Carsons Werke verbinden antike Mythen mit modernen Erfahrungen und überschreiten konsequent die Grenzen zwischen Poesie, Prosa und Wissenschaft.

Die Schwedische Akademie hat am Donnerstag, 8. Oktober 2026, die kanadische Autorin Anne Carson mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die 1950 in Toronto geborene Schriftstellerin gehört seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Vertreterinnen experimenteller Literatur. Anders als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen lässt sie sich keinem bestimmten Genre zuordnen. Ihre Bücher sind Gedichtsammlungen, philosophische Betrachtungen, Erzählungen und literarische Experimente zugleich.
Carsons Leidenschaft für Literatur begann bereits während ihrer Schulzeit. Ein Lehrer machte sie mit der altgriechischen Sprache vertraut und weckte damit eine lebenslange Begeisterung für die klassische Antike. Später studierte sie an der Universität Toronto und promovierte 1981 in Klassischer Philologie. Anschließend unterrichtete sie unter anderem an der McGill University, der Princeton University und der University of Michigan. Ihr wissenschaftlicher Hintergrund prägt ihre literarische Arbeit bis heute.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Carson insbesondere mit ihrem 1998 veröffentlichten Werk „Autobiography of Red“. Der Versroman erzählt die Geschichte des mythologischen Monsters Geryon, das sich in einen jungen Mann namens Herakles verliebt. Carson verlegt den antiken Stoff in eine moderne Welt und beschäftigt sich dabei mit Identität, Sexualität, Einsamkeit und unerfüllter Liebe. Das ungewöhnliche Buch wurde zu einem ihrer bekanntesten Werke und erhielt 2013 mit „Red Doc>“ eine Fortsetzung.
Auch in anderen Veröffentlichungen verbindet die Autorin persönliche Erfahrungen mit historischen und mythologischen Motiven. In „The Beauty of the Husband“ aus dem Jahr 2001 untersucht sie eine gescheiterte Ehe in Form von 29 poetischen Tangos. Für das Werk erhielt sie als erste Frau den renommierten britischen T. S. Eliot Prize. Ihr 2010 erschienenes Buch „Nox“ wiederum ist eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Tod ihres Bruders. Fotografien, Briefe, Erinnerungsstücke und Übersetzungen werden darin zu einer literarischen Collage über Verlust und Trauer.
Besonders charakteristisch für Carsons Schreiben ist ihre Bereitschaft, traditionelle Erzählformen aufzulösen. Gedichte können bei ihr wie wissenschaftliche Abhandlungen beginnen, während Essays plötzlich in persönliche Erinnerungen übergehen. Dabei spielen die griechische Mythologie und antike Literatur eine zentrale Rolle. Ihre Übersetzungen von Sappho, Sophokles und Euripides gelten ebenfalls als bedeutende Beiträge zur zeitgenössischen Auseinandersetzung mit klassischen Texten.
Zu ihren jüngeren Veröffentlichungen gehört die 2024 erschienene Sammlung „Wrong Norma“, die erneut unterschiedliche literarische Formen miteinander verbindet. Für ihr Gesamtwerk erhielt Carson bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Griffin Poetry Prize, den PEN/Nabokov Award und den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis.