Buchclub: ‚Die Lücken‘: Ein Dorf trägt die deutsche Geschichte in seinen Mauern

Shida Bazyar gewinnt mit „Die Lücken“ den Deutschen Buchpreis 2026. Ihr Roman gräbt sich durch fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte und fragt, was Heimat bedeutet, wenn ihre Fundamente aus Verdrängung, Verlust und Neubeginn bestehen.

Es gibt Orte, die wirken auf den ersten Blick vollkommen gewöhnlich. Ein paar Straßen, Häuser, Familien, Menschen, die einander kennen und deren Geschichten irgendwann zu einer gemeinsamen Ortsgeschichte werden. Doch was passiert, wenn entscheidende Teile dieser Geschichte fehlen? Wenn über manche Menschen gesprochen wird und über andere nicht? Wenn Häuser noch stehen, aber niemand mehr erzählen möchte, wem sie früher einmal gehörten?

Genau dort setzt Shida Bazyar mit „Die Lücken“ an. Für ihren im September erschienenen Roman wurde die Autorin nun mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet. Die siebenköpfige Jury hatte insgesamt 205 Titel gesichtet, daraus zunächst 20 Bücher für die Longlist und anschließend sechs für die Shortlist ausgewählt. Am Ende fiel die Wahl auf Bazyars Roman und damit auf ein Buch, das sich mit nichts Geringerem als den Fundamenten von Heimat und Erinnerung beschäftigt.

Schauplatz ist Heimesbach im Hunsrück. Den Ort gibt es nicht, und trotzdem soll er sehr real wirken. Bazyar verdichtet dort rund 90 Jahre deutscher Geschichte und erzählt von Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten dieselben Straßen bewohnen. Jüdische Familien gehören ebenso dazu wie jene, die vom Nationalsozialismus profitieren und sich nach dessen Ende als unschuldige Mitläufer neu erfinden. Jahrzehnte später kommen die Familien Sharifi und Karimpour nach ihrer Flucht aus dem Iran hinzu. So entsteht keine klassische Familiengeschichte, die geradlinig von einer Generation zur nächsten führt. „Die Lücken“ ist vielmehr als Mosaik angelegt. Bazyar führt durch unterschiedliche Jahre und Köpfe und lässt Vergangenheit und Gegenwart immer wieder aufeinanderstoßen. Entscheidend ist dabei nicht nur, was erzählt wird. Mindestens ebenso wichtig ist das, worüber geschwiegen wurde.

Der Titel ist deshalb hervorragend gewählt. Die Lücken befinden sich nicht nur zwischen einzelnen Geschichten. Sie stecken in der Erinnerung des Ortes. Wer wurde aus der örtlichen Erzählung entfernt? Wer hat davon profitiert? Was wurde nach 1945 erzählt – und was lieber vergessen? Bazyar interessiert sich dafür, wie aus Schweigen irgendwann eine scheinbar harmlose Normalität entstehen kann. Das funktioniert besonders gut, weil Heimesbach kein außergewöhnlicher Ort sein muss. Gerade die Provinz eignet sich für diese Geschichte. Hier kennen Menschen ihre Nachbarn, Familien leben lange am selben Ort und Häuser wechseln über Generationen ihre Besitzer. Geschichte wird dadurch konkret. Verfolgung und Vertreibung sind keine abstrakten Ereignisse mehr, wenn plötzlich die Frage im Raum steht, wer früher in genau diesem Haus gelebt hat.

Bazyar beschäftigt sich aber nicht ausschließlich mit der NS-Vergangenheit. Sie führt ihre Geschichte weiter und stellt dem historischen Verlust die spätere Suche anderer Menschen nach Heimat gegenüber. Mit den Familien Sharifi und Karimpour kommen Menschen nach Heimesbach, die aus dem Iran geflohen sind und dort Sicherheit und Geborgenheit suchen. Dadurch verändert sich die zentrale Frage des Romans. Es geht nicht mehr nur darum, wer früher zu einem Ort gehörte. Es geht auch darum, wer heute dazugehören darf. Heimat erscheint damit nicht als etwas Selbstverständliches, das automatisch durch Geburt oder Wohnort entsteht. Sie wird von Menschen geschaffen, verändert und manchmal auch anderen Menschen vorenthalten.

Gerade diese Verbindung verschiedener Zeiten verhindert, dass „Die Lücken“ zu einem historischen Roman über ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte wird. Die Vergangenheit wirkt in die Gegenwart hinein. Häuser, Besitzverhältnisse, Familienerzählungen und gesellschaftliche Vorstellungen verschwinden schließlich nicht einfach, nur weil Jahrzehnte vergangen sind. Das Buch verlangt dabei Aufmerksamkeit. Wer einen historischen Roman mit einer einzelnen Hauptfigur und einer durchgehend chronologischen Handlung erwartet, bekommt etwas anderes. Bazyar setzt auf unterschiedliche Figuren, Zeiten und Perspektiven. Zusammenhänge müssen nach und nach zusammengesetzt werden. Aber genau das passt zum Thema: Auch Erinnerung liegt selten ordentlich sortiert vor.

„Die Lücken“ handelt letztlich von der Frage, wem Geschichte gehört. Denjenigen, die sie erlebt haben? Denjenigen, die sie weitererzählen? Oder vielleicht sogar jenen, die erfolgreich dafür sorgen, dass bestimmte Dinge irgendwann nicht mehr erzählt werden? Damit wird der Roman zugleich zu einer Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat. Heimat klingt zunächst warm: nach Herkunft, Sicherheit und Zugehörigkeit. Bazyar interessiert sich dagegen für die unbequemere Seite. Ein Ort kann für einen Menschen Heimat sein und für einen anderen der Ort, aus dem seine Familie vertrieben wurde. Ein Haus kann Geborgenheit bedeuten und gleichzeitig eine Vergangenheit besitzen, über die niemand sprechen möchte.

Dass „Die Lücken“ nun als Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, passt zu diesem Anspruch. Bazyar liefert kein gemütliches historisches Panorama, sondern beschäftigt sich damit, wie Erinnerung überhaupt entsteht. Die Vergangenheit ist bei ihr nichts Festgeschriebenes. Menschen erzählen sie, verändern sie, lassen Dinge weg und schaffen damit irgendwann eine Version, die nachfolgenden Generationen als Wahrheit erscheint. Gerade darin steckt die interessanteste Idee des Romans. Die Lücke ist nicht einfach ein fehlendes Stück Information, das man irgendwann wieder einsetzen kann. Sie kann selbst Teil der Geschichte werden. Wenn lange genug über etwas geschwiegen wird, verändert dieses Schweigen die Erinnerung an einen Ort.

Am Ende ist Heimesbach zwar erfunden. Die Fragen, die Shida Bazyar dort stellt, sind es nicht. Menschen kommen, Menschen verschwinden, andere ziehen in ihre Häuser, und irgendwann verändert sich die Geschichte darüber, wie alles gewesen sein soll. „Die Lücken“ interessiert sich genau für das, was dabei verloren geht.
06.10.2026 12:03 Uhr  •  Sebastian Schmitt Kurz-URL: qmde.de/176243