Nach dem grausamen Mord an ihrer Schwester lebt Lisa zehn Jahre in völliger Isolation. Dann glaubt sie, ihren Mörder gefunden zu haben. Entsteht daraus eine packende Netflix-Serie?
Stab
Darsteller: Friederike Becht, Hans Löw, Alexander Schubert, Katja Ponickau, Stefan Gorski, Nalia Schuberth
Drehbuch und Regie: Isabel Kleefeld
Produktion: Friedrich Oetker und Tom Spieß
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: Martin LangerEine gute Falle erkennt man daran, dass man sie erst bemerkt, wenn man bereits hineingetappt ist. Eine weniger gute erkennt man daran, dass sie einem ständig erklärt, wie raffiniert sie konstruiert wurde. Isabel Kleefelds sechsteilige Netflix-Serie «Die Falle» bewegt sich bedauerlicherweise über nahezu ihre gesamte Laufzeit zwischen diesen beiden Zuständen. Sie beginnt als psychologisches Kammerspiel über Schuld, Erinnerung und die Verführbarkeit des eigenen Urteils. Mit zunehmender Dauer entwickelt sie allerdings eine gewisse Vorliebe für die eigene Verschachtelung. Man möchte gern wissen, was geschehen ist. Man möchte nur nicht bei jeder Gelegenheit daran erinnert werden, dass man es noch nicht wissen soll.
Im Zentrum steht die Schriftstellerin Lisa Konrad, die seit dem Mord an ihrer Schwester Anna vor zehn Jahren in fast vollständiger Isolation lebt. Als sie glaubt, den Täter im Fernsehen wiederzuerkennen, beschließt sie, ihn mit einer ungewöhnlichen Konstruktion aus der Reserve zu locken: Sie selbst wird zum Köder. Der Journalist Robert Lenzen, gespielt von Hans Löw, soll für ein Interview zu ihr kommen. Doch während Lisa glaubt, die Bedingungen des Spiels festzulegen, scheint Robert seinerseits eine ganz andere Vorstellung davon zu haben, was hier eigentlich geschieht. Die Rollen von Beobachterin und Beobachtetem, Jägerin und Gejagtem geraten rasch ins Rutschen.
Das ist zunächst ein vielversprechender Ausgangspunkt. Denn «Die Falle» interessiert sich nicht nur dafür, wer einen Mord begangen hat, sondern auch dafür, wie Menschen aus Erinnerungen Geschichten machen – und wie diese Geschichten irgendwann den Platz der Erinnerung selbst einnehmen. Lisa ist Schriftstellerin, also eine Frau, die beruflich Wirklichkeiten erfindet und ordnet. Nun versucht sie, mit denselben Mitteln die eigene Vergangenheit zu beherrschen. Darin steckt eine reizvolle Ironie: Wer Geschichten erzählen kann, ist nicht automatisch besser gegen Selbsttäuschung geschützt, sondern vielleicht sogar besonders anfällig dafür.
Friederike Becht verleiht ihrer Lisa dabei eine spröde Intensität, die der Figur guttut. Ihre Verletzlichkeit ist nicht dekorativ, ihre Entschlossenheit nicht unbedingt sympathisch. Lisa kann kontrollierend, selbstgerecht und beinahe unerträglich sein, ohne dass die Darstellung sie vorschnell verurteilt. Hans Löw bildet dazu ein überzeugendes Gegenüber. Seine Freundlichkeit besitzt etwas Undurchsichtiges; hinter der ruhigen Oberfläche scheint jederzeit eine andere Absicht möglich. Wenn beide einander belauern, wird die Serie besonders präzise.
Nur hält «Die Falle» diese Genauigkeit nicht durchgehend aufrecht. Die ersten Episoden nehmen sich Zeit, Lisas Isolation, ihre Erinnerungen und ihre sorgfältig vorbereitete Versuchsanordnung aufzubauen. Das ist grundsätzlich sinnvoll, erzeugt aber nicht immer Spannung. Bisweilen hat man das Gefühl, die Serie umrunde ihren eigentlichen Gegenstand, ohne ihm näherzukommen. Die Vergangenheit wird in Fragmenten präsentiert, Wahrnehmungen werden infrage gestellt, neue Verdachtsmomente eröffnen weitere Möglichkeiten. Dieser Ansatz funktioniert – solange jede Verschiebung unsere Sicht auf die Figuren verändert. Wo eine Wendung lediglich die vorige widerruft, entsteht weniger Erkenntnis als ein kriminalistisches Karussell.
Dabei ist die Frage nach der Wahrheit durchaus komplex genug, um auch ohne fortwährende Überraschungen zu tragen. Erinnerung ist keine Videoaufzeichnung, und subjektive Gewissheit kein Beweis. «Die Falle» weiß das, behandelt diese Einsicht aber zuweilen wie einen Joker, den man immer dann ausspielen kann, wenn die Handlung einen neuen Impuls benötigt. Ausgerechnet eine Serie, die das Misstrauen gegenüber vermeintlich sicheren Wahrheiten kultiviert, verlangt ihrem Publikum damit eine beträchtliche Bereitschaft ab, einiges an unplausiblen Wendungen mitzugehen.

Am Ende möchte «Die Falle» gleichermaßen ein raffiniertes Rätsel, ein Trauma-Drama und eine Reflexion über das Erzählen sein. Diese Interessen passen durchaus zusammen, doch die Serie gewichtet sie nicht immer glücklich. Ihr Finale wirkt deshalb auch deutlich konventioneller, als es der verschlungene Aufbau erwarten lässt. Die vielen Zweifel und Verdachtsmomente haben die Wahrnehmung des Publikums verändert; sie führen jedoch nicht alle zu jener emotionalen oder gedanklichen Konsequenz, die der Aufwand verspricht – aber eben auch nicht dazu, dass die Falle am Ende theatralisch zuschnappt.
Die Serie «Die Falle» ist im Streaming-Portfolio von Netflix enthalten.