Pixelpunkt: «Die Gilde 1 Remake» – Ein Klassiker kehrt zurück
„Europa 1410“ trifft die Atmosphäre des Originals erstaunlich gut, doch fehlende Automatisierung, schwache Konkurrenten und technische Probleme verhindern bislang eine uneingeschränkte Empfehlung.
Manchmal genügt eine vertraute Stimme, um sich wieder 20 Jahre jünger zu fühlen. «Die Gilde 1 Remake: Europa 1410» weiß das ganz genau. Der bekannte Erzähler, die mittelalterlichen Städte und die Aussicht, aus einem einfachen Handwerker eine mächtige Familiendynastie zu machen, wecken sofort Erinnerungen an «Europa 1400: Die Gilde». Ashborne Games hat verstanden, warum der Klassiker von 2002 bis heute seine Anhänger besitzt. Die Neuauflage ist allerdings noch weit davon entfernt, dessen Qualitäten vollständig in die Gegenwart zu übertragen. Seit dem 17. September 2026 befindet sich das Spiel im Early Access. Und dieser Hinweis ist keineswegs eine Formalität.
Dabei funktioniert die grundlegende Idee noch immer hervorragend. Der Spieler übernimmt einen Bürger einer mittelalterlichen Stadt und beginnt eine Karriere als Handwerker oder Kaufmann. Acht Berufe stehen zum Start zur Verfügung, darunter Schmied, Schreiner, Schneider, Alchemist und Gastwirt. Zunächst geht es darum, einen Betrieb wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Waren werden hergestellt, Rohstoffe eingekauft und fertige Produkte verkauft. Mit wachsendem Vermögen eröffnen sich weitere Möglichkeiten. Irgendwann rücken politische Ämter, gesellschaftlicher Einfluss und die Zukunft der eigenen Familie in den Mittelpunkt.
Gerade die ersten Spielstunden können ausgesprochen motivierend sein. Aus einem kleinen Betrieb entsteht langsam ein florierendes Unternehmen. Die Einnahmen steigen, neue Verbesserungen werden erschwinglich und die nächsten wirtschaftlichen Ziele sind stets greifbar. Das Remake versteht es, jenen Kreislauf wiederherzustellen, der bereits das Original so fesselnd machte. Man möchte noch einen Auftrag erledigen, noch eine Investition tätigen und noch eine gesellschaftliche Stufe aufsteigen.
Die Entscheidung, sich spielerisch wieder stärker am ersten Teil zu orientieren, erweist sich grundsätzlich als richtig. Anders als in «Die Gilde 2» wird keine Figur unmittelbar durch die Straßen gesteuert. Stattdessen erfolgt die Verwaltung aus einer übergeordneten Perspektive. Gebäude, Betriebe und gesellschaftliche Aktionen lassen sich über Menüs bedienen. Das wirkt zunächst weniger unmittelbar, passt aber hervorragend zu einer Wirtschaftssimulation, in der langfristige Entscheidungen wichtiger sind als das persönliche Herumlaufen durch die Stadt.
Auch die Präsentation gehört zu den erfreulicheren Aspekten. Die mittelalterlichen Städte besitzen Charme, die Gebäude sind ansprechend gestaltet und die musikalische Untermalung trägt viel zur Atmosphäre bei. Besonders schön ist, dass Gebäude wieder von innen betrachtet werden können. Das vermittelt zumindest ansatzweise das Gefühl, tatsächlich einen Betrieb innerhalb einer lebendigen Stadt zu führen.
Allerdings zeigt sich hier bereits eine der Schwächen. Die Innenräume sehen zwar ordentlich aus, bleiben aber häufig erstaunlich statisch. Nicht jede Tätigkeit wird durch passende Animationen sichtbar. Das wirtschaftliche Geschehen findet deshalb stärker in Menüs als in der eigentlichen Spielwelt statt. Die Stadt wirkt dadurch manchmal eher wie eine hübsche Kulisse für Tabellen und Schaltflächen als wie eine Gesellschaft, in der Menschen tatsächlich miteinander arbeiten und konkurrieren.
Das wäre leichter zu verschmerzen, wenn die Verwaltungsabläufe durchgehend überzeugen könnten. Doch gerade hier entwickelt «Europa 1410» seine größten Probleme. Was zu Beginn noch überschaubar erscheint, wird mit wachsender Unternehmensgröße zunehmend mühsam. Besonders der Warentransport mit den eigenen Karren verlangt viel Aufmerksamkeit. Rohstoffe müssen organisiert, Lieferungen koordiniert und Waren an die richtigen Orte gebracht werden. Solche Aufgaben gehören grundsätzlich zu einer Wirtschaftssimulation. Allerdings sollten sie irgendwann automatisiert werden können, damit sich der Spieler wichtigeren Entscheidungen widmen kann.
Genau daran mangelt es bislang. Die vorhandenen Verwaltungsfunktionen reichen nicht aus, um größere Wirtschaftsketten zuverlässig und komfortabel zu steuern. Statt sich mit der nächsten politischen Intrige oder dem Ausbau der Familiendynastie zu beschäftigen, kontrolliert man wieder einmal Lieferungen und Betriebsabläufe. Je erfolgreicher das eigene Unternehmen wird, desto stärker droht die Verwaltung zur Beschäftigungstherapie zu verkommen.
Besonders ärgerlich ist, dass dieser Aufwand nicht automatisch mit interessanten Entscheidungen verbunden ist. Eine gute Wirtschaftssimulation verlangt Planung, soll aber nicht jede kleine Routinehandlung dauerhaft dem Spieler überlassen. «Die Gilde 1 Remake» verwechselt an einigen Stellen Komplexität mit wiederholter Handarbeit. Das kostet Zeit und unterbricht den ansonsten durchaus gelungenen Spielfluss.
Hinzu kommt eine Benutzeroberfläche, die nicht immer die nötige Übersicht bietet. Informationen sind zwar vorhanden, müssen aber teilweise mühsam zusammengesucht werden. Zahlreiche Benachrichtigungen konkurrieren um Aufmerksamkeit, während wichtige wirtschaftliche Zusammenhänge nicht immer sofort ersichtlich sind. Gerade für Neueinsteiger kann das frustrierend werden. Wer das Original kennt, findet sich wahrscheinlich schneller zurecht, doch eine moderne Neuauflage sollte nicht voraussetzen, dass ihre Spieler bereits vor zwei Jahrzehnten Erfahrungen mit dem Vorgänger gesammelt haben.
Immerhin besitzt das Remake jenseits des wirtschaftlichen Alltags eine zweite große Stärke: die Politik. Der gesellschaftliche Aufstieg führt über unterschiedliche Ämter, die konkrete Privilegien mit sich bringen. Wer eine wichtige Position besetzt, kann Gesetze und Rahmenbedingungen beeinflussen. Dadurch entsteht eine reizvolle Verbindung zwischen wirtschaftlichem Erfolg und politischer Macht.
Besonders gelungen ist die Vorstellung, dass ein erfolgreicher Unternehmer irgendwann nicht mehr nur auf Marktpreise reagiert, sondern selbst Einfluss auf die Regeln der Gesellschaft nehmen kann. Das unterscheidet «Die Gilde» bis heute von vielen anderen Wirtschaftssimulationen. Geld ist nicht bloß eine Zahl, die immer weiter wachsen soll, sondern ein Werkzeug zur Durchsetzung eigener Interessen.
Leider bleibt auch dieses System hinter seinen Möglichkeiten zurück. Politische Entscheidungen finden häufig in Menüs statt und entfalten nicht immer die gewünschte dramatische Wirkung. Was eigentlich ein gesellschaftliches Ereignis sein sollte, wirkt dadurch gelegentlich wie ein weiterer Verwaltungsvorgang. Gerade die Ratsversammlungen und Rivalitäten könnten stärker inszeniert werden.
Ein noch größeres Problem stellen die konkurrierenden Dynastien dar. Sie sollten eigentlich dafür sorgen, dass der eigene Aufstieg nicht ungestört verläuft. Schließlich lebt «Die Gilde» von wirtschaftlicher Konkurrenz, politischen Feindschaften und persönlichen Intrigen. In der aktuellen Fassung agieren die Gegenspieler jedoch oftmals zu passiv. Sie entwickeln sich nicht immer überzeugend weiter und sorgen zu selten für jene überraschenden Konflikte, die das Spiel langfristig spannend halten müssten. Dadurch verliert der gesellschaftliche Aufstieg einen Teil seiner Bedeutung. Ein gewonnenes Amt fühlt sich weniger befriedigend an, wenn der politische Gegner zuvor kaum ernsthaften Widerstand geleistet hat. Ebenso fehlt dem wirtschaftlichen Erfolg ein wenig die Würze, wenn konkurrierende Unternehmen keine ausreichend glaubwürdige Bedrohung darstellen.
Auch das Dynastiesystem benötigt noch Feinschliff. Die langfristige Weitergabe des Familienvermögens gehört zu den wichtigsten Besonderheiten der Reihe. Doch gerade die Verwaltung von Ehen, Nachkommen und familiären Entscheidungen bietet noch nicht jene Kontrolle, die man von einer Simulation dieser Art erwarten würde. Wenn die eigene Familie über Generationen hinweg aufgebaut werden soll, müssen solche Entscheidungen mehr sein als eine Nebenfunktion.
Technisch macht sich der Early-Access-Status ebenfalls bemerkbar. Berichte über kurze Hänger, Probleme bei der Wegfindung und unzuverlässige Verwaltungsabläufe zeigen, dass noch einiges an Arbeit notwendig ist. Die Entwickler haben bereits mit Hotfixes reagiert und Verbesserungen angekündigt. Das spricht für die weitere Entwicklung, ändert aber nichts daran, dass die aktuelle Fassung an verschiedenen Stellen unfertig wirkt. Hinzu kommt, dass noch nicht sämtliche Inhalte vorhanden sind, die Fans mit der Reihe verbinden. Gerade die zwielichtigeren Berufsmöglichkeiten fehlen bislang. Auch ein Mehrspielermodus steht noch aus. Wer sich auf die vollständige Wiedergeburt des Originals gefreut hat, muss sich deshalb weiterhin gedulden.
Trotz dieser Kritik wäre es falsch, «Europa 1410» als misslungen abzuschreiben. Dafür funktioniert der Kern des Spiels zu gut. Die Verbindung aus Wirtschaft, Politik und Familiendynastie besitzt weiterhin eine besondere Faszination. Gerade in den ersten Stunden zeigt das Remake, wie unterhaltsam es sein kann, aus einem kleinen Handwerksbetrieb ein einflussreiches Unternehmen zu entwickeln. Die Entwickler haben außerdem eine wichtige Entscheidung getroffen: Statt die Reihe erneut in eine vollkommen andere Richtung zu bewegen, besinnen sie sich auf die Stärken des Originals. Das schafft eine gute Grundlage. Doch eine gute Grundlage ist noch kein fertiges Gebäude.
Das zeigt sich auch in den überwiegend positiven, aber keineswegs euphorischen Steam-Bewertungen. Viele Spieler erkennen das Potenzial und freuen sich über die Rückkehr der vertrauten Spielmechaniken. Gleichzeitig werden die fehlende Automatisierung, die teilweise schwache künstliche Intelligenz und die unvollständigen Systeme kritisiert. Die unterschiedlichen Reaktionen passen zum derzeitigen Zustand: «Die Gilde 1 Remake» kann begeistern, verlangt seinen Spielern aber noch einiges an Geduld ab.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Ashborne Games das Original verstanden hat. Das hat das Studio durchaus. Viel wichtiger ist, ob es gelingt, die einzelnen Systeme so weit zu verbessern, dass aus dem nostalgischen Wiedersehen eine langfristig überzeugende Wirtschaftssimulation wird. Derzeit fällt das Urteil entsprechend zwiespältig aus. «Die Gilde 1 Remake: Europa 1410» bietet eine stimmungsvolle Mittelalterwelt, einen motivierenden wirtschaftlichen Einstieg und ein Spielkonzept, das auch nach mehr als zwei Jahrzehnten bemerkenswert eigenständig wirkt. Gleichzeitig verhindern umständliche Verwaltungsabläufe, schwache Konkurrenten und fehlende Inhalte, dass die Neuauflage bereits die Qualität des Originals erreicht.
19.10.2026 12:08 Uhr
• Benjamin Wagner
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