News auf der Straße

Eine Stunde Wahnsinn - Quotenmeter.de-Redakteure schauen eine Stunde lang fern. Ihre Erlebnisse veröffentlichen sie hier. Heute: 16.00 bis 17.00 Uhr.

Es ist Mittwoch, 16.00 Uhr. Zeit zum Zappen. Angesichts dessen, was ich in der Programmzeitschrift gelesen habe, sind meine Erwartungen ordentlich heruntergeschraubt und ich beschließe, mit etwas Leichtem anzufangen. Ich entscheide mich für die «kabel eins News», die man Gott sei Dank nicht Nachrichten genannt hat, da man diesem Terminus wohl nie und nimmer Rechnung tragen könnte, wie ich schnell feststelle. Barbara Scherle moderiert einen Beitrag über den Klimagipfel in Kopenhagen an, dessen Informationsgehalt gegen Null tendiert. Man zeigt, wie dänische Polizisten durchdrehen und sich in eine Schlägerei mit Demonstranten begeben. Das Fortschreiten der Konferenz ist dagegen ein bloßes Randthema. Macht eben bildertechnisch nicht so viel her wie Prügeleien. Leicht angewidert vom Zustand der Nachrichtenkultur des Privatfernsehens zappe ich weiter und lande bei «We are Family!» auf ProSieben. Rebecca, eine achtzehnjährige Schulabbrecherin, lebt auf der Straße und säuft, nachdem ihre Mutter Hildegard, von der Off-Sprecherin liebevoll als “Mutter in der Warteschleife” tituliert, sie an die frische Luft gesetzt hat. Allzu viel mehr erfahre ich nicht und das Begaffen von Asozialen war noch nie so mein Ding. Nachdem also auch noch nach Minuten nichts halbwegs Fesselndes passiert ist, bringe ich die Fernbedienung wieder zum Einsatz.

Und lande bei RTL. «Familien im Brennpunkt». Wieder ein Sozialporno. Diesmal sogar gefaked. Ich erfahre, wie Ritas dreizehnjährige Tochter Justeen von ihrer Lehrerin gemobbt wird. Die zerreißt ihre Schulhefte. Faszinierend. Heute ist wohl Girls' Day im Privatfernsehen. Doch “Mutter Rita gibt nicht auf” und erwirkt ein Gespräch mit dem Schulleiter und der tyrannischen Lehrerin, zu dem die Kameras allerdings keinen Zutritt haben. Man scheint also bei RTL immerhin noch bestrebt zu sein, den Schein einer echten Doku zu wahren. Irgendwie süß. Während der Werbepause, einer willkommenen Abwechslung, denn hier sind zumindest die angepriesenen Produkte echt, entschließe ich mich, zum hippen und coolen zdf_neo zu zappen. Dort läuft die neue Ausgabe einer amerikanischen Doku-Soap namens «Mamas Traumjob». Mutter Tiffany darf bei einer kleinen Lokalstation im Südosten Kaliforniens, die offensichtlich nichts mehr zu verlieren hat, als Reporterin anheuern, während ihr Vater sich um die drei kleinen, schreienden Kinder kümmert. So richtig den Bogen raus mit dem Anmoderieren hat Tiffany noch nicht, aber ihre Producerin gibt sich zuversichtlich. Ich bin da skeptischer.

Ich lande wieder bei ProSieben. Rebecca, unsere Lieblingsobdachlose, bekommt einen Coach zur Seite gestellt, der ihr helfen soll, wieder zurück ins normale Leben zu finden. Ich erfahre, dass sie die Schule bereits nach der vierten Klasse verlassen hat. Den Eindruck machte sie von Anfang an. Eine reife Leistung. Von Trash-TV habe ich jedenfalls fürs Erste genug und ich zappe weiter zu «Alisa» im ZDF. Ich habe die Telenovela noch nie gesehen und bekomme nur mit, wie sich die Figuren fasziniert über das Einfärben von Glas unterhalten. In die Handlung komme ich wohl nicht mehr rein. Und angesichts der unterirdischen Leistungen der Darsteller und des triefenden Pathos der Hintergrundmusik will ich das auch gar nicht.

Mein Weg führt mich zu EinsPlus. In «Landgasthäuser Franken» kochen zwei übergewichtige Köche Risotto, während mir der Off-Sprecher etwas über den Duft von Jurakräutern erzählt. Da meine Kochkünste mit der Zubereitung von Toastbrot bereits vollständig ausgeschöpft sind, hilft mir das alles herzlich wenig. Als dann noch eine nachgestellte Szene einsetzt, in der mir plastisch nahegebracht werden soll, wie denn die Römer gekocht haben, reicht es mir endgültig. Ich zappe zu «Hier ab Vier» im MDR und lande bei einem Beitrag über ein älteres Ehepaar aus Ostdeutschland, das jedes Jahr zur Weihnachtszeit seinen Garten mit etwa zwanzigtausend Glühlämpchen schmückt. Die obligatorischen Santa Claus- und Rudolph, the Red-Nosed Reindeer-Figuren dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wie ich erfahre, wäre das alles dem Erzgebirgsverein Zwönitz wohl ein Dorn im Auge. Der hat dem Lichterterror den Kampf angesagt und die Herrschaften machen in ihrem Ort allabendlich die Runde und begutachten die Fenster der Nachbarschaft. Ich würde sämtlichen in diesem Beitrag vorkommenden Menschen dringlichst empfehlen, sich ein Hobby zuzulegen. Nach Ende dieses Beitrags folgt direkt einer über den aktuellen Klatsch und Tratsch, in dem man sich brennend für die Frage interessiert, ob Bill Kaulitz magersüchtig ist. Vielleicht ist er ja auch nur im Monsun eingegangen.

Ich habe genug von der Ossi-Show und begebe mich zu “N24 – Die Reportage”. Die Reporter begleiten Autobahnpolizisten auf ihrem Kampf gegen Benzindiebe und Raser. Eines ihrer Opfer hatte es besonders eilig und donnerte mit sagenhaften 174 km/h über die Autobahn. In der Nacht kontrollieren die Polizisten PKW-Transporter, die in ihren Fahrzeugen auf dem Exportweg nach Lettland ab und an einmal ein wenig Schmugglerware in den Lüftungsschlitzen verstecken. Heute war jedoch nichts dabei.

Gleich ist es geschafft und ich will noch einmal bei RTL vorbeischauen, um mitzubekommen, wie sich der Streit zwischen Justeen, bzw. ihrer Mutter Rita, und der bösen Lehrerin entwickelt hat. Man trifft sich vor Gericht, wo die Kameras wieder draußen bleiben müssen. Verständlich, schließlich hat RTL genug schlechte Erfahrungen mit Gerichtsshows gemacht. Schließlich und endlich gewinnt jedenfalls die Familie, alle freuen sich und Tochter Justeen verkündet: “Ich bin glücklich, dass alles vorbei ist.” Ich auch.
17.12.2009 10:10 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/39093