‚Wir müssen ein großes Fragezeichen hinter unser Wohlstands- und Komfortniveau setzen‘
Mit seinem Dokumentarfilm «Materia Prima – New Energy. Old Powers?» beleuchtet Jens Schanze den Wettlauf um Boliviens Lithiumvorkommen und die Interessen europäischer Unternehmen.
Der Dokumentarfilm «Materia Prima – Newe Energy – New Energy. Old Powers?» von Jens Schanze thematisiert das große Lithium-Vorkommen im Hochland Boliviens und die damit einhergehenden unterschiedlichen Interessen europäischer Akteure, der bolivianischen Regierung und zivilgesellschaftlicher Gruppen. Während Bolivien den Rohstoff zur Armutsbekämpfung und Industrialisierung nutzen möchte, sehen die Europäer darin eine Chance, ihre Automobilindustrie zu sichern.
Der Film zeigt, wie die Menschen vor Ort zu den geplanten Abbauprojekten stehen, wie ihr Leben und ihr Alltag aussieht und wie die Regierung mit europäischen Unternehmen verhandelt. Ergänzt wird diese Gegenwartsperspektive durch die Chronik eines indigenen Zeitzeugen aus dem 16. Jahrhundert, welche die koloniale Kontinuitäten sichtbar macht. Wie der Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, entstanden ist, welche Erfahrungen Schanze in Bolivien gesammelt hat und welche Botschaft die Dokumentation vermitteln soll, hat der Produzent und Regisseur Jens Schanze im Quotenmeter-Interview ausführlich erklärt.
Wie kam Ihnen die Idee für dieses Filmprojekt/Was war der ursprüngliche Auslöser?
Seit ich 1993 ein Jahr in Bolivien gelebt habe, besteht eine persönliche Beziehung zu dem Land und ich verfolge die Ereignisse dort. 2018 hat ein deutsches Unternehmen einen exklusiven Vertrag zur Nutzung des bolivianischen Lithiums abgeschlossen, dessen unvorteilhafte Konditionen zu Protesten im Land führten und zum Ende der Regierung von Evo Morales beitrugen. Aus diesem Anlass begannen wir mit der Recherche zur Rolle europäischer Unternehmen bei der Rohstoffbeschaffung in Bolivien. Der Umgang mit dem kolonialen Erbe hat mich dabei besonders interessiert.
Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Geschichte des Lithiumabbaus mit historischen Texten aus der Kolonialzeit zu verbinden?
Bereits zu Beginn der Recherche bin ich auf die Chronik von Guamán Poma gestoßen. Sie ist das einzige bekannte Dokument dieser Zeit aus indigener Perspektive und ist seit einigen Jahrzehnten ein zentrales Forschungsobjekt in vielen Ländern Lateinamerikas. Poma erzählt die Geschichte so, wie sie die Vorfahren der heutigen Bevölkerung mutmaßlich erlebt hat. Gleichzeitig verfolgt er eine politische Absicht mit seinen Erzählungen. Es ist frappierend, dass viele seiner Aussagen und Beobachtungen sich auf die Ereignisse und Umstände in der Gegenwart übertragen lassen. Wir haben zunächst eine Vielzahl von Textstellen identifiziert, die für den Film relevant waren. Im Laufe des Montageprozesses kristallisierte sich immer klarer heraus, welche Passagen mit unserem Filmmaterial so korrespondieren, dass Interpretationsräume im Zusammenhang mit dem Thema Postkolonialisums geöffnet werden.
Wie haben die Menschen in Bolivien auf Ihre Dreharbeiten reagiert?
Die Reaktionen waren auf allen Seiten sehr zurückhaltend. Das Thema Rohstoffabbau und speziell Lithium ist hochpolitisch. Unser Kamerateam wurde zunächst nicht als unabhängig wahrgenommen, sondern wir wurden entweder dem PR-Team der Regierung oder der EU oder eines Unternehmens zugeordnet. Wie immer ist es eine Frage von ausreichend Zeit, um eine Vertrauensebene zu etablieren und unsere Motivation und Zielsetzung verständlich zu machen. Besonders die bolivianischen Mitglieder unseres Teams haben bei dieser Kommunikation eine wichtige Rolle gespielt.
Gab es Herausforderungen bei den Dreharbeiten (organisatorisch oder politisch)? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Für die drei weißen Tieflandeuropäer im Team war die Höhenlage der meisten Drehorte - zwischen 3.500 und 4.500 Meter - eine Schwierigkeit. Die Anreise hat viel Zeit und gute Vorbereitung erfordert. Die soziale Spaltung der bolivianischen Gesellschaft - indigene und wirtschaftlich benachteiligte Mehrheit hier, weiße und wohlhabende Minderheit dort - hat sich auch bei unseren bolivianischen Mitarbeitern gezeigt. Die Konflikte um Identität, gesellschaftliche Teilhabe und politische Radikalisierung wurden zum Teil innerhalb des Teams ausgetragen. Das war sehr lehrreich und fordernd. Im Umgang mit möglichen Protagonist*innen haben wir gelernt, sehr genau abzuwägen, wie und ggf. über welche Mittelsperson man jemanden anspricht, um nicht von vornherein Misstrauen zu wecken. Gleichzeitig wollten wir möglichst gut die Lebens- und Gedankenwelt der einzelnen Menschen kennenlernen, denn es ging uns darum, ihre Perspektiven im Film sichtbar zu machen, statt die Dinge durch die europäische Brille zu betrachten. Ein schmaler Grat.
Wie haben Sie es geschafft, so viele verschiedene Meinungen aus Politik, Industrie und Einwohnern zu finden?
Der Schlüssel war, die bolivianischen Mitglieder unseres Teams zu finden. Wir haben über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren ein Netzwerk in Bolivien aufgebaut. Zentrale Personen waren Patricia Quintanilla, Filmemacherin und Produzentin aus La Paz, und Rodrigo Mamani, der in Uyuni lebt und lange in der Tourismusbranche gearbeitet hat. Er kennt jede noch so kleine Siedlung in der Region. Wir haben außerdem Kontakte zu zahlreichen NGOs aufgebaut, ebenso zu verschiedenen Personen der Botschaften und der EU-Vertretung in Bolivien sowie zur bolivianischen Verwaltung und Ministerien. Durch die Vielzahl und Unterschiedlichkeit unserer Kontakte und Gesprächspartner sind wir immer tiefer in den Diskurs, der innerhalb Boliviens geführt wird, eingetaucht. Unsere Finanzierungspartner in Deutschland haben uns die notwendige Zeit gegeben, um diesen Prozess zu durchlaufen. Dadurch konnten wir charismatische Personen finden, die die unterschiedlichen Perspektiven authentisch vertreten.
Welche Verantwortung tragen europäische Verbraucher im Zusammenhang mit der Nachfrage nach Lithium und anderen Rohstoffen aus Ihrer Sicht?
Es ist nicht so einfach, den einzelnen Menschen für globale Entwicklungen, die über Jahrzehnte hinweg stattfinden, in die Pflicht zu nehmen. Es ist aus meiner Sicht die Aufgabe von Regierungen, für eine weitsichtige und nachhaltige Gesetzgebung zu sorgen. Natürlich trägt jeder Einzelne Verantwortung für seine Wahlentscheidung und damit für die Gesetzgebung der Regierung. Gleichzeitig kann ich natürlich nicht warten, bis irgendwann vielleicht ein Gesetz mich zwingt, das zu tun, was ich ohnehin längst als richtig erkannt habe. Sobald ich weiß, dass Lithiumabbau die Lebensgrundlage von Menschen gefährden kann, muss ich das in meine Kaufentscheidung einbeziehen. Also lieber einen Verbrennermotor nehmen? Wohl kaum. Es ist viel erreicht, wenn die Mehrheit der Menschen sich ihrer Verantwortung für das Ganze, also Ökosystem Erde und ihre Mitbewohner, bewusst sind und ihr Handeln davon lenken lassen.
Hat sich Ihre eigene Sicht auf die Energiewende während der Arbeit an diesem Film verändert? Wenn ja, inwiefern?
Der Verzicht auf fossile Brennstoffe ist wegen ihrer Klimaschädlichkeit unverzichtbar; je früher, desto besser. Im Zuge der Arbeit an dem Film ist mir jedoch völlig klar geworden, dass ein schlichter Antriebswechsel bei uns zwar für weniger Emissionen sorgt, jedoch durch den hohen Rohstoffbedarf beim Batteriebau woanders neue gravierende Probleme geschaffen werden. Es ist daher aus meiner Sicht unumgänglich, die Zahl der privaten Fahrzeuge signifikant zu reduzieren. Für ein Autoland wie Deutschland ist das ein schwieriger Prozess; aber besser, wir gestalten ihn frühzeitig, als später nur noch reagieren zu können. Vom riesigen Energiebedarf für die Digitalisierung gar nicht zu sprechen... In letzter Konsequenz müssen wir als Bewohner der nördlichen Hemisphäre ein großes Fragezeichen hinter unser Wohlstands- und Komfortniveau und den damit verbundenen Rohstoffverbrauch setzen.
Gab es Szenen/Interviews, die es letztendlich nicht in den Film geschafft haben, aber trotzdem wichtig und interessant sind? Wenn ja, welche und wieso konnten sie nicht in den Film aufgenommen werden?
Wir haben zirka 170 Stunden Rohmaterial, der Film ist eineinhalb Stunden lang. Die Montage hat sich über einen Zeitraum von fast einem Jahr erstreckt. Man hat ein inhaltliches, dramaturgisches und ästhetisches Konzept, mit dem man die Dreharbeiten beginnt. Dieses Konzept wird während der Dreharbeiten laufend modifiziert. Im Schneideraum muss man es dann möglichst komplett hinter sich lassen, um erkennen zu können, was tatsächlich in dem Material steckt. Dabei ist der unverstellte Blick der Editorin unverzichtbar. Sie lässt den Film völlig neu entstehen. Manche Personen, mit denen wir mehrere Tage gedreht haben, fügen sich dann inhaltlich oder dramaturgisch nicht mehr ein, manche Szenen sind für sich genommen großartig, würden den Film aber unnötig in die Länge ziehen und somit alle anderen Szenen schwächen. Sie fallen raus. Letztlich muss ein Flow entstehen, ein Rhythmus, und inhaltlich bleibt nur noch das Unverzichtbare stehen.
Welche Reaktionen der Menschen vor Ort und welche eigenen Erfahrungen, die Sie gemacht haben, haben Sie besonders überrascht?
Sehr beeindruckt hat mich die Intensität der politischen Selbstorganisation der Menschen in den ländlichen Regionen, insbesondere das starke Engagement der Frauen. Ihre Entschlossenheit und ihr Bewusstsein dafür, dass jetzt der Moment ist, wo sie selbst dafür sorgen müssen, dass die Geschichte der Ausbeutung sich nicht wiederholt, haben wir erst während der Dreharbeiten entdeckt. Es gibt in Bolivien eine Parallelstruktur: Einerseits Verwaltungsinstitutionen der zentralistischen Regierungsorgane, die vor allem auf dem von den spanischen Eroberern eingeführten System beruhen; andererseits wurde durch die neue Verfassung von 2009 die lokale Selbstverwaltung der indigenen Gemeinschaften wiederbelebt, die es schon vor der Etablierung des Inkareichs und der späteren Eroberung durch die Spanier gab. Beide Ebenen existieren nebeneinander und müssen in der Kommunikation berücksichtigt werden.
Persönlich sehr prägend für mich war es, Miguel bei seiner Arbeit in den Stollen des Cerro Rico zu begleiten; es ist eine für uns privilegierte Mitteleuropäer nicht vorstellbare Realität, dass Tausende junge Menschen Tag für Tag ihr Leben dort riskieren, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen.
Ist während der Dreharbeiten alles so gelaufen wie geplant, oder gab es Situationen, die Ihre ursprüngliche Idee verändert haben?
Der Film entspricht insgesamt schon dem konzeptuellen Rahmen, den wir im Laufe der Recherche entwickelt und formuliert haben. Von den dort vorgestellten Protagonisten sind jedoch nur noch zwei im Film vertreten. Zwischen der ersten Recherchereise und dem Beginn der Dreharbeiten lagen zwei Jahre. Manche Leute waren nach dieser Zeit schlicht nicht mehr auffindbar; ein Ingenieur der staatlichen Lithiumfirma war inzwischen nach Russland emigriert, ein anderer Protagonist erkrankte während der Dreharbeiten schwer und verstarb. Eine unserer Kontaktpersonen in der bolivianischen Regierung wurde ausgetauscht. Aufgrund der Wirtschaftskrise des Landes und des damit verbundenen Treibstoffmangels mussten wir unsere Reisedispo regelmäßig anpassen, denn Drehorte wurden dadurch unerreichbar. Hinzu kamen überraschende Regenfälle während der Trockenzeit, eine Folge des Klimawandels, wie uns die Bauern mitteilten, die das Befahren der Salzebenen unmöglich machten. Insofern bin ich unserem Team sehr, sehr dankbar, dass wir den Film Dank einer großen gemeinsamen Anstrengung fertigstellen konnten.
Wie sind Sie mit der Herausforderung umgegangen, ein so komplexes und wichtiges Thema verständlich darzustellen und so viele verschieden Perspektiven einzuholen?
Wir haben zunächst versucht, in Bolivien Koproduzent*innen oder Ko-Autor*innen indigener Herkunft für das Projekt zu finden, um die Perspektive der Bevölkerung in den betroffenen Regionen aus erster Hand zu gewährleisten und um den Zugang zu Dorfgemeinschaften und Institutionen zu erleichtern. Das hat aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt. Daher war klar, dass wir viel Zeit in die Recherche vor Ort investieren würden, um die unterschiedlichen Sichtweisen der Bolivianer auf das Thema kennen und möglichst verstehen zu lernen. Eine Dozentin der Universidad Mayor de San Andrés in La Paz, die in der Region um Uyuni jahrelang Feldforschung betrieben hat, vermittelte uns die ersten Kontakte in die Region. Die anschließende Recherche und Netzwerkarbeit haben zweieinhalb Jahre Zeit in Anspruch genommen. Nach den Dreharbeiten wurden die vielen unterschiedlichen Stimmen im Schneideraum wieder so weit reduziert, dass eine Orientierung möglich wurde und am Schluss die Essenz der wichtigsten Positionen freigelegt war. Diese Prozesse beanspruchen Zeit, daher zieht sich eine solche Produktion über fast sechs Jahre.
Wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer eine Sache aus dem Film mitnehmen sollen, was wäre es?
Unsere täglichen Entscheidungen als Konsumenten haben aufgrund der Globalisierung der Wirtschaft Auswirkungen auf das Leben von Menschen überall auf der Welt. Wir sind mit ihnen verbunden und sie mit uns. Sich dieser Verbundenheit bewusst zu sein ist ein großer Schatz; wenn der Film dazu beitragen kann, dass man diese Verbundenheit nicht nur abstrakt versteht, sondern auch empfinden kann, wäre das schön.
Danke für das Gespräch!
«Materia Prima – Newe Energy – New Energy. Old Powers?» ist ab Donnerstag, 22. Oktober, im Kino zu sehen.