Tobias van Dieken: ‚Schwäche zu zeigen fällt schwer. Hilfe zuzulassen auch‘

Ein traumatisierter Bundeswehroffizier sucht einen Weg zurück ins Leben. Tobias van Dieken erzählt von den Herausforderungen seiner Rolle, der Kraft des Verzeihens und seinen persönlichen Erinnerungen an St. Martin.

Herr van Dieken, Henrik ist ein erfahrener Bundeswehroffizier, der nach seinen Einsätzen an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, sich selbst aber lange keine Schwäche eingestehen möchte. Was war für Sie der wichtigste Zugang zu dieser Figur in der Geschichte «Novemberliebe – Eine St. Martins Geschichte»?
Ich selber habe Zivildienst geleistet, das Militär, der Umgang mit Waffen ist mir fremd. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass wir Alle das Gefühl von Überforderung kennen, im Alltag gestresst sind, teilweise gehören Angstzustände dazu. Schwäche zu zeigen fällt schwer. Hilfe zuzulassen auch. Das ist der persönliche Zugang. Gleichzeitig habe ich versucht, soviel Material wie möglich aufzusaugen.

Sie haben sich zur Vorbereitung Dokumentationen über Auslandseinsätze und traumatisierte Soldaten angesehen. Gab es dabei einen Moment, der Ihren Blick auf Henrik besonders verändert hat?
In unserem Alltag findet die Welt des Krieges ja außerhalb der Nachrichten nicht statt, wir können uns nicht vorstellen, wie die Realität im Einsatz tatsächlich aussieht. Diese Dokumentationen zeigen, wie das Leben der Soldatinnen und Soldaten vor Ort wirklich aussieht, die Konfrontation mit einem Gegner, einem Feind, die ständige Bedrohung. Das hat ein sehr intensives Bild ergeben.

Sie beschreiben diese permanente Erwartung, dass jederzeit eine Bombe explodieren könnte. Wie lässt sich eine solche innere Alarmbereitschaft spielen, wenn äußerlich in einer Szene womöglich überhaupt nichts Bedrohliches geschieht?
Wenn man eine längere Zeit unter dieser enormen Anspannung gestanden hat, dann kannst du das ja nicht einfach abschütteln, das brennt sich ein. Das ist die Grundkonstitution für die Darstellung eines solchen Charakters.

Henrik möchte vor allem den Stempel der „Dienstuntauglichkeit“ loswerden und betrachtet die Therapie zunächst eher als notwendiges Übel. Ist für ihn die Vorstellung, kein Soldat mehr sein zu können, fast bedrohlicher als die eigentliche Erkrankung?
Absolut. Er hat bei der Bundeswehr, mit seinen Kameraden, ein zu Hause gefunden, eine Ersatzfamilie, die er in seiner Kindheit vermisst hat. Dieser Familie gegenüber spürt er eine tiefe Verantwortung.
Es geht für ihn um mehr als nur den Job. Es geht um seine Existenz.

Ausgerechnet Pferde, gegen die Henrik zunächst eine ausgeprägte Abneigung hat, sollen ihm helfen. Sie selbst haben dagegen schon als Kind geritten und voltigiert. War es deshalb sogar schwieriger, vor der Kamera glaubwürdig Distanz und Unsicherheit gegenüber den Tieren dazustellen?
Dadurch, dass ich in meinem Leben schon öfter mit Pferden zusammen gekommen bin, hatte ich keine Berührungsängste und mit der Unterstützung der Trainer ist eine intensive Verbindung zu den Tieren während der Arbeit entstanden. Das war ziemlich hilfreich, egal ob es darum ging, Distanz oder Nähe zu veranschaulichen.

Anja begegnet Henrik nicht mit Druck, sondern versucht behutsam, seine Schutzmauern aufzubrechen. Was entsteht zwischen Henrik und ihr zuerst – Vertrauen zwischen Therapeutin und Patient oder bereits eine persönliche Nähe?
Durch Anja`s Geduld kann Henrik erst einmal behutsam, nach und nach, Vertrauen aufbauen. Sich öffnen. Dadurch entsteht eine besondere Intimität zwischen den Beiden.

Wie verhindert man als Schauspieler, dass Henriks psychische Belastung durch die romantischen Elemente verharmlost wird?
Gute Frage. Sagen wir mal so: Der Film ist im romantischen Milieu verankert aber eben nicht nur und da war es für mich wichtig, die Figur immer in seiner Not, seiner Einsamkeit und Hilflosigkeit Ernst zu nehmen. Aber auch in seiner Hoffnung. Genau zu sein. Während der Dreharbeiten habe ich versucht mich sehr zu fokussieren, Szene für Szene zu nehmen und Hendrik gerecht zu werden ohne dabei ein Genre zu bedienen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Ihnen die Vision von Henriks verstorbener Kameradin und seinen verstorbenen Kameraden. Warum war gerade diese Szene für Sie emotional so anspruchsvoll?
Die Szene war schon beim Lesen ein Schlüsselmoment. Henrik wird sich, nachdem er sich lange dagegen gewehrt hat, klar darüber, dass seine Kameraden Ihm verzeihen würden, dass er sich also selbst verzeihen darf. Im übertragenen Sinn geht es ums Loslassen. Für mich eine der schwierigsten Aufgaben im Leben.

St. Martin steht für Teilen, Mitgefühl und Hilfe für andere. Henrik muss im Grunde erst lernen, selbst Hilfe anzunehmen. War diese Umkehrung der Martinsidee für Sie ein wesentlicher Schlüssel zur Geschichte?
Mir gefällt das Bild der Umkehrung, so hatte ich es noch nicht gesehen. Als Schauspieler hab ich vor allem die Hürden und Herausforderungen meiner Figur im Blick gehabt. Die Botschaft des Teilens, des füreinander Daseins, sind die Essenz unserer Geschichte. Für mich waren sie der Leitfaden während der Dreharbeiten.

Sie sind in Bonn katholisch aufgewachsen, waren Messdiener und verbinden mit St. Martin sehr konkrete Kindheitserinnerungen. Wie besonders war es, diese vertraute Tradition nun zum Mittelpunkt eines Films zu machen?
Sehr. St. Martin ist ja das erste Fest in der dunklen Jahreszeit, wenn’s draußen deutlich kühler und zu Hause langsam gemütlich wird. Wir sind gemeinsam mit den Freunden von Haus zu Haus gezogen, mit den leuchtenden Kerzen in unseren bunten Fackeln, wir haben gesungen, es gab Süßigkeiten. Ein Vorbote der Advents- und Weihnachtszeit.

Henrik beginnt als disziplinierter Mann, der möglichst alles kontrollieren möchte, und wird mit einer Welt konfrontiert, in der Vertrauen, Gefühle und Verletzlichkeit entscheidend sind. Was sollte sich bei ihm bis zum Ende von «Novemberliebe» verändert haben, damit seine Entwicklung für Sie glaubwürdig ist?
Es ist wichtig, anzuerkennen, dass sich etwas geändert hat in seinem Leben. Dass es da eine Narbe gibt, die er pflegen muss, dass es Menschen gibt, die ihm dabei helfen. Dass er beginnt sich zu öffnen und dabei zulässt Hoffnung zu schöpfen. Auf ein neues Leben. Auf die Kraft, diese Aufgabe zu meistern.

Herr van Diecken, vielen Dank für das Gespräch!

«Novemberliebe - Eine St. Martins Geschichte» ist am Freitag, 6. November, im Ersten zu sehen. Der Film ist bereits am 4. November in der ARD Mediathek abrufbar.
05.11.2026 12:51 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/177002