Mia Spengler: ‚Das Trauma spielt dich, nicht du das Trauma‘
Mit «House of Yang» inszeniert Mia Spengler eine Mysteryserie über eine deutsch-chinesische Familie, deren Vergangenheit über drei Generationen hinweg nachwirkt. Im Interview spricht die Regisseurin über politischen Horror und transgenerationales Trauma.
Frau Spengler, «House of Yang» erzählt gleichzeitig auf drei Zeitebenen – 1949, 1999 und in der Gegenwart. Was war die größte Regieaufgabe, damit daraus nicht drei getrennte Geschichten, sondern eine gemeinsame Familiengeschichte entsteht?
Wir wollten das Trauma und die Geschichte der Familie nicht als isolierte Epochen erzählen, sondern als fließenden Strom. Ein zentraler Schlüssel hierzu war natürlich das Casting. Die Casterin Liza Stutzky und mich verbindet eine langjährige Zusammenarbeit und ich wusste, dass sie mit sehr viel Feingefühl diese besondere Familie über Generationen hinweg zusammenbringen kann.
Am Set haben wir mit kleinen Gesten gearbeitet, die sich die Erwachsenen von ihrem jüngeren Ich abgeschaut haben. Auch haben wir uns konzeptuell dafür entschieden, die Zeitebene 1949 möglichst bunt zu erzählen und somit an 1999 und auch die Gegenwart anzupassen. Auch unser Kamerakonzept hatte bestimmte Bewegungen für Gefühlszustände vorgesehen. Es war ein sehr strukturiertes und dennoch sehr intuitives Arbeiten.
Das alte Haus ist nicht nur Schauplatz, sondern beinahe eine eigene Figur. Wie haben Sie mit Kamera, Szenenbild und Licht daran gearbeitet, dass dieser Ort zugleich Schutzraum, Gefängnis und Bedrohung sein kann?
Das Haus ist das Herzstück der Serie und verdankt seine Magie vor allem dem Zusammenspiel von Szenenbild und Kamera. Cosima Vallenzer hat unser Hauptmotiv schon sehr früh entdeckt und mit unglaublicher Präzision gestaltet. Eine der erstaunlichsten Herausforderungen war, dass sie dieses Haus während der laufenden Dreharbeiten dreimal komplett für die verschiedenen Zeitebenen umgebaut hat – und das, während die tatsächlichen Hausbesitzer mitsamt ihren Hunden und Katzen dort wohnen blieben! Meine Kamerafrau Zamarin Wahdat und ich haben das Haus licht- und kameratechnisch so inszeniert, dass es sich ständig mit den Emotionen der Figuren wandelt: Wenn die Figuren Trost suchen, wirkt der Raum intim und schützend; wenn das Unheimliche und die verdrängte Vergangenheit einbrechen, werden die Wände zur enger werdenden Falle.
Die Serie verbindet Mystery und Horror mit Themen wie ererbtem Trauma, struktureller Gewalt, Ausgrenzung und Alltagsrassismus. Wie verhindert man, dass das Genre diese Themen nur als spannende Kulisse benutzt?
Ich bin ein großer Fan des politischen Horrors. Für mich war das Genre nie ein bloßes Mittel zum Zweck, sondern eine sehr unterhaltsame Ausdrucksform, um den Schmerz von Ausgrenzung, Verlust und Rassismus greifbar zu machen. Bei uns speist sich der Schrecken direkt aus den realen Erfahrungen der Figuren und auch aus unseren persönlichen. Die meisten Führungspositionen in unserem Team erleben Alltagsrassismus und natürlich fließt das in den kreativen Prozess ein – so ist es immer unsere Interpretation des Themas und nie eine Behauptung.
Die zentrale Frage lautet, ob Menschen dazu verdammt sind, die Fehler ihrer Eltern und Großeltern zu wiederholen. Wie wichtig war Ihnen, diese Vererbung von Trauma nicht nur psychologisch, sondern auch filmisch sichtbar zu machen?
Das Thema beschäftigt mich in vielen meiner Arbeiten, deshalb war es essenziell für mich, bei «House of Yang» mit der Kamerafrau Zamarin Wahdat zusammenzuarbeiten. In unserer gemeinsamen kreativen Arbeit sind die Themen Identität und Verwurzelung projektübergreifend Hauptquellen unserer Inspiration. Das unsichtbare Band des transgenerationalen Traumas lässt sich nur schwer in reinen Dialogen ausdrücken – man muss Bilder für Gefühle erschaffen. Wir wollten die Poesie in der Zerrissenheit der Figuren freilegen und zeigen, wie sich Schmerz fortpflanzt, wenn er nicht verarbeitet wird. Gleichzeitig sollte die Serie aber auch eine Lebenslust ausstrahlen. Es geht nicht nur um Trauma und Trauer, es geht auch um den Willen zum Leben. Diese Resilienz und Kraft ist das, was alle Frauen durch die Generationen verbindet, auch wenn sie von ihren Wurzeln abgeschnitten werden. Das war ein wichtiges Motiv für uns, wenn es um Framing und Blocking geht: weg vom Effekt, hin zum Horror, der aus der Figur heraustritt und sie umgibt.
Mit Jessie, Mila, Yang, Elsa und Daiyu stehen mehrere Frauen aus unterschiedlichen Generationen im Zentrum. Was hat Sie an dieser weiblichen Familiengeschichte besonders interessiert?
Es war ein zutiefst bewegendes und außergewöhnliches Gefühl, an einem Set mit einem so großen deutsch-asiatischen Cast zu stehen. Lange Zeit dachten viele von uns, dass die Erfahrungen von Ausgrenzung, Verlust und der Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft reine Einzelerfahrungen wären. Anhand dieser weiblichen Ahnenreihe aus unterschiedlichen Epochen konnten wir zeigen, wie ähnlich sich die Kämpfe über Generationen hinweg sind – und wie heilsam es ist, diese Geschichten gemeinsam zu erzählen und visuell aufzuarbeiten.
Gerade die Ereignisse von 1949 sind stark von der unmittelbaren Nachkriegszeit geprägt. Wie haben Sie versucht, diese Epoche glaubwürdig zu erzählen, ohne dass sich die historischen Szenen wie ein klassisches Period Drama anfühlen?
Unser Ziel war es, eine ganz eigene visuelle Sprache zu finden, die die Brücke zwischen klassischem Historiendrama und dem 90er-Jahre-Horror-Pop schlägt. Wir wollten Staub und Steifheit vermeiden. Anstatt 1949 in sepiafarbene Entfremdung zu tauchen, haben wir durch Cosima Vallenzers bunte und intensive Farbwelt eine Lebendigkeit geschaffen, die das Jahr 1949 direkt mit den anderen Zeitebenen kurzschließt. Dadurch fühlt sich die Nachkriegszeit nicht wie Museumsstücke an, sondern wie ein unmittelbares, pulsierendes Element unserer Gegenwart.
Elisa Hofmann hat selbst beschrieben, dass sie sich über ihre eigene koreanisch-deutsche Biografie mit Jessies Suche nach Zugehörigkeit verbinden konnte. Wie stark fließen solche persönlichen Erfahrungen der Schauspielerinnen in Ihre Regiearbeit ein?
Elisa Hofmann und mich verbindet ein sehr besonderes Band, da wir zusammen aufgewachsen sind und aus derselben deutsch-koreanischen Diaspora stammen. «House of Yang» war bereits unser drittes Projekt und wir arbeiten bereits am nächsten. Dadurch ist es natürlich ein sehr vertrautes und absolut besonderes Arbeiten, das ich mit keiner anderen Schauspielerin in der Form erlebt habe. Darüber hinaus ist sie ein Ausnahmetalent. Ihr Background im Physical Theatre lässt sie Emotionen sehr explizit über den Körper prozessieren, was für die Darstellung von transgenerationalem Trauma extrem spannend ist: Das Trauma spielt dich, nicht du das Trauma.
Der Horror in «House of Yang» scheint eher schleichend als effektreich angelegt zu sein. Was macht Ihnen an dieser Form des Unheimlichen mehr Spaß als an klassischen Schockmomenten?
Ein Jump-Scare verfliegt nach einer Sekunde; die Unruhe, die durch das Sichtbarmachen von Identitätsverlust, verdrängter Schuld und gesellschaftlicher Ausgrenzung entsteht, nistet sich tief im Publikum ein und bleibt noch lange nach dem Abspann bestehen. Ich finde die Mischung von beidem interessant. Das Tolle am Horror-Genre ist: Es will unterhalten, nicht erziehen. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, auch negative Realitäten von Menschen erfahrbar und nachvollziehbar zu machen, und für mich ist das der Ausgangspunkt für mein kreatives Schaffen: Das Verschmelzen von Unterhaltung und Horizonterweiterung.
Die Serie arbeitet mit der Unsicherheit, ob das Geschehen tatsächlich übernatürlich ist oder ob Vergangenheit, Schuld und Erinnerung die Figuren verfolgen. Wie lange wollten Sie diese Mehrdeutigkeit bewusst erhalten?
Lange. Eigentlich für immer.
Sechs Folgen à 30 Minuten sind für eine Mysteryserie ein ungewöhnlich kompaktes Format. Hat diese Kürze Sie eher eingeschränkt oder gezwungen, erzählerisch konsequenter und dichter zu arbeiten?
Es hat uns im besten Sinne zu einer unheimlichen erzählerischen und visuellen Dichte gezwungen. Wir mussten fokussiert bleiben und durften keine Minute verschwenden. Ich kenne das Format schon aus anderen Genres wie zum Beispiel «How to Sell Drugs Online (Fast)». Die Kompaktheit und Schnelligkeit hat mir damals schon sehr viel Spaß gemacht. Ich bin ein ungeduldiger Mensch, deshalb holt es mich in meinem persönlichen Geschmack gut ab.
«House of Yang» erzählt eine deutsch-chinesische Familiengeschichte innerhalb einer deutschen Mysteryserie. Was sollte am Ende stärker nachwirken: die Auflösung des Geheimnisses um das Haus oder die Frage, wie sich eine Familie überhaupt aus den Mustern ihrer Vergangenheit befreien kann?
Die Frage ist schwer zu beantworten, ohne zu spoilern, und wird nach meinem Gefühl in Staffel eins auch nicht abschließend geklärt. Manches klärt sich auf und legt dadurch die Ebene darunter frei. Die Showrunnerin Stefanie Ren hat es meisterhaft verstanden, ihre eigenen Rassismuserfahrungen auf eine spannende, unterhaltende und zutiefst berührende Weise in die Drehbücher zu gießen. Ich bin selbst gespannt, in welche Richtung es sie für eine mögliche Staffel 2 treibt.
Damit haben Sie schon mal eine interessante Neuigkeit verraten! Danke für das Gespräch!
«House of Yang» ist am Freitag, 9. Oktober, zwischen 23.55 Uhr und 02.30 Uhr im Ersten zu sehen. Die Serie ist ab Freitag, 9. Oktober, in der ARD Mediathek abrufbar.