hat man panische Angst davor, sein Stammpublikum im besten Alter mit solchen "frechen" Formaten zu verschrecken. Es scheint so, als habe man bei den Öffentlich-Rechtlichen gar kein Interesse an jungen Zuschauern im Hauptprogramm. Es gibt zwar mit EinsFestival und ZDFneo bereits nette Ansätze, doch der große Wurf sind diese Kanäle, die noch auf der Suche nach ihrem Senderprofil sind, nicht.

Deshalb äußerte der bisherige ARD-Vorsitzende und SWR-Intendant Peter Boudgoust die löbliche Forderung nach einem separaten Jugendkanal der ARD. Er wolle damit eine Lücke schließen, denn die Jüngsten seien mit dem Ki.Ka gut versorgt, und die älteren Zuschauer seien mit ARD und ZDF zufrieden. Speziell Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren kämen allerdings zu kurz, der Grundversorgungsauftrag umfasse laut Boudgoust jedoch alle Altersgruppen. Die neue ARD-Vorsitzende (seit 1. Januar 2011) und WDR-Intendantin Monika Piel lehnt dieses Vorhaben jedoch ab und hält die Pläne eines eigenen Jugendsenders schon aus finanziellen Gründen für nicht realisierbar. "Wir haben gar nicht so viele jüngere Stoffe [...] - es müsste für einen solchen Jugendkanal fast alles neu produziert werden." Ein herber Rückschlag, der gleichzeitig eine weitreichende Kapitulation darstellt. Die ARD verfügt weder über jungen Moderatorennachwuchs, noch über jugendaffine Produktionen und Formatideen. Boudgoust hat offenbar Recht, und der ARD fehlt es in diesem Bereich an allen Ecken und Enden.

Von pekuniären Gründen abgesehen spielt für Piel allerdings noch etwas anderes eine Rolle: "Die Jugend ist so heterogen, sie interessiert sich für Angebote, die mit dem öffentlich-rechtlichen Profil kaum zusammenzubringen sind." Im Klartext bedeutet das: 'Die Jugend guckt doch eh nur diesen Castingshow- und Dokusoap-Müll der Privaten. Wir lehnen solche Schundsendungen allerdings ab. Da sollen die Jugendlichen weiter ihr RTL gucken. Wenn es das ist, was sie sehen wollen, können wir auf ein junges Publikum getrost verzichten.' Hier liegt der Denkfehler: Wenn man als öffentlich-rechtlicher Sender keine ansprechende Alternative anbietet, haben junge Zuschauer gar keine andere Wahl als sich mit dem zu Recht verurteilten Scripted Reality-Mist zu begnügen. Es gäbe zahlreiche Möglichkeiten für einen attraktiven Jugendkanal. Gerade weil die Jugend so heterogen ist, könnte man aus einem breiten Pool an Inhalten schöpfen, und eine gelungene Mischung aus jugendaffinen Spielfilmen, Serien, Game- und Unterhaltungsshows, Comedyformaten und Musiksendungen präsentieren. MTV ist kürzlich als Konkurrent weggefallen, von daher würde sich speziell der Bereich Musik anbieten.

Damit es zu so einem Vorhaben kommen kann, wäre es jedoch anzuraten, zunächst seine Vorurteile abzubauen und sich selbst nicht schon im Voraus aufzugeben.
09.01.2011 00:00 Uhr  •  Glenn Riedmeier Kurz-URL: qmde.de/46888