Ulrike Kriener: ‚Ich glaube, dass das Gefühl von Einsamkeit entscheidend ist für den Verlust von Lebensmut‘

Wie viel Selbstbestimmung bleibt, wenn die eigene Erinnerung schwindet? Ulrike Kriener spricht über ihre Demenzrolle in «Nichts wie weg!», den Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod und den überraschenden Einsatz künstlicher Intelligenz bei ihrer Vorbereitung.

Frau Kriener, Luise Dobertin definiert sich in «Nichts wie weg» stark über ihre Musik und spürt, dass ihr durch die Demenzerkrankung genau diese Verbindung zur Welt langsam verloren geht. Wie spielt man diesen schleichenden Verlust, ohne die Figur von Beginn an ausschließlich über ihre Krankheit zu definieren?
Im Drehbuch war ja vorgegeben, dass Luise Dobertin eine bekannte und erfolgreiche Pianistin, und dass sie eine selbstbewusste Frau ist. Ihre Würde war mir wichtig, und dass ich die Irritationen, ihre Verunsicherung zu Beginn möglichst zurückhaltend spiele.

Luise möchte selbst bestimmen, wann ihr Leben endet. Gleichzeitig entscheidet Anke gegen ihren ausdrücklichen Wunsch und fährt nicht in die Schweiz, sondern zu ihrer Familie nach Kiel. Ist das für Luise zunächst ein Verrat – gerade weil ihr damit die Selbstbestimmung genommen wird, um die es ihr eigentlich geht?
Ja, dass Anke sie zur Tochter fährt, empfindet Luise sicher als Verrat. Abgemacht war, dass die beiden in die Schweiz fahren und nach einem Nickerchen erkennt Luise, dass sie in Kiel gelandet ist. Das verunsichert sie und fühlt sich nach Verrat an. Sie hatte Ankes Versprechen geglaubt.

Sie sagen, dass für Luise weniger die Angst im Mittelpunkt steht, anderen zur Last zu fallen, sondern vielmehr die Einsamkeit durch den drohenden Verlust der Musik. Wie wichtig war es Ihnen, ihren Sterbewunsch nicht auf ein einziges, scheinbar leicht nachvollziehbares Motiv zu reduzieren?
Ich glaube, dass das Gefühl von Einsamkeit, das entscheidende Gefühl ist für den Verlust von Lebensmut. Wir alle brauchen die anderen, die Welt. Und es gibt viele Untersuchungen darüber, wie gefährlich Einsamkeit z.B. im Alter ist, wie sich Einsamkeit immer mehr in unserer Gesellschaft ausbreitet. Die Begleiter von Einsamkeit sind Angst, Unsicherheit und Depression.

Sie haben zur Vorbereitung Zeit bei der Alzheimer-Gesellschaft München verbracht und Menschen mit Demenz kennengelernt. Gab es dort eine Begegnung oder Beobachtung, die Ihre Darstellung von Luise besonders verändert hat?
So direkt kann ich Ihre Frage nicht beantworten. Das was ich dort gesehen und erlebt habe, nehme ich irgendwie mit, für mein Spiel. Vielleicht habe ich mehr Zutrauen in das Spielen von unmittelbaren Stimmungswechseln gekriegt.

Sie erwähnen, dass Sie sich sogar mithilfe von KI Probeaufgaben gestellt haben. Wie sah diese Vorbereitung konkret aus – und was konnte Ihnen eine KI über Wahrnehmung, Erinnerung oder Orientierung vermitteln, was klassische Recherche vielleicht nicht konnte?
Die Vorbereitung auf eine neue Rolle ist für mich immer ein sehr inspirierender und glücklicher Zustand. Ich fokussiere mich innerlich, ein bisschen wie ein Trüffelschwein, dass Witterung aufgenommen hat. Wenn man ein Kind erwartet, sieht man plötzlich nur noch Schwangere. D.h. wenn ich ein Thema mit mir herumtrage, sehe ich die Welt durch diese neue Brille. Ich habe KI genutzt um noch mehr Anregungen zu bekommen. Einfach aus Neugierde und Spaß. Und ich war baff, wie gut das geht. KI hat mir Vorschläge für das Spielen von leichter bis schwerer Demenz, bzw. Alzheimer gemacht. Und auch Vorschläge für das selbstständige Proben und Üben.

«Nichts wie weg» erzählt von Demenz, Suizid, Sterbewunsch und Trauer, ist gleichzeitig aber ein Roadmovie mit Humor, einem entlaufenen Esel und Verfolgungsjagden. Wie verhindert man als Schauspielerin, dass die komischen Momente die Ernsthaftigkeit von Luises Situation beschädigen?
Über die Gewichtung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor entscheide am Ende nicht ich. Das macht die Regie mit den EditorInnen. Ich biete meine Sichtweise, mein Gefühl an. Aber grundsätzlich ist der ernsthafte Ton ja durch die Geschichte gesetzt, da versuche ich erstmal mehr auf der heiteren Seite zu suchen und zu spielen.

Anke möchte Luise retten, Luise wiederum zwingt Anke gewissermaßen dazu, sich mit dem Suizid ihres eigenen Partners auseinanderzusetzen. Wann kippt die Beziehung der beiden von einer unfreiwilligen Zweckgemeinschaft zu einer Freundschaft auf Augenhöhe?
Ab dem Moment wo Anke mit Luise Dobertin entscheidet vor der Polizei zu fliehen. Ab da gibt es für sie kein Zurück mehr. Trotzdem müssen sich die beiden immer wieder ihrer Verbindung vergewissern. Sie kommen sich weiterhin immer näher.

Luise hat eine Tochter und Enkelkinder, entscheidet aber zunächst, ihren letzten Weg ohne sie anzutreten. Sie bezeichnen gerade den Abschied von der Familie als besonders schmerzhaft. Was erzählt diese Entscheidung über die Beziehung zwischen Luise und ihrer Tochter Hanna?
Diese bittere Entscheidung erzählt für mich, dass man nur für sich selbst entscheiden kann, ob man leben kann und will, oder nicht. Ein Weiterleben für die Kinder, für die Enkelkinder gibt es hier nicht. Das ist fürchterlich, aber es ist so.

Autorin Elke Schuch beschreibt Luise und Anke als zwei Frauen, die von der Gesellschaft unterschätzt werden und sich gegen den Rest der Welt verbünden. Hat Sie an dieser Geschichte auch gereizt, dass hier zwei Frauen unterschiedlicher Generationen im Zentrum stehen, ohne dass ihre Geschichte über eine klassische Liebesbeziehung erzählt werden muss?
Ich mag an dieser Geschichte sehr, dass hier zwei völlig unterschiedliche Frauen aufeinandertreffen, die sich unerwarteterweise doch gegenseitig helfen können.

Der Film stellt letztlich eine schwierige Frage: Gehört zu einem selbstbestimmten Leben auch die Entscheidung über den eigenen Tod? Hat die Arbeit an Luise Ihre persönliche Haltung zu Selbstbestimmung, Alter und Abschied noch einmal verändert?
Nein, verändert hat sich meine Haltung nicht. Vielleicht wurde sie mir nochmal klarer.

Danke für Ihre Worte!

«Nichts wie weg!» ist am Montag, 9. November, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film ist bereits seit 31. Oktober in der ZDFmediathek abrufbar.
08.11.2026 11:58 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/177005