Winnie Heescher: ‚Der Eisbär ohne Eisscholle, das erträgt niemand mehr‘
Wie berichtet man über die Klimakrise, ohne das Publikum zu verlieren? ZDF-Reporterin Winnie Heescher spricht über die Weltklimakonferenz in Antalya, Nachrichtenmüdigkeit und die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus.
Frau Heescher, Sie berichten für das ZDF von der Weltklimakonferenz in Antalya. Nach 30 bisherigen Klimakonferenzen stellt sich die Frage: Was können solche Gipfel überhaupt noch bewirken, wenn viele Staaten ihre wirtschaftlichen Interessen über gemeinsame Klimaziele stellen?
Eine COP rettet nicht das Klima, aber sie zwingt alle Staaten, einmal im Jahr öffentlich Farbe zu bekennen: Wozu verpflichten sie sich international, wie entschlossen treiben sie die Energiewende in ihrem Heimatland voran? Die Türkei will Antalya zur Elektrifizierungs-COP machen, dafür wird es voraussichtlich viel Zustimmung geben. Der Hauptstreitpunkt bleibt der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas und wird auch auf dieser COP nicht gelöst werden – dieser Fahrplan zum Ausstieg hat es schon bei der letzten COP in Brasilien nicht in den Abschlusstext geschafft. Es wird in Antalya vor allem um Geld für die ärmsten Länder gehen, damit diese sich besser an die Folgen des Klimawandels anpassen können. Gleichzeitig sind die öffentlichen Kassen der Geberländer leer, die USA sind unter Trump aus dem Pariser Abkommen ausgestiegen, und ein sich stark entwickelnder El-Niño könnte zig Millionen Menschen bedrohen. Deshalb wird die Finanzierungsfrage zur Messlatte dieser COP werden – und auch zur Vertrauensfrage zwischen ärmeren und reicheren Ländern.
Die Klimakonferenz dauert fast zwei Wochen, doch am Ende bleiben häufig komplizierte Kompromisse. Wie vermitteln Sie dem Fernsehpublikum, was tatsächlich beschlossen wurde und was lediglich eine politische Absichtserklärung ist?
Das ist eine komplizierte Angelegenheit, weil die Abschlusstexte in den letzten Nächten entstehen, wenn alle schon übermüdet sind. In Glasgow 2021 stand im ursprünglichen Text ein „phase-out“ – der vollständige Ausstieg aus der Kohleverstromung. In buchstäblich letzter Minute wurde daraus ein „phase-down“, also nur ein Verringern der Menge. Indien, unterstützt von China, hatte diese Änderung eingebracht und massiv Druck gemacht. Andere Staaten waren empört, haben aber zugestimmt, weil sonst die ganze Einigung geplatzt wäre. Da muss man als Beobachtende zu jeder Zeit hellwach sein oder jemanden finden, der noch hellwach ist und einem die Abschlusstexte schnell und präzise erklären kann. Und dann gibt es drei schnelle Fragen: Ist das Ziel konkret? Gibt es eine Zahl, ein Datum? Und: Wer bezahlt was? Ich fahre mit einer sehr versierten Kollegin nach Antalya, Elisa Miebach, die auch schon reichlich COP-Erfahrung hat. Vier Augen lesen besser als zwei.
In der Klimaberichterstattung dominieren häufig Katastrophen, Temperaturrekorde und Warnungen. Besteht die Gefahr, dass sich Zuschauer irgendwann abwenden, weil sie das Gefühl haben, ohnehin nichts verändern zu können?
Die Gefahr ist real und gut belegt. Laut Reuters Digital News Report 2026 meiden 72 Prozent der Deutschen online zumindest gelegentlich Nachrichten, meistens weil sie ihnen auf die Stimmung drücken. Ich erlebe das oft auch bei Schulbesuchen im Rahmen unseres Projekts „ZDFgoes Schule“: Die Jugendlichen sind nicht gleichgültig, sondern erschöpft oder verunsichert. Was dann immer hilft: Die Lage nicht schönreden, aber auch nicht die Apokalypse antizipieren, sondern dort hinschauen, wo etwas funktioniert. Und ich sage dann immer einen Satz, der mir wichtig ist: „Nicht gut“ heißt nicht „es ist vorbei“. Beim Klima gibt es keine Abrisskante, hinter der alles egal ist. Jedes Zehntelgrad zählt.
Klimawandel ist wissenschaftlich gut belegt, trotzdem wird in politischen Debatten immer wieder darüber gestritten. Wie gehen Sie journalistisch mit Positionen um, die wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, ohne ihnen durch die Berichterstattung zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen?
Es gibt einen Satz des Schriftstellers Philip K. Dick, den ich bei dieser Frage immer herauskrame: „Realität ist das, was nicht verschwindet, auch wenn man aufhört, daran zu glauben.“ Ob es den menschengemachten Klimawandel gibt, ist keine Meinungsfrage. Aber über die Frage, was wir als Gesellschaft aufbringen wollen und können, um den Klimawandel zu bekämpfen, darüber muss man streiten: Welches Tempo, welche Instrumente, wer zahlt? Interessen benennen. Da müssen alle Positionen abgebildet werden.
Die Zustimmung zu einzelnen Klimaschutzmaßnahmen sinkt, obwohl sich viele Menschen weiterhin Sorgen über die Erderwärmung machen. Hat die Klimaberichterstattung zu lange erklärt, warum Veränderungen notwendig sind, und zu wenig darüber gesprochen, was sie die Bürger konkret kosten?
Klimawandel wird oft abstrakt wahrgenommen, etwas, das uns in ferner Zukunft droht. Warum soll ich dann hier und heute konkret für die Kosten von Klimaschutz aufkommen? Das ist ja auch das grundsätzliche Problem in Politik und Wirtschaft, dass es kurzfristiges Interesse an Wählerstimmen oder ökonomischen Renditen gibt, der Klimawandel aber langfristiges Handeln erfordert. Dieser Sommer hat uns gezeigt, dass der Klimawandel da ist und schon jetzt Milliarden kostet. Und Studien zeigen: Langfristig sind die Schäden teurer als der Klimaschutz. Also das Nichtstun wird teurer als das Tun.
Klimajournalisten wird gelegentlich vorgeworfen, eher Aktivisten als unabhängige Beobachter zu sein. Wie ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und dem Eintreten für bestimmte politische Maßnahmen?
Ich stelle mir innerlich immer ein langes Lineal vor: Das hält mich auf Abstand zu dem Thema oder der Person, über die ich berichte. In Antalya werden Umweltorganisationen zum Beispiel Abgaben auf Übergewinne von Öl- und Gaskonzernen oder Privatjets fordern. Darüber werden wir berichten – mit allen Argumenten und Gegenargumenten. Aber ich mache mir nichts davon als Reporterin zu eigen. Und wichtig finde ich auch, dass es tatsächlich ein Abwägen von Argumenten gibt und nicht eine Berichterstattung, die nur auf die Wiedergabe von rhetorischen Gegensätzen ausgerichtet ist, also auf Krawall.
Bei der COP31 geht es besonders um die Finanzierung von Klimaschutz und die Unterstützung ärmerer Länder. Wie gelingt es, solche wirtschaftlichen Konflikte verständlich darzustellen, ohne sie auf die einfache Gegenüberstellung von reichen Verursachern und armen Betroffenen zu reduzieren?
Das Schwarz-Weiß-Bild stimmt so nicht mehr. Und darin liegt eine unglaubliche Chance, Interesse durch Überraschung zu wecken: Meine Kollegin Susann von Lojewski hat kürzlich in Äthiopien gedreht. Ein armes Land, das beim Verbrenner-Aus schneller ist als Europa. Die Regierung dort hat den Import von Benzin- und Dieselfahrzeugen verboten, um die Elektromobilität zu fördern und weniger Treibstoff einführen zu müssen. Das Land hat keine nennenswerte eigene Autoproduktion, deshalb ist das Importverbot quasi das Aus für den Verbrenner. Das Motiv ist nicht das Klima, es ist vor allem Geld. Äthiopien will unabhängiger sein von fossilen Energien. Jetzt haben dort nur 13 von 1000 Menschen ein Auto, deshalb taugt der Vergleich mit Deutschland nur bedingt. Und trotzdem ist er interessant, die Stereotype stimmen so nicht mehr. Ähnlich überraschend ist Pakistan, wo Hunderttausende Haushalte sich in kurzer Zeit Solarmodule aufs Dach gesetzt haben.“
In sozialen Netzwerken verbreiten sich zugespitzte Aussagen zum Klimawandel oft schneller als sorgfältig recherchierte Beiträge. Kann das klassische Nachrichtenfernsehen mit dieser Geschwindigkeit überhaupt noch mithalten, oder muss es bewusst einen anderen Weg gehen?
Egal auf welcher Plattform, es gilt ja der alte Grundsatz: „Get it right, then get it out.“ Dort, wo jede und jeder senden kann, können wir natürlich nicht beim Tempo mithalten. Unsere Stärke ist, zu sortieren und zu prüfen – wir Reporterinnen und Reporter tun das mit speziell geschulten Kolleginnen und Kollegen in Mainz, indem wir uns Expertise von außen einholen und uns kontinuierlich informieren und fortbilden. Wer eine zugespitzte Behauptung sieht, sollte bei uns eine verlässliche Prüfung finden. In diesem heißen Sommer geisterten zum Beispiel ganz viele Fakes durch die sozialen Medien, heiße Sommer habe es immer schon gegeben, dieser sei nichts Besonderes und habe mit dem Klimawandel nichts zu tun. Das stimmt natürlich so nicht und das haben Kollegen und Kolleginnen in Texten auf ZDFheute und in Beiträgen im TV auch fundiert widerlegt. Und diese Ergebnisse finden dann auch ihren Weg auf Instagram und TikTok.
Das ZDF berichtet in Nachrichten, Magazinen und Dokumentationen über den Klimawandel. Wie verhindern Sie, dass sich Themen und Botschaften wiederholen? Und braucht es neue journalistische Erzählformen, um Menschen zu erreichen, die klassische Klimaberichte längst nicht mehr einschalten?
Klimawandel als Klimawandel zu erzählen, das nutzt sich ab. Der Eisbär ohne Eisscholle, das erträgt niemand mehr, nicht das Publikum, nicht ich als Reporterin. Wir versuchen, das Thema als Wirtschafts-, Sicherheits- oder als Alltagsthema zu erzählen. Wichtig finde ich auch, sich mehr Gedanken um die Bilder zu machen, mit denen wir erzählen. Oft zeigen wir Katastrophenbilder oder technische Bilder ohne einen einzigen Menschen – das fühlt sich dann sehr fern an, zu abstrakt. Und natürlich braucht es auch mehr positive Geschichten. Denn die gibt es ja auch!
Wenn Sie nach der Klimakonferenz nach Deutschland zurückkehren: Woran würden Sie persönlich erkennen, dass Ihre Berichterstattung erfolgreich war? An hohen Zuschauerzahlen, an einem besseren Verständnis der politischen Entscheidungen oder daran, dass Menschen ihre bisherigen Überzeugungen hinterfragen?
Dass jemand seine Meinung durch meine Berichterstattung ändert, das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, dass Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Meinung auf einer besseren Grundlage bilden können. Dass sie wissen, was beschlossen wurde, wer was blockiert hat, wer etwas vorgeschlagen hat. Dass unser Publikum die Welt besser versteht - dafür arbeitet das ganze ZDF-Team vor Ort in Bild, Ton und Wort.
Herzlichen Dank für das Gespräch!