Besonders erschütternd sind die Schilderungen von Jay Khan, der in der Dokumentation über sexualisierte Gewalt durch den früheren Manager Lou Pearlman berichtet.

Tausende kreischende Fans, ausverkaufte Konzerte und ein Leben im Rampenlicht: Mitte der 2000er-Jahre gehörten US5 zu den erfolgreichsten Boybands Europas. Doch hinter dem perfekt inszenierten Popstar-Traum verbargen sich offenbar Erfahrungen, über die die Beteiligten lange nicht öffentlich gesprochen haben. Die Dokumentation
«Lost Boys – Der Fall US5» (Arbeitstitel) von ARD Kultur widmet sich den Schattenseiten des damaligen Erfolgs. Ab Mittwoch, 2. Dezember 2026, ist die Produktion in der ARD Mediathek verfügbar.
Mit ihrem Hit „Maria“ gelang US5 im Jahr 2005 der Durchbruch. Jay Khan, Chris Watrin, Mykel Johnson, Richie Stringini und Izzy Gallegos wurden innerhalb kürzester Zeit zu Teenager-Idolen, tourten durch Europa und Asien und standen unter permanenter öffentlicher Beobachtung. Was für die Fans nach einem Leben voller Möglichkeiten aussah, war für die jungen Musiker jedoch auch mit enormem Druck und persönlichen Abhängigkeiten verbunden.
Rund zwei Jahrzehnte später kommen erstmals alle fünf ehemaligen Bandmitglieder gemeinsam zu Wort. In ausführlichen Interviews berichten sie nicht nur von den Höhepunkten ihrer Karriere, sondern auch von psychischen Belastungen, Suchtproblemen, sexualisierten Übergriffen und einem Zwangsouting. Die Dokumentation zeichnet nach, welche Folgen es haben kann, wenn junge Menschen in einem kommerziell durchorganisierten Unterhaltungssystem aufwachsen und dabei nur begrenzt über ihr eigenes Leben bestimmen können.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der frühere US-Musikmanager Lou Pearlman. Er hatte zuvor bereits die Backstreet Boys und *NSYNC aufgebaut und war auch für die Karriere von US5 von entscheidender Bedeutung. In der Dokumentation berichtet Jay Khan erstmals ausführlich über sexualisierte Gewalt, die Pearlman ihm nach seinen Schilderungen angetan habe. Damit rückt die Produktion auch die Machtverhältnisse zwischen jungen Künstlern und den Menschen in den Mittelpunkt, von denen ihre berufliche Zukunft abhängt.
Pearlman wurde 2008 wegen Betrugs und Geldwäsche zu einer Haftstrafe von 25 Jahren verurteilt. Wegen der ihm vorgeworfenen körperlichen und sexualisierten Übergriffe wurde er allerdings nie angeklagt. Der ehemalige Musikmanager starb 2016 während seiner Haft. Die Dokumentation beschäftigt sich deshalb auch mit der Frage, wie solche Machtstrukturen innerhalb der Musikindustrie entstehen konnten und warum mutmaßliche Übergriffe über lange Zeit nicht öffentlich thematisiert wurden.
Besonders eindrücklich soll bislang unveröffentlichtes Privatmaterial von Izzy Gallegos sein. Der frühere US5-Sänger stellte den Filmemachern zahlreiche Stunden persönlicher Aufnahmen zur Verfügung, die unter anderem in Hotellobbys, hinter den Kulissen von Konzerten und in privaten Situationen entstanden. Die Bilder zeigen eine Seite des Bandalltags, die dem damaligen Publikum verborgen blieb, und ergänzen die heutigen Erinnerungen der Musiker um unmittelbare Eindrücke aus ihrer gemeinsamen Zeit.
Für Buch und Regie zeichnen Julian Brimmers und Benjamin Westermann verantwortlich. Produziert wurde die Dokumentation von Johanna Behre und Johannes Nichelmann für nb Studios. Die redaktionelle Federführung liegt beim SWR, beteiligt sind außerdem WDR, ARD Kultur und rbb.